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Wurst-Skandal

Drei Todesfälle durch Listeriose

Drei Personen außerhalb Hessens sind an einer Infektion mit einem speziellen Listerien-Typ gestorben, berichtet das Robert-Koch-Institut (RKI). Es geht davon aus, dass die Erreger aus ein und derselben Infektionsquelle stammen. Dies könnte der hessische Lebensmittelbetrieb Wilke sein.
Christina Hohmann-Jeddi
11.10.2019
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Anfang Oktober wurde bekannt, dass der Wursthersteller Wilke mit Listerien kontaminierte Produkte verkauft haben soll. Der Betrieb ist inzwischen geschlossen. Der nordhessische Landkreis Waldeck-Frankenberg, der für die Überwachung und die Schließung des Betriebs in Twistetal-Berndorf verantwortlich ist, sprach bislang von zwei Opfern aus Südhessen. Diese beiden Personen hatten zwar Listeriose, diese war aber nicht Todesursache, wie inzwischen bekannt ist. Nach einem aktuellen Bericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind drei Patienten außerhalb Hessens, jeweils einer in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt »direkt oder indirekt an der Listeriose« verstorben. Die Todesfälle traten schon im Jahr 2018 beziehungsweise 2017 auf.

Dem Bericht im »Epidemiologischen Bulletin« Nummer 41/2019 zufolge wurde 2018 eine Häufung von Infektionen mit einem bestimmten Listerien-Typ identifiziert. Diesem Ausbruch, der den Namen Sigma1 erhielt und bis in das Jahr 2014 zurückreicht, können inzwischen 37 Erkrankungen aus zwölf Bundesländern zugeordnet werden. Davon traten neun im Jahr 2019 auf. Die Altersspanne der Patienten liegt zwischen 31 und 91 Jahren. Es sind 18 Frauen und 19 Männer betroffen. Schwangerschafts-assoziierte Fälle wurden keine übermittelt. Da die Genomsequenzen der Listerien-Isolate sehr ähnlich, die Erreger also nahe verwandt waren, geht das RKI davon aus, »dass die Patienten sich an einer gemeinsamen Quelle infiziert haben«.

Bei der Untersuchung des Ausbruchs stellte sich heraus, dass eine ungewöhnlich hohe Zahl der Patienten vor Ausbruch der Listeriose in Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäusern, Reha-Zentren und Pflegeheimen versorgt worden waren. Das RKI vermutete die Infektionsquelle bei den verwendeten Lebensmitteln in den Gesundheitseinrichtungen. Um die Quelle zu entdecken, wurden die Lieferbeziehungen von neun Einrichtungen, in denen Listerien-Infektionen aufgetreten waren, ermittelt und nach Gemeinsamkeiten gesucht. Dies veranlasste die Experten am RKI dazu, die Isolate von Sigma1-Patienten mit einem Isolat »aus Lebensmitteln eines nicht näher benannten Betriebs aus Hessen« abzugleichen. Dabei wurde »eine sehr nahe Verwandschaft des Listerien-Isolate der Patienten und aus dem Lebensmittel festgestellt«, heißt es in dem Bericht.

Seit dem Bericht wisse man von drei Todesopfern, sagte Hessens Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne) gegenüber der Deutschen Presseagentur. Laut dpa waren in Wilke-Wurst wiederholt Listerien nachgewiesen worden. Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung gegen den Geschäftsführer. Die Firma wehrt sich gegen die Schließung.

Der Erreger

Erreger einer Listeriose sind gramnegative Bakterien der Gattung Listeria. Am häufigsten löst die Art Listeria monocytogenes Erkrankungen beim Menschen aus. Die Keime sind weltweit verbreitet und kommen ubiquitär in der Umwelt vor, insbesondere in der Erde und somit auch auf Pflanzen, in Abwässern und im landwirtschaftlichen Bereich. In der Regel gelangen sie über kontaminierte Lebensmittel in den Menschen. Listerien können dabei in einer Vielzahl von tierischen Produkten wie Wurst, Fleisch, Räucherfisch, Milch und Milchprodukten, vor allem wenn sie roh sind, aber auch auf Rohkost oder Salat vorkommen.

Während eine Listeriose bei gesunden Menschen in der Regel keine Erkrankung oder nur eine leichte, uncharakteristische fieberhafte Reaktion hervorruft, können die Keime für Menschen mit geschwächtem Immunsystem lebensgefährlich sein. Hierzu zählt das RKI Neugeborene, alte Menschen, Patienten mit chronischen Erkrankungen (wie Tumoren, Aids) oder unter Glucocorticoid-Therapie, Transplantierte und Schwangere.

Infektionen während der Schwangerschaft können zu Fehl-, Früh-, Totgeburt oder zur Geburt eines erkrankten Kindes führen. Bei älteren und abwehrgeschwächten Personen können Listerien schwere Krankheitsbilder hervorrufen, wie Sepsis, Meningitis oder Enzephalitis. Diese sind mit einer hohen Sterblichkeit von etwa 30 Prozent assoziiert. Die Zahl der Listeriosen schwankt in Deutschland von etwa 300 bis 700 pro Jahr.

Erkrankungen werden antibiotisch behandelt. Laut RKI gelten als Mittel der ersten Wahl Amoxicillin oder Ampicillin hoch dosiert, kombiniert mit einem Aminoglykosid (sofern nicht zum Beispiel wegen Schwangerschaft kontraindiziert). In zweiter Linie ist Cotrimoxazol zu empfehlen. Andere Medikamente werden nicht empfohlen. Die Therapiedauer sollte mindestens drei Wochen, bei Komplikationen sogar vier bis sechs Wochen betragen.

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