| Sven Siebenand |
| 27.05.2026 15:00 Uhr |
Das Tourette-Syndrom ist eine chronische neuropsychiatrische Erkrankung, die meist bereits im Kindesalter beginnt. / © GettyImages/ Andrii Dodonov
Das Tourette-Syndrom ist eine chronische neuropsychiatrische Erkrankung, die meist bereits im Kindesalter beginnt. Charakteristisch sind motorische und vokale Tics, also unwillkürliche Bewegungen und Lautäußerungen. Schätzungen zufolge sind etwa 0,4 bis 0,7 Prozent der Bevölkerung betroffen. Neben den Tics leiden viele Patienten unter Begleiterkrankungen wie ADHS, Angststörungen oder Zwangssymptomen.
Leitlinien empfehlen zunächst verhaltenstherapeutische Verfahren zur Behandlung der Tics. Reicht dies nicht aus, kommen häufig Neuroleptika wie Aripiprazol oder Tiaprid im Off-Label-Use zum Einsatz. Diese wirken überwiegend über den Dopamin-D2-Rezeptor und können die Tic-Symptomatik reduzieren. Allerdings sind die Therapien oft mit Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Gewichtszunahme oder Bewegungsstörungen verbunden, was nicht selten zu Therapieabbrüchen führt.
Der einzige in Deutschland beim Tourette-Syndrom zugelassene Wirkstoff, Haloperidol, wird wegen häufiger und starker unerwünschter Wirkungen nicht mehr empfohlen, so Professor Dr. Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover gegenüber dem Science Media Center (SMC). Daher werde dringend nach neuen Behandlungen gesucht, die wirksamer und besser verträglich sind.
Mit Ecopipam könnte es eines Tages eine neue pharmakologische Option zur Zulassung bringen. Der Wirkstoff unterscheidet sich von bisherigen Pharmaka dadurch, dass er selektiv am Dopamin-D1-Rezeptor ansetzt. Dadurch soll die Tic-Symptomatik beeinflusst werden, ohne typische metabolische Nebenwirkungen anderer Antipsychotika hervorzurufen.
Untersucht wurde Ecopipam nun in einer Phase-III-Studie mit insgesamt 216 Teilnehmenden, überwiegend Kindern und Jugendlichen. Zunächst erhielten alle Patienten zwölf Wochen lang den Wirkstoff. Diejenigen, die auf die Behandlung ansprachen, wurden anschließend randomisiert: Eine Gruppe erhielt weiterhin Ecopipam, die andere Placebo. Primärer Endpunkt war die Zeit bis zum Wiederauftreten der Tic-Symptomatik.
Die Ergebnisse sind im Fachjournal »JAMA Neurology« publiziert worden. Sie sprechen für eine anhaltende Wirksamkeit des Medikaments. Unter Ecopipam war das Risiko eines Rückfalls im Vergleich zu Placebo nahezu halbiert (Hazard Ratio 0,47). Zudem zeigte sich ein günstiges Sicherheitsprofil: Weder Gewichtszunahme noch relevante Stoffwechselveränderungen wurden beobachtet. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehörten Müdigkeit, Angst und Kopfschmerzen, jeweils bei etwa jedem zehnten Teilnehmer.
Professor Dr. Marcel Romanos vom Universitätsklinikum Würzburg bewertet die Studienergebnisse gegenüber dem SMC grundsätzlich positiv. Besonders hervorzuheben seien die gute Verträglichkeit und der vergleichsweise lange Beobachtungszeitraum von 24 Wochen. Allerdings habe die Studie nicht die grundsätzliche Wirksamkeit gegenüber etablierten Therapien untersucht, sondern vor allem den langfristigen Erhalt eines Therapieeffekts. »Insofern wird erst in zukünftigen Phase-III-Studien im direkten Head-to-Head-Vergleich mit etablierten Substanzen geklärt werden können, welchen klinischen Stellenwert die neue Substanz in der Behandlung einnehmen kann.«