| Annette Rößler |
| 17.07.2026 16:20 Uhr |
Für die gesundheitsschädlichen Wirkungen von Übergewicht ist vor allem das Bauchfett verantwortlich. Berücksichtigt man dies, steigt der Anteil von Übergewicht-assoziierten Krebsfällen von 5,5 auf 11,5 Prozent. / © Adobe Stock/Ljupco Smokovski
Bisherigen Schätzungen zufolge gehen 2 bis 8 Prozent aller Krebsfälle auf Übergewicht und Adipositas zurück. Allerdings muss dieser Wert laut einer aktuellen Publikation von Forschenden des DKFZ in Heidelberg im Fachjournal »Cancer Communications« deutlich nach oben korrigiert werden. Das Team um Luna Kiran Adhikari schätzt darin den Anteil der durch Übergewicht verursachten Krebsfälle auf bis zu 11,5 Prozent – eine Verdopplung der bisherigen Annahmen.
Den Ausgangspunkt der Forschungsarbeit bildeten Überlegungen zum Body Mass Index (BMI). Dieser berücksichtigt wichtige Parameter wie die Körperzusammensetzung und die Fettverteilung bekanntlich gar nicht, dient aber immer noch zur Kategorisierung von Übergewicht und Adipositas. Für die Krebsentstehung ist vor allem das metabolisch aktive viszerale Fettgewebe wichtig. Um die Stärke des Einflusses des Fettgewebes auf die Krebsentstehung korrekt zu quantifizieren, müssten daher statt des BMI Werte wie der Taillenumfang oder das Taille-Hüft-Verhältnis herangezogen werden, mit denen eine bauchbetonte Adipositas erfasst wird.
Unter diesem Aspekt analysierte das Team die Daten von 458.543 Frauen und Männern, die in der britischen UK Biobank gespeichert waren, auf die Zusammenhänge zwischen Übergewicht und Krebs. Die Teilnehmenden waren zu Beginn im Median 57 Jahre alt, hatten einen BMI von 26,7 und einen Taillenumfang von 83,0 cm (Frauen) beziehungsweise 96,0 cm (Männer). Während des Beobachtungszeitraums von median 11,8 Jahren traten 50.136 neue Krebserkrankungen auf.
Legten die Forschenden den BMI zugrunde, standen 5,5 Prozent der Krebsfälle mit Übergewicht in Zusammenhang. Verwendeten sie stattdessen den Taillenumfang zur Kategorisierung, stieg der Anteil Übergewicht-assoziierter Krebserkrankungen auf 11,5 Prozent.
Dabei berücksichtigten sie einen weiteren Umstand, der bislang in solchen Studien außer Acht gelassen wurde, nämlich den, dass eine Krebserkrankung häufig schon zu einem Gewichtsverlust führt, bevor sie erkannt wird. Zum Zeitpunkt der Diagnosestellung haben die Patienten also bereits abgenommen, was den statistischen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebs abschwächt. Das Team zog daher nicht das Gewicht und den Taillenumfang bei Diagnosestellung heran, sondern sieben Jahre zuvor.
In einer Pressemitteilung des DKFZ ordnet Seniorautor Professor Dr. Hermann Brenner die Ergebnisse ein: »Da die Verbreitung des Übergewichts in den meisten Ländern weiter zunimmt und die Bevölkerung gleichzeitig altert, dürfte die Zahl der dadurch verursachten Krebserkrankungen künftig weiter deutlich steigen. Effektive Strategien zur Vorbeugung und Behandlung des Übergewichts könnten daher einen wesentlich größeren Beitrag zur Krebsprävention leisten als bislang angenommen.«