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Doppelte Herausforderung
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Diabetes und ADHS gleichzeitig

Eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) kann für die Umsetzung einer Diabetestherapie eine riesige Herausforderung darstellen. Die Kombination beider Erkrankungen ist keine Seltenheit und bleibt oft nicht ohne Folgen. Was hilft?
AutorKontaktSven Siebenand
Datum 23.03.2026  15:32 Uhr

Der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) informiert in einer Pressemitteilung aktuell darüber, dass etwa 5 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes auch mit ADHS leben. Das heißt, die Diagnose ADHS ist bei ihnen deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Studien zeigen laut dem Verband, dass Menschen mit Diabetes und ADHS im Schnitt höhere HbA1c-Werte haben, mehr Hypoglykämien erleben und bei ihnen ein erhöhtes Risiko für diabetische Ketoazidosen besteht. »ADHS wirkt damit als unabhängiger Risikofaktor für eine ungünstige Diabeteseinstellung«, betont Dr. Dörte Hilgard, Kinder- und Jugendärztin aus Witten.

Bleiben Stoffwechselwerte trotz Schulung instabil oder zeigen sich wiederkehrende Probleme bei der Therapieumsetzung, kann dies ein Hinweis auf ein zusätzliches ADHS sein. ADHS werde bei Menschen mit Diabetes oft spät oder gar nicht erkannt, so der Verband. Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit oder emotionale Überforderung werden nicht selten dem Blutzucker zugeschrieben. »Hohe oder niedrige Werte können Aufmerksamkeit und Stimmung beeinflussen – das erschwert die klare Einordnung«, sagt Hilgard. Wichtig sei deshalb eine sorgfältige Diagnostik, die sowohl die Diabeteserkrankung als auch neuropsychologische Aspekte berücksichtigt.

Was macht die Kombination aus Diabetes und ADHS so knifflig? Ganz eindeutig erfordert ein Diabetes tägliche Aufmerksamkeit – von Zucker messen über Mahlzeiten planen und Insulin dosieren bis hin zu auf Körperreaktionen achten. ADHS macht es aber schwer, Aufgaben gut zu strukturieren, Handlungen konsequent umzusetzen oder Reize zu filtern. »Zwischen dem Vorsatz, etwas zu tun, und der tatsächlichen Handlung kommt es bei Personen mit ADHS oft zu Unterbrechungen«, erklärt Yvonne Häusler, Diabetesberaterin DDG am Jüdischen Krankenhaus Berlin und Vorstandsmitglied des VDBD. Das könne bedeuten, dass Betroffene den Blutzucker eigentlich messen wollen, es dann aber schlicht vergessen.

Für gute Strukturen sorgen

Laut dem Verband sind für Menschen mit Diabetes und ADHS feste Routinen, klare Abläufe und technische Hilfsmittel besonders vorteilhaft. Dazu zählen zum Beispiel kontinuierliche Glukosemesssysteme (CGM) mit Alarmfunktion, Insulinpumpen oder AID-Systeme (Automated Insulin Delivery). »Technik kann Aufgaben abnehmen, sie ersetzt aber keine Begleitung«, so Häusler.

Die Expertin rät dazu, in der Beratung Ziele bewusst klein zu halten und zu priorisieren. Statt viele Änderungen auf einmal umzusetzen, stünden wenige, realistische Schritte im Vordergrund. Visuelle Pläne, Checklisten oder Erinnerungsfunktionen könnten helfen, den Überblick zu behalten und Überforderung zu vermeiden. Diabetes-Equipment sollte immer am selben Ort aufbewahrt werden. »Wer ADHS mitdenkt, verbessert die Diabetestherapie«, sagt Häusler.

Nicht zu vergessen: Eine leitliniengerechte ADHS-Behandlung kann sich ebenfalls positiv auf die Umsetzung der Diabetestherapie auswirken. Der Verband betont, dass auf eine ganztägige ADHS-Medikation zu achten ist, da Diabetes rund um die Uhr Aufmerksamkeit bedarf.

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