| Kerstin A. Gräfe |
| 02.07.2026 07:00 Uhr |
Der kardiale Myosin-Inhibitor Aficamten verbessert die maximale Sauerstoffkapazität bei obstruktiver hypertropher Kardiomyopathie. / © Shutterstock/vectorfusionart
Die hypertrophe Kardiomyopathie (HCM) zählt zu den häufigsten erblichen Herzerkrankungen. Charakteristisch ist eine Verdickung des Herzmuskels. Bei etwa zwei Drittel der Betroffenen kommt es dadurch zu einer zunehmenden Verengung des linksventrikulären Ausflusstrakts (hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie, HOCM), die maßgeblich für die Symptome verantwortlich ist. Dazu zählen Belastungsdyspnoe, fortschreitende Herzinsuffizienz, Angina pectoris, Palpitationen, Vorhofflimmern, Schwindel und Synkopen, oft belastungsinduziert.
Ursächlich sind Mutationen in den Sarkomeren, den kontraktilen Proteinen der Herzmuskelzellen. Die genetischen Veränderungen führen zu einer vermehrten Bildung sogenannter Aktin-Myosin-Querbrücken und in der Folge zur Überkontraktion des Muskels. Als reversibler allosterischer kardialer Myosin-Inhibitor bindet Aficamten an die Motordomäne des kardialen Myosins und verhindert, dass es in den kraftproduzierenden Zustand eintritt.
Aficamten (Myqorzo® 5, 10, 15 und 20 mg Filmtabletten, Cytokinetics) ist indiziert bei erwachsenen Patienten zur Behandlung der symptomatischen HOCM der NYHA-Klassen II bis III. Vor Behandlungsbeginn ist die linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF) echokardiografisch zu bestimmen. Sie muss bei mindestens 55 Prozent liegen.
Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 5 mg einmal täglich. Anschließend wird die Behandlung alle zwei bis acht Wochen um 5 mg erhöht, bis eine individuelle tägliche Dosis (Erhaltungsdosis) oder die Tageshöchstdosis von 20 mg erreicht ist. Eine Kontrolle mittels Echokardiografie erfolgt zwei bis acht Wochen nach Behandlungsbeginn sowie nach jeder Dosisanpassung oder nach Behandlungsunterbrechung. Sobald die Patienten eine stabile Dosis Aficamten erhalten, werden Echokardiografien nur noch alle drei bis sechs Monate durchgeführt.
Diverse Dosisanpassungen sind auch in Sachen Wechselwirkungen zu beachten. Aficamten wird durch CYP2C9-, CYP2D6- und CYP3A-Enzyme metabolisiert. Die gleichzeitige Gabe bestimmter Arzneimittel, die mehrere P450-Eliminationswege von Aficamten hemmen, starke CYP2C9-Inhibitoren sowie moderate bis starke CYP2C9- oder CYP3A-Induktoren kann die Exposition gegenüber Aficamten beeinflussen. Detaillierte Angaben zu den jeweiligen Dosisanpassungen finden sich in der Fachinformation.
Kontraindiziert ist die gleichzeitige Anwendung mit moderaten CYP2C9-Inhibitoren, die auch moderate bis starke CYP2D6- oder CYP3A-Inhibitoren sind (zum Beispiel Fluconazol oder Adagrasib). Dasselbe gilt für die gleichzeitige Gabe mit starken CYP3A4-Induktoren, die auch moderate CYP2C9-Induktoren sind. Dazu zählen zum Beispiel Rifampicin oder Johanniskraut.
Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Behandlung eine zuverlässige Verhütungsmethode anwenden. Schwangere sollten kein Aficamten einnehmen, es sei denn, die Therapie ist aufgrund des klinischen Zustands der Frau erforderlich. In der Stillzeit ist zu entscheiden, ob das Stillen zu unterbrechen ist oder ob auf die Behandlung verzichtet werden soll.
Die Zulassung basiert auf der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Phase-III-Studie SEQUOIA-HCM an 282 erwachsenen Patienten mit symptomatischer HOCM der NYHA-Klassen II oder III. Die Patienten erhielten über 24 Wochen einmal täglich Aficamten oder Placebo. Primärer Endpunkt war die Veränderung der Belastungskapazität nach 24 Wochen, gemessen anhand der maximalen Sauerstoffaufnahme (pVO₂) im Rahmen einer Spiroergometrie.
Unter Aficamten verbesserte sich die pVO₂ gegenüber Placebo statistisch signifikant: Die mittlere Differenz gegenüber Placebo betrug 1,74 ml/kg/min. Auch in den sekundären Endpunkten zeigten sich signifikante Unterschiede zugunsten von Aficamten, zum Beispiel hinsichtlich der Lebensqualität, der Herzinsuffizienz-Symptomatik und der Indikation für eine invasive Septumreduktion.
Als häufige Nebenwirkungen traten Schwindelgefühl, Störung in der Systole, Palpitationen und hoher Blutdruck auf.
Aficamten hat durchaus überzeugende Studienergebnisse bei der HOCM vorzuweisen. In der Studie SEQUOIA-HCM war die Verbesserung der pVO₂ von Behandlungsbeginn bis Woche 24 in der Aficamten-Gruppe im Vergleich zur Placebogruppe statistisch signifikant größer. Auch der Bedarf für eine Septumreduktionstherapie, einer der sekundären Endpunkte, war in der Verumgruppe seltener.
Dennoch ist Aficamten vorerst als Analogpräparat einzustufen. Denn vor drei Jahren wurde mit Mavacamten bereits ein sehr ähnlicher Arzneistoff zugelassen, der ebenso auf die zugrunde liegende Pathophysiologie der HOCM abzielt. Beide Substanzen sind selektive kardiale Myosin-Inhibitoren und haben ein identisches Anwendungsgebiet: die Behandlung von Erwachsenen mit symptomatischer HOCM in den NYHA-Klassen II bis III. Ein direkter Vergleich von Mavacamten mit Aficamten könnte klären, welcher Arzneistoff möglicherweise wirksamer ist.
Bei den vielen Gemeinsamkeiten gibt es aber auch einen Unterschied: Anders als bei Mavacamten sind Patienten unter Aficamten nicht auf das Enzym CYP2C19 zu genotypisieren, um die Dosis zu bestimmen. Das macht die Therapie mit Aficamten anfangs vielleicht etwas einfacher, rechtfertigt aber dennoch vorläufig keine höhere Einstufung.
Sven Siebenand, Chefredakteur