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Gabapentin und Pregabalin

Erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten – besonders bei Jüngeren

Gabapentinoide werden immer häufiger zur Therapie von Epilepsie, neuropathischen Schmerzen und Angststörungen eingesetzt. Ihre Einnahme ist jedoch mit einem erhöhten Risiko für unabsichtliche Überdosierungen, suizidalem Verhalten und Verkehrsunfällen assoziiert, zeigt eine neue Studie.
Daniela Hüttemann
20.06.2019
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Die Verordnungszahlen sogenannter Gabapentinoide, von denen Gabapentin und Pregabalin in der EU zugelassen sind, sind in den vergangenen Jahren stark angestiegen, berichten Forscher um Professor Dr. Seena Fazel vom Department of Psychiatry des Warneford Hospital an der Universität Oxford im »British Medical Journal«. Pregabalin (Lyrica® von Pfizer) zählte 2018 zu den 15 umsatzstärksten Medikamenten weltweit. Gabapentinoide werden zunehmend auch missbräuchlich zu Rauschzwecken, oft als Opioid-Ersatz oder Beikonsum, genutzt.

Zwar gibt es schon seit Längerem Hinweise darauf, dass die Einnahme mit suizidalem Verhalten und Todesfällen durch Überdosierungen assoziiert ist, doch bislang konnten keine genauen Schlüsse gezogen werden. Daher analysierten Fazel und Kollegen nun die Daten von 191.973 schwedischen Patienten ab einem Alter von 15 Jahren, die entweder Gabapentin oder Pregabalin zwischen 2006 und 2013 verordnet bekommen hatten. Die Daten stammen aus dem Swedish Prescribed Drug Register. 59 Prozent der Patienten waren Frauen, der Großteil war älter als 45 Jahre.

Die Wissenschaftler verglichen in ihrer Analyse die Risiken während der Arzneimitteleinnahme mit denen in behandlungsfreien Zeiträumen. Dabei war jeder Patient seine eigene Kontrolle. Das Ergebnis: Das Risiko für suizidales Verhalten oder Tod durch Suizid stieg unter Einnahme von Gabapentin oder Pregabalin um 26 Prozent. Das Risiko für eine unabsichtliche Überdosierung mit Medikamenten, illegalen Drogen oder Alkohol war um 24 Prozent erhöht. Unfallverletzungen traten um 22 Prozent öfter auf, Verkehrsunfälle um 13 Prozent. Es gab jedoch keine statistisch signifikante Erhöhung für Gewaltverbrechen. Insgesamt scheint dabei vor allem Pregabalin problematisch zu sein. Einzeln betrachtet erhöhte sich das Schadensrisiko nur unter diesem Arzneistoff, jedoch nicht unter Gabapentin.

Die Forscher schauten sich auch die unterschiedlichen Altersgruppen an. Dabei stellten sie fest, dass die Gruppe der 15- bis 24-Jährigen das höchste Risiko für die untersuchten unerwünschten Effekte hatte. Die Autoren vermuten, dass dies mit einer in dem Alter ohnehin erhöhten Impulsivität und eher risikobehafteten Verhalten zusammenhängen könnte – oder dem Parallelkonsum von Alkohol und illegalen Drogen. Dieser beobachtete Zusammenhang sollte nochmals genauer untersucht werden, schlagen die Autoren vor. Sie schränken ein, dass das Studiendesign keinen kausalen Zusammenhang nachweisen kann.

Trotz berechtigter Bedenken blieben Gabapentinoide wertvolle therapeutische Optionen für viele Patienten, gibt der Psychiater Dr. Derek Tracy vom Queen Mary’s Hospital in London in einem Kommentar zu bedenken. »Medikamente können sowohl schaden als auch heilen. Die beste Therapieentscheidung kann nur in vollwertiger Partnerschaft mit dem Patienten getroffen werden unter Berücksichtigung aller verfügbarer Evidenz zu beiden Aspekten.«

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