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Multiples Myelom

Erste Erfolge mit bispezifischem Antikörper

Der Wirkstoffkandidat AMG 420 hat in einer Phase-I-Studie mit Myelom-Patienten vielversprechende Ergebnisse erzielt. Nach einer mehrjährigen Immuntherapie mit dem bispezifischen Antikörper konnte bei 50 Prozent der Studienteilnehmer der Tumor nicht mehr nachgewiesen werden.
Kerstin A. Gräfe
02.04.2020  14:02 Uhr

Das Multiple Myelom (MM) ist nach der Leukämie die zweithäufigste Form von Blutkrebs und zählt jährlich rund 7000 Neuerkrankungen in Deutschland. Beim MM kommt es zu einer Anreicherung krankhaft veränderter Plasmazellen im Knochenmark. Die Plasmazellen können dadurch ihre Rolle im körpereigenen Immunsystem nicht mehr ausüben. Das unkontrollierte Wachstum führt zu einer allmählichen Verdrängung der normalen Blutbildung im Knochenmark.

Zudem beeinflussen die entarteten Zellen den Knochenstoffwechsel, sodass der Abbau der Knochen verstärkt und die Nierenfunktion eingeschränkt wird. Patienten leiden daher im fortgeschrittenen Stadium oft unter einer Vielzahl an Symptomen wie an einer erhöhten Infektanfälligkeit aufgrund des gestörten Immunsystems, an Müdigkeit durch Blutarmut sowie an Knochenschmerzen und -brüchen durch den veränderten Knochenstoffwechsel. Heilbar ist das MM nicht, jedoch können innovative Therapien die Krankheit so zurückdrängen. Heute erreicht knapp ein Drittel der Erkrankten in Deutschland eine Überlebenszeit von zehn Jahren.

AMG 420 ist ein gentechnisch hergestellter Antikörper des Biotec-Unternehmens Amgen. Da er zwei Zielproteine hat, wird er als bispezifisch (BiTE-Antikörper, Bi-specific T-cell Engager) bezeichnet. Zum einen richtet sich AMG 420 gegen das B-Zell-Reifungsantigen BMCA, das hauptsächlich auf Myelomzellen vorkommt; zum anderen gegen das Oberflächenprotein CD3, das sich auf T-Zellen befindet. Durch die Bindung an die beiden Proteine fungiert AMG 420 als Brücke zwischen den Krebs- und T-Zellen. Über die vom Antikörper gebildete Brücke kann die T-Zelle direkt Proteine und Enzyme in die Tumorzelle einschleusen, die dort den programmierten Zelltod auslösen. Mit Blinatumomab ist seit 2015 bereits ein erster BiTE-Antikörper in Deutschland zugelassen. Therapeutisch wird der Wirkstoff zur Behandlung spezieller Formen der akuten lymphatischen Leukämie genutzt.

In der im Fachmagazin »Journal of Clinical Oncology« publizierten Phase-I-Studie erhielten insgesamt 42 MM-Patienten per Infusion AMG 420. Hierbei ging es dem Team um Erstautor Professor Dr. Max S. Topp vom Universitätsklinikum Würzburg zunächst um das Finden der richtigen Dosis, die mit 400 mg pro Tag beziffert wurde. Diese wurde anschließend zehn Patienten verabreicht – jeweils in mehreren Zyklen und per Dauerinfusion. Je nach der individuell unterschiedlichen Anzahl an Zyklen dauerte die Behandlung bis zu 60 Wochen.

Sieben der zehn Patienten erreichten eine signifikante Remission, bei fünf Patienten konnte sogar keine minimale Resterkrankung mehr erkannt werden. Dabei hielt die Totalremission bei manchen Studienteilnehmern seit mittlerweile rund einem Jahr an. Die Krebserkrankung ist bei ihnen bislang nicht zurückgekehrt. Die Nebenwirkungen hielten sich laut Seniorautor Professor Dr. Hermann Einsele in einem akzeptablen Rahmen. Keiner der Probanden bedurfte einer Intensivbehandlung.

Das Prinzip der bispezifischen Antikörpertherapie sei zwischenzeitlich von vielen Firmen aufgenommen worden, so Einsele. Aktuell arbeite man zum Beispiel daran, die Antikörper so abzuändern, dass statt einer Dauerinfusion eine einmalige Infusion pro Zykluswoche ausreicht. Möglicherweise könne die Behandlung mit bispezifischen Antikörpern schon in ein bis zwei Jahren in die Routine-Versorgung von Myelom-Patienten übergehen.

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