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Das »coronarchiv«
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Erinnerungen für die Zukunft

Kaum jemand erinnert sich an die Asiatische Grippe 1957/58 oder die Hongkong-Grippe 1968/69. Außer den medizinischen Daten ist wenig dokumentiert. Vielleicht haben es diese Epidemien deshalb nicht ins kollektive Gedächtnis geschafft.
AutorKontaktHannelore Gießen
Datum 14.08.2020  07:00 Uhr

Spiegel der Gesellschaft?

Selbstverständlich kann ein so offenes Projekt die Meinung und Stimmung der Bevölkerung nicht repräsentativ widerspiegeln. »Ich wünsche mir bei den eingestellten Objekten noch mehr Diversität«, sagt Logge. »Unsere Beitragenden sind überwiegend weiß und deutsch und gehören der Mittelschicht an. Wir freuen uns sehr, wenn das »coronarchiv« bei breiteren gesellschaftlichen Kreisen ankommt. Momentan erreichen wir vor allem Menschen, die technikaffin sind und ein Interesse daran haben, sich selbst zu dokumentieren«, führt der Historiker weiter aus.

Seit Ende März existiert das Archiv.  Und auch einige Städte und Landkreise sammeln gezielt. So baut beispielsweise das Kreisarchiv des Landkreises Heilbronn ein regionales »coronarchiv« auf, das bereits über 300 Objekte enthält.

Wie lange wird gesammelt werden? Wenn die Bürger keine Beträge mehr einreichen oder wenn die Fördergelder oder Verträge auslaufen, ist die Sammlung abgeschlossen, so Logge. Eine Langzeitarchivierung soll aber auf jeden Fall gesichert werden, sodass das Archiv weiter von außen genutzt werden kann.

Internationale Vernetzung

Seit Mitte Mai gibt es auch eine englische Seite des »coronarchivs«. Damit sollen sowohl sogenannte native Speaker erreicht werden als auch Menschen, die Englisch als zweite Sprache benutzen. Derzeit wird die Internetseite des »coronarchivs« auch ins Spanische und Portugiesische übersetzt. Das Archiv steht zudem in direktem Austausch mit US-amerikanischen, luxemburgischen und österreichischen Historikern, die ähnliche Projekte gestartet haben.

Die internationale Föderation für Public History, (International Federation for Public History IFPH) hat eine Karte erstellt, um Projekte zu kennzeichnen, die Leben und Geschichten während des Infektionsgeschehens dokumentieren. Weltweit gibt es zahlreiche Datenbanken, die während der Pandemie Erinnerungen und Beobachtungen sammeln. Die Historiker des »coronarchivs« streben eine Vernetzung verschiedener internationaler Projekte an, um später eine vergleichende Forschung innereuropäisch und international zu ermöglichen.

Eine Pandemie, die die enge globale Vernetzung deutlich macht, ist ein historisches Ereignis, wenn auch ein unerwartetes und  höchst unerfreuliches, aber es stellt eine Zäsur dar. Unsere täglichen Erfahrungen, Geschichten, Bilder, Erinnerungsstücke und Sammlungen werden einmal eine primäre Quelle für spätere Generationen darstellen, um zu erfahren, wie es damals war.

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