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Globale Antibiotika-Krise

»Die Lunte brennt«

Antibiotika-resistente Keine drohen global zur Todesursache Nr. 1 zu werden. Die WHO geht davon aus, dass 2050 mehr Menschen durch resistente Infektionserreger als durch Krebserkrankungen sterben werden. Beim Eppendorfer Dialog gaben verschiedene Experten einen Ausblick auf eine postantibiotische Ära.
Christiane Berg
28.03.2019
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»Mit den sich ausweitenden Antibiotikaresistenzen kommt eines der größten Gesundheitsrisiken der Menschheitsgeschichte auf uns zu«, warnte Professor Dr. Achim Jockwig aus Nürnberg beim 23. Eppendorfer Dialog am Dienstag in Hamburg, der in diesem Jahr unter der Überschrift »Raus aus der Antibiotika-Misere – Welche Lösungsansätze funktionieren?« stand.

»Weltweit schlagen Forscher Alarm. Im September 2016 haben die Vereinten Nationen Antibiotikaresistenzen als die größte und dringendste globale Gefahr neben Klimawandel und Terrorismus benannt«, so Jockwig. »Antibiotikaresistenzen sind systemisch erzeugt und werfen uns – sofern nicht sehr schnell effektive Gegenmaßnahmen ergriffen werden – gesellschaftlich in Zeiten zurück, in denen heute als relativ harmlos eingestufte Erkrankungen letal verliefen«, prognostizierte er.

»Wir haben es mit einer tickenden Zeitbombe zu tun. Unbestritten stehen wir vor einer universalen Herausforderung von immenser Tragweite, die nur zu bewältigen ist, wenn Politik und Medizin an einem Strang ziehen«, unterstrich Gitta Connemann (MdB), stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. »Wir müssen dieses Thema mehr als ernst nehmen«, sagte sie. Das Bundesministerium für Gesundheit habe 2015 gemeinsam mit den Bundesministerien für Ernährung, Landwirtschaft, Bildung und Forschung die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie »DART 2020« erarbeitet, die im selben Jahr vom Bundeskabinett verabschiedet wurde.

DART soll ins Schwarze treffen

Die DART-Strategie-Maßnahmen, so Connemann, zielen auf die frühzeitige Erkennung von Resistenz-Entwicklungen, den sachgerechten Antibiotika-Einsatz zum Erhalt und zur Verbesserung gegebener Therapie-Optionen, die Vermeidung beziehungsweise frühzeitige Unterbrechung von Infektionsketten, die Förderung zeitgerechter Diagnostik sowie vor allem die Unterstützung der derzeit rückläufigen Forschungsaktivitäten in Deutschland. Ganz oben stehe die Schaffung von öffentlichem Bewusstsein für eine gesellschaftliche Situation, von der Wissenschaftler sagen: »Die Lunte brennt.«

»Deutschland gehört zwar nicht zu den Hochverordner-Ländern. Doch werden hier pro Jahr schätzungsweise zwischen 38 und 40 Millionen Antibiotika-Rezepte ausgestellt. Nicht jedes davon ist sinnvoll und medizinisch notwendig. Besonders der Anteil von verordneten Breitbandantibiotika ist im internationalen Vergleich deutlich zu hoch«, kritisierte Ute Leonhardt vom Verband der Ersatzkassen (vdek). Sie verwies auf Erfahrungen aus den Niederlanden und der Schweiz. Diese zeigen, dass erhebliche Verbesserungen möglich sind, ohne dass es zu Einbußen bei der Qualität und Sicherheit der Patientenversorgung kommt. 

Gemeinsam mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) habe der vdek zudem im Dezember 2016 das Modellvorhaben RESIST mit 3000 Haus-, Kinder- und HNO-Ärzten zur Förderung des gezielten Antibiotika-Einsatzes bei Atemwegsinfektionen gestartet. »Im Mittelpunkt steht die gelingende Kommunikation zwischen Arzt und Patient, der nur zu häufig ein Antibiotikum verlangt, obwohl dieses oftmals nicht angezeigt ist«, erläuterte Leonhardt. Ergebnisse zur Effektivität des dieses Ansatzes seien 2020 zu erwarten.

Patienten besser aufklären

Lässt sich die Eskalation der Antibiotika-Krise nur durch ein umfangreiches Maßnahmen-Bündel vermeiden, so muss mit den Bemühungen beim Patienten selbst begonnen werden. »Dieser muss darüber aufgeklärt werden, dass der überbordende und oft auch falsche Einsatz von Antibiotika bei viralen Infektionen mit fatalen globalen Konsequenzen verbunden ist«, unterstrich Dr. Rainer Höhl aus Nürnberg. Mit Blick auf die gleichnamige Arte-Dokumentation hob Höhl die große Bedeutung des gemeinsamen Einsatzes von Ärzten, Apothekern und Mikrobiologen als »Resistance Fighters« im Kampf gegen die globale Antibiotika-Krise hervor.

»Antibiotika gehören zu den wichtigsten Medikamenten überhaupt. Der Rückfall in eine postantibiotische Ära muss unbedingt verhindert werden«, konstatierte auch Professor Dr. Karin Kraft, Stiftungsprofessorin für Naturheilkunde an der Universität Rostock und Präsidentin der Gesellschaft für Phytotherapie in Bergisch-Gladbach. Eindringlich plädierte Kraft für die verstärkte Nutzung und Nutzbarmachung antiinfektiv wirksamer pflanzlicher Inhaltsstoffe zum Schutz des derzeit noch existierenden (Reserve)-Antibiotika-Reservoirs.

»Die durch pflanzliche Extrakte in der Praxis und auch in der Forschung gegebenen Chancen erfahren noch zu wenig Beachtung, obwohl belegt ist, dass diese zur Bekämpfung selbst multiresistenter Keime, zur aktiven Stärkung der Wundheilung sowie zur Stärkung der Effektivität von Antibiotika geeignet sind«, kritisierte Kraft.

Wer bekommt noch Antibiotika?

Überkonsum, Fehlapplikationen, ungenutzte Potentiale: »Die Folgen der zunehmenden Antibiotikaresistenzen können sich für die Menschheit als verheerend erweisen, sofern die Ursachen nicht gestoppt werden«, betonte abschließend auch Professor Dr. Alena Buyx aus München. »Unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder wird davon abhängen, ob es gelingt, den beängstigenden Bedrohungen und Horror-Szenarien in Folge knapper Antibiotika-Ressourcen entgegenzuwirken beziehungsweise das scheinbar Unabwendbare hinauszuzögern«, sagte die Medizinethikerin, die Mitglied auch im Deutschen Ethikrat ist. Anderenfalls, so Buyx, werde das Leben in naher Zeit von ethischen Dilemma-Situationen und Entscheidungen hinsichtlich Solidarität und Priorität in der Patientenversorgung gekennzeichnet sein.

»Es gibt keine einfachen Rezepte und einfachen Antworten«, so Buyx, die bei den unausweichlichen Einschränkungen des Antibiotika-Einsatzes kollektive Handlungs- und Gerechtigkeitsprobleme sowie Zielkonflikte zwischen dem Recht auf Selbstbestimmung des Einzelnen und dem Recht auf Nichtschaden der Gesamtheit kommen sieht.

Rationalisieren oder rationieren? Wie hoch darf das Risiko für den individuellen Patienten sein? Was dürfen wir und warum? : »Der gesellschaftliche Diskurs ist unausweichlich«, so Buyx. Generell gelte es, den derzeitigen, in vielfacher Hinsicht rasanten Wandel in der Medizin, der mit tiefgreifenden Veränderungen für den Menschen einhergeht, in ethisch und sozial akzeptable Bahnen zu lenken.

»Es geht darum, transparent zu machen, was da passiert, weil es ja passiert. Wir müssen darüber reden, was das für uns bedeutet, als Gesellschaft, als Individuen, als Ärzte, als Patienten, als Mütter und Väter. Wir müssen es organisieren und gestalten – jetzt«. Klar sei, dass dabei auch Missverständnisse und Ängste entstehen. »Aber je mehr wir mit Evidenz und Argumenten arbeiten, desto besser können wir Ängste nehmen, Vertrauen schaffen und geeignete Regelwerke finden«, sagt Buyx.

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