| Barbara Döring |
| 16.10.2026 07:00 Uhr |
Gleiches Gefühl, andere Wahrnehmung – Entfremdung vom eigenen Ich können Menschen als beängstigend, aber auch als bereichernd erleben. / © Getty Images/Francesco Carta fotografo
Depersonalisations- und Derealisations-Erfahrungen sind häufige Folgen von großem Stress, Depressionen, Angststörungen oder Traumata. Betroffene fühlen sich nicht mehr richtig mit sich selbst oder der Welt verbunden. Gedanken, Gefühle und der eigene Körper wirken fremd, und es fühlt sich an, als beobachte man sein Leben von außen. Ähnliche Erfahrungen treten auch bei Meditierenden auf, die sie jedoch eher als positiv empfinden.
Um zu untersuchen, wie sich das Erlebte unter den verschiedenen Voraussetzungen unterscheidet, befragten Forschende 121 Personen, die entweder unter psychischer Belastung oder während der Meditation Entfremdung erfahren hatten. Beide Gruppen schilderten die Erlebnisse sehr ähnlich. Der entscheidende Unterschied lag in der eigenen Bewertung: Bei psychischer Belastung beschrieben die Teilnehmenden die Erfahrungen häufiger als belastend, beängstigend oder verwirrend, bei oder nach Meditation deutlich häufiger als spirituell bedeutsam, bereichernd oder erkenntnisreich.
»Unsere Ergebnisse zeigen, dass nicht allein das Erlebnis selbst entscheidend ist, sondern auch der Kontext, in dem es steht und interpretiert wird«, erläutert Erstautorin Erola Pons von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen. Gleichzeitig sei es wichtig zu betonen, dass die positiven Berichte im Zusammenhang mit Meditation die Erfahrungen von Menschen unter psychischem Stress nicht relativierten.
Die Ergebnisse, die im Fachjournal »Scientific Reports« erschienen sind, geben dem Forschungsteam zufolge Impulse für weitere Untersuchungen und Therapien. So könnten Menschen mit Depersonalisationsstörungen womöglich etwas von der Art lernen, wie Meditierende damit umgehen. »Unsere Studie legt nahe, dass Veränderungen des Selbsterlebens nicht automatisch als krankhaft betrachtet werden sollten«, sagt Mitautor Dr. Axel Lindner. Ob eine Person ein solches Erleben als Einsicht oder als Belastung wahrnehme, hänge weniger vom Erlebnis selbst als davon ab, wie es begleitet wird und wie man darauf vorbereitet ist.
Auch zeigte sich, dass nicht nur bei langjährig Meditierenden die Wahrnehmungsveränderungen auftraten. Manch einer erlebte sie schon nach weniger als 100 Stunden Praxis. Und nicht immer waren die Erfahrungen dabei positiv. Manche Teilnehmenden hatte die Entfremdung unter Meditation eher verunsichert und ihnen zu schaffen gemacht. Die Forschenden wünschen sich deshalb eine bessere Aufklärung zu solchen Phänomenen und eine entsprechende Begleitung bei Meditationsangeboten.