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Penicillin

Die Allergie, die oft keine ist

Die meisten Patienten, die glauben, allergisch auf Penicillin zu reagieren, tun das in Wirklichkeit gar nicht. Das Ausweichen auf andere, meist schlechter verträgliche Antibiotika ist deshalb oft unnötig, betont die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI). Sie rät Betroffenen, sich testen zu lassen, da hierfür im Akutfall meist keine Zeit ist.
Annette Mende
13.02.2019
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Die DGI reagiert aktuell mit einer Pressemitteilung auf eine Publikation im Fachjournal »JAMA«, wonach in den USA bei rund 95 Prozent der Patienten mit vermuteter Penicillin-Allergie keine Allergie vorliegt. Der Übersichtsarbeit zufolge gibt in den USA etwa jeder zehnte Patient an, allergisch auf ein Penicillin zu reagieren, meist aufgrund von Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden oder Juckreiz. In Wirklichkeit nehme die Rate an IgE-vermittelten allergischen Reaktionen auf Penicilline jedoch ab, vermutlich weil der parenterale Einsatz dieser Antibiotika zurückgehe und schwere anaphylaktische Reaktionen auf orales Amoxicillin selten seien. Zudem schwäche sich eine IgE-vermittelte Penicillin-Allergie mit der Zeit ab, sodass nach zehn Jahren 80 Prozent der Betroffenen wieder tolerant seien, so die Autoren um Dr. Erica S. Shenoy von der Harvard Medical School in Boston.

Die DGI weist darauf hin, dass auch in Deutschland viele Menschen irrtümlich annehmen, eine Penicillin-Allergie zu haben. Untersuchungen hätten ergeben, dass etwa drei Viertel dieser Patienten nicht nur Penicillin, sondern alle β-Lactam-Antibiotika vertragen. Und: »Selbst wenn tatsächlich eine Allergie gegen ein bestimmtes Penicillin vorliegen sollte, ist meist trotzdem die Behandlung mit einem anderen Penicillin oder mit einem Cephalosporin aus dieser Gruppe möglich«, sagt DGI-Präsident Professor Dr. Gerd Fätkenheuer. Dennoch werde in Akutfällen oft auf die Gabe sämtlicher β-Lactame verzichtet, weil die Zeit für allergologische Tests nicht ausreiche.

Die Antibiotika anderer Substanzklassen, die die Patienten stattdessen erhalten, seien teilweise weniger effektiv und hätten stärkere Nebenwirkungen, beispielsweise eine Besiedelung des Darms mit Clostridium difficile. Der vermehrte Einsatz von Breitband- und Reserveantibiotika trage zudem zur Entstehung von Resistenzen bei. Es sei daher sinnvoll, dass Patienten mit vermuteter Penicillin-Allergie diese von einem Allergologen einmal abklären lassen.

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