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Endokrine Therapie bei Brustkrebs

Doppelt hält besser

Bei Hormonrezeptor-positivem (HR+), HER2-negativem, fortgeschrittenem Brustkrebs ist nicht die Chemotherapie die erste Wahl, sondern die endokrine Therapie. Deren Effektivität lässt sich durch die Hinzunahme eines CDK4/6-Hemmers deutlich steigern. Der neueste Vertreter dieser Wirkstoffklasse ist Abemaciclib.
Annette Mende
11.10.2018
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In Deutschland erkranken jährlich etwa 70.000 Frauen neu an Brustkrebs. 5 bis 10 Prozent von ihnen haben bereits bei der Diagnosestellung Fernmetastasen, bei weiteren 20 Prozent kommt es unter oder nach der Therapie zu einem Progress. »Diese Patientinnen sterben alle an der Erkrankung. Bei ihnen geht es darum, ihnen ein möglichst langes Leben mit möglichst hoher Lebensqualität zu ermöglichen«, sagte Dr. Norbert Marschner von der Praxis für interdisziplinäre Onkologie und Hämatologie in Freiburg bei einer Pressekonferenz von Lilly in Berlin.

Je nach Rezeptorstatus unterscheidet man mehrere Subtypen des Mammakarzinoms, von denen HR+/HER2- mit 60 Prozent der häufigste ist. Bei Patientinnen mit diesem Subtyp und fortgeschrittener Erkrankung ist es sinnvoller, das hormonvermittelte Wachstumssignal für den Tumor mittels einer endokrinen Therapie zu blockieren als mit einer Chemotherapie allgemein das Krebswachstum zu bekämpfen: Die endokrine Therapie ist besser wirksam und weniger belastend als die Chemotherapie, weshalb sie in der aktuellen Leitlinie der europäischen Fachgesellschaft ESMO auch an erster Stelle empfohlen wird.

Bindet Estrogen an eine Tumorzelle, regt das aber nicht direkt die Proliferation an. Dazwischengeschaltet sind noch eine Reihe von Botenstoffen, darunter die Cyclin-abhängigen Kinasen (CDK) 4/6. Diese werden durch die Aktivierung des Estrogen-Rezeptors dazu angeregt, Cyclin D1 zu binden, was – wiederum über mehrere Zwischenschritte – die Zellteilung auslöst. Bei Brustkrebs sind CDK4/6 häufig überaktiv, weshalb die beiden bereits zugelassenen CDK4/6-Hemmer Palbociclib (Ibrance®) und Ribociclib (Kisqali®) auch schon erfolgreich in Kombination mit einer endokrinen Therapie bei Brustkrebs eingesetzt werden. Prinzipiell können CDK4/6 in Tumorzellen aber auch von anderen externen Signalstoffen angeregt werden, sodass künftig ein Einsatz auch bei anderen Krebsarten denkbar sein könnte.

Der neue CDK4/6-Hemmer Abemaciclib (Verzenios® von Lilly) ist in der EU seit Oktober 2018 zugelassen zur Behandlung von Frauen mit HR+/HER2- lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs. Abemaciclib kann in Kombination mit einem Aromatasehemmer oder Fulvestrant als initiale endokrine Therapie oder nach vorangegangener endokriner Therapie eingesetzt werden. Die empfohlene Dosierung beträgt eine Filmtablette à 150 mg zweimal täglich.

Marschner ging auf die Unterschiede zwischen den drei Wirkstoffen ein. Anders als die beiden Vorgängersubstanzen sei Abemaciclib ZNS-gängig, weshalb bei Patientinnen mit Gehirnmetastasen ein besseres Ansprechen zu erwarten sei. Belegt ist das jedoch nicht, denn von den Zulassungsstudien MONARCH 2 und 3 waren Patientinnen mit ZNS-Metastasen ausgeschlossen. Auch ob das andere Einnahmeschema – Abemaciclib wird kontinuierlich gegeben, Palbociclib und Ribociclib in Drei-Wochen-Intervallen mit jeweils einer Woche Pause dazwischen – sich klinisch tatsächlich vorteilhaft auswirkt, muss erst die Erfahrung zeigen. Marschner geht davon aus, denn nach dem Absetzen der CDK4/6-Hemmer komme es zu einem Rebound-Effekt mit verstärktem Tumorwachstum, der auch in den kurzen Therapiepausen zu erwarten sei.

Einen Vorteil für den Neuling sah Marschner zudem bei der Verträglichkeit. »Palbociclib und Ribociclib führen zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Hämatopoese«, sagte der Onkologe. Häufig komme es zu schweren Neutropenien. Diese Nebenwirkung habe Abemaciclib auch, aber deutlich seltener und weniger ausgeprägt. Die geringere Toxizität von Abemaciclib ist laut Lilly der Grund dafür, dass keine Therapiepausen notwendig sind und es kontinuierlich angewendet werden kann.

Foto: Superbild/Phanie

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