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Glosse

Die Ibuprofen-Raspel

Ibuprofen-Tabletten zerraspeln, damit kleine Kinder das Analgetikum einnehmen können – was für ein seltsamer Praxisvorschlag ist das denn? Klingt nach einer Glosse. Und die folgt jetzt auch. 
Sven Siebenand
12.11.2022  11:00 Uhr

Legen Sie sich eine Küchenreibe an Lager! Warum? Diese Art der Kitchenaid ist angeblich auch in medizinischen Angelegenheiten als Hilfsmittel zu gebrauchen. Das können Sie in den Lübecker Nachrichten nachlesen. Ein Mediziner, immerhin Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Schleswig-Holstein, hat für den Fall der Nicht-Verfügbarkeit von Ibuprofen-Säften einen ganz praktischen Tipp für Eltern: Man kaufe in der Apotheke 200-mg-Tabletten und teile eine davon. Für kleinere Kinder werde eine Hälfte davon dann mit einer Reibe geraspelt und anschließend mit einem Löffel Honig verabreicht. Es lebe AMTS! Wofür stand das nochmal? Stimmt. Arzneimitteltherapie-Schnitzer. Hier wird uns ein besonders schönes AMTS-Fallbeispiel präsentiert.

Rollen sich beim Gedanken, eine halbe Ibu mit der Küchenraspel klein zu machen, schon die Nägel bei Ihnen hoch? Jammern Sie nicht. Freuen Sie sich stattdessen. Denn Sie sind wenigstens noch im Besitz von Fingernägeln und -kuppen. Dem ungeübten Elternteil kommt das Fingerspitzengefühl bald womöglich am Küchentisch abhanden. Zum Glück ist Ibuprofen dann sofort griffbereit.

Ohne Kuppen raspelt es sich im nächsten Versuch dann vermutlich noch schlechter. Den goldenen Mittelweg zwischen Kleinschneiden und Pürieren eines NSAR zu gehen, das wird dann von Millimeter zu Millimeter immer schmerzhafter. Wenn es überhaupt noch soweit kommt.

Denn schon der Schritt zuvor, das Tablettenteilen, kann zu einem Arzneimitteltherapie-Schnitzer führen – im blutigsten Sinne des Wortes. Diese japanischen Messer, die heutzutage in keiner Küche mehr fehlen dürfen, sind wirklich nur etwas für Profis. Wenn Mutti und Vati nicht schon jahrelang zum Nakiri- oder wenigstens zum Santoku-Messer greifen, um die 150er-L-Thyrox-Tablette in drei mundgerechte Tagesrationen zu filetieren, dann sehe ich schwarz – und rot. Die große Koalition aus frischem Blut und Ibuprofen-Bruchware auf dem Küchentisch. Zum Wohl des Kindes ist das alles aber natürlich in Kauf zu nehmen. Das sagt schon dieses bekannte Sprichwort: Wo geraspelt wird, da fallen Nägel.

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