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Plötzlicher Herztod

Eine Sache von Minuten

Kammerflimmern ist die häufigste Ursache für den plötzlichen Herztod. Wie der Name schon sagt, verliert der Betroffene dabei plötzlich und unerwartet das Bewusstsein. Ohne sofortige Wiederbelebungsmaßnahmen stirbt er innerhalb weniger Minuten. Ein prominentes Opfer war der US-amerikanische Sänger Tom Petty.
Annette Mende
23.01.2019  08:00 Uhr

Tom Petty & The Heartbreakers hieß die Band, mit der Tom Petty seine größten Erfolge feierte – rückblickend betrachtet ein unheilverheißender Name. »Ausgerechnet das Herz versagte dem Mann, der einst seine Band The Heartbreakers genannt hatte, am Ende seinen Dienst«, sagte Professor Dr. Theo Dingermann von der Goethe-Universität Frankfurt am Main beim Fortbildungskongress Pharmacon in Schladming. Es sei nicht unwahrscheinlich, dass Petty durch seinen exzessiven Drogen- und Medikamentenkonsum selbst dazu beigetragen habe.

Denn Drogen, namentlich Kokain, aber auch Opioide erhöhen das Risiko für plötzlichen Herztod. Kokain, indem es die Herzfrequenz und den Blutdruck steigert und die Herzkranzgefäße kontrahiert, Opioide, indem sie die Reizweiterleitung am Herzen durch Hemmung bestimmter spannungsabhängiger Kaliumkanäle (hERG) durcheinanderbringen. »In Pettys Blut wurden bei der Obduktion sowohl Kokain als auch Fentanyl und Oxycodon nachgewiesen«, sagte Dingermann. Der Tod des Sängers im Oktober 2017 war daher vermutlich (auch) darauf zurückzuführen.

In der Allgemeinbevölkerung, deren Drogenkonsum normalerweise deutlich geringer ist als der US-amerikanischer Rockstars, spielen hinsichtlich des plötzlichen Herztods andere Risikofaktoren eine Rolle, nämlich eine Hypokaliämie, aber vor allem Arzneimittel, die die QT-Zeit verlängern. Hierzu zählen Antiarrhythmika, Psychopharmaka wie Phenothiazine und trizyklische Antidepressiva, Malariamittel wie Chinin und Chloroquin sowie Antiinfektiva wie Chinolone, Makrolide und Azole. Sie begünstigen eine ventrikuläre Tachykardie, also eine durch chaotische Reizweiterleitung ausgelöste Herzrhythmusstörung, die von den Herzkammern ausgeht.

Das Herz kann sich in diesem Zustand zwischen den Schlägen nicht mehr ausreichend mit Blut füllen und das gepumpte Volumen nimmt ab. Dadurch wird auch der Herzmuskel selbst weniger mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt, während er gleichzeitig durch das häufigere Schlagen aber mehr verbraucht. Die Tachykardie geht in ein Kammerflattern und dann in das Kammerflimmern über. Dabei zieht sich das Herz überhaupt nicht mehr zusammen, sondern zittert beziehungsweise flimmert nur noch.

Am häufigsten morgens

Die Ursache für die Rhythmusstörung ist meist eine Schädigung des Herzmuskels durch eine vorübergehende Durchblutungsstörung – ein Herzinfarkt. So ist bei Patienten, die einen Herzinfarkt überlebt haben, das relative Risiko für einen plötzlichen Herztod deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung. Absolut betrachtet entfallen aber die meisten Todesfälle auf die Allgemeinbevölkerung, informierte Dingermann. Kritischster Zeitraum des Tages sind die frühen Morgenstunden beziehungsweise die ersten Stunden nach dem Erwachen.

Symptome einer Kammertachykardie sind Brustschmerzen, Atemnot, Schwindel und Herzklopfen. Sehr schnell, nämlich innerhalb von 1 bis 2 Minuten, verliert der Patient das Bewusstsein. Ohne fremdes Eingreifen kommt es innerhalb von 3 bis 5 Minuten zu bleibenden Schäden und innerhalb von 10 Minuten zum Tod.

Herzdruckmassage und Defibrillator

Wichtigste therapeutische Maßnahme ist die Herzdruckmassage. »Ich kann nur jedem raten, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, wie man das macht«, sagte Dingermann. Der Patient wird dazu flach auf den Rücken gelegt und der Helfer presst 30 Mal hintereinander kräftig auf den Brustkorb, gibt zwei Atemspenden und presst dann wieder weiter. Ist ein Defibrillator verfügbar, muss dieser schnellstmöglich angeschlossen und die Anweisungen des Geräts befolgt werden. Die Überlebenswahrscheinlichkeit erhöht sich dadurch von 0 bis 2 Prozent (keine Maßnahme) auf 2 bis 8 Prozent (frühe Herzdruckmassage, späte Defibrillation) beziehungsweise 20 Prozent (frühe Herzdruckmassage, frühe Defibrillation). Die medikamentöse Notfallbehandlung umfasst die intravenöse Gabe von Ajmalin oder Amiodaron. Sie kann die Überlebenswahrscheinlichkeit weiter auf maximal 30 Prozent steigern.

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