| Sven Siebenand |
| 19.06.2026 09:00 Uhr |
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Die Fußball-WM zeigt, dass der moderne Fußball ohne den VAR kaum noch denkbar ist. Der Video Assistant Referee greift immer dann ein, wenn etwas schiefgelaufen ist. Wenn ein Foul übersehen wurde. Wenn jemand im Abseits stand. Wenn die Realität nicht ganz zu der Entscheidung auf dem Platz passt. Der VAR steht selbst nicht auf dem Platz und meist auch nicht im Mittelpunkt. Aber erstaunlich oft stellt sich heraus, dass ohne ihn vieles anders ausgegangen wäre.
Hier gibt es eine deutliche Parallele zur öffentlichen Apotheke. Auch sie greift meist erst ein, nachdem andere bereits Entscheidungen getroffen haben: Das Rezept wurde ausgestellt. Die Rabattverträge geschlossen. Die Lieferkette organisiert. Die Gesundheitspolitik reformiert.
Und dann landet alles am HV-Tisch. Dort beginnt die Überprüfung. Lieferbar? Erstattungsfähig? Plausibel dosiert? Mit den übrigen Arzneimitteln vereinbar? Die Apotheke ist gewissermaßen der VAR in der Arzneimitteltherapie.
Ein Unterschied: Während der VAR über zahlreiche Kameraperspektiven verfügt, muss die Apotheke oft mit deutlich weniger Informationen auskommen. »Nach Prüfung der Bilder bleibt die Entscheidung auf dem Platz bestehen«, so eine bekannte Fußballkommentatoren-Floskel. In der Apotheke lautet die entsprechende Formulierung oft anders: »Nach Prüfung der Lage müssten wir leider erst einmal telefonieren.«
Der Video Assistant Referee (VAR) greift beim Fußball immer dann ein, wenn etwas schiefgelaufen ist. / © GettyImages/VectorUp
Und da ist noch ein Unterschied. Den VAR beim Fußball bekommen alle mit, der Apotheken-VAR wird oft übersehen. Denn die meisten Eingriffe der Apotheke bleiben unsichtbar: die Verwechslung, die rechtzeitig auffiel, die Wechselwirkung, die verhindert wurde, die Verordnung, die noch einmal geklärt werden musste. Auch die zwanzig Telefonate, die geführt wurden, damit ein dringend benötigtes Arzneimittel am Ende doch noch auf dem Nachttisch eines Patienten landet, bleiben im Verborgenen. Der Zuschauer sieht nur das Tor.
Zukünftig sollen die Apotheken zusätzliche Aufgaben übernehmen – mehr impfen, mehr Screenen, Prävention, Früherkennung. Die Politik hat erkannt, dass Apotheken das können. Diese Erleuchtung kommt spät und ist im Jahr 2026 ungefähr so überraschend wie die Erkenntnis, dass der VAR nicht nur für Elfmeter zuständig ist. Dennoch ist das natürlich alles sinnvoll für die Weiterentwicklung des Berufs und für das Patientenwohl.
Aber bevor man dem Apotheken-VAR noch die Linienrichterfahne und die Stadionaufsicht überträgt, sollte man sicherstellen, dass er seine jetzigen Aufgaben trotz eines schwieriger werdenden Umfelds weiter so gut erfüllen kann wie bisher. Die Politik muss also dafür sorgen, dass die Apotheken deutlich mehr gestärkt werden als bislang vorgesehen. Die Arbeit in der Apotheke muss attraktiver werden und die Ausbildung angepasst werden, damit es wieder mehr Berufsnachwuchs gibt.
Wer keinen funktionierenden VAR hat, merkt das meistens erst dann, wenn die Fehlentscheidung bereits gefallen ist. Im Arzneimittelbereich wäre das ein ziemlich hohes Risiko.