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WHO

Das sind die 13 größten Herausforderungen der neuen Dekade

Die Weltgesundheitsorganisation hat für das neue Jahrzehnt 13 dringende Probleme in Bezug auf die Gesundheit aufgelistet. Damit einher geht eine Kritik, dass die Verantwortlichen zu wenig Geld in die Bekämpfung und die Gesundheitssysteme investieren.
Daniela Hüttemann
16.01.2020
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»Hier werden Leben, Lebensunterhalte und Wirtschaftssysteme aufs Spiel gesetzt«, kritisiert der WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. Keines der Themen sei einfach anzupacken, doch Verbesserungen seien möglich. Die öffentliche Gesundheit sei letztlich eine politische Entscheidung. Dabei handle es sich um eine Investition in die Zukunft.

»Die Länder investieren stark, um ihre Bewohner vor Terrorangriffen zu schützen, aber nicht vor den Angriffen eines Virus, der sehr viel tödlicher sein und auch wirtschaftlich und sozial viel größeren Schaden anrichten könnte«, so Ghebreyesus in einerr Mitteilung der WHO. Eine Pandemie könnte Wirtschaftssysteme und Nationen in die Knie zwingen. Alle von der WHO benannten Themen gingen über die Belange der Gesundheitsministerien hinaus.

Die Länder der Welt stehen denselben Bedrohungen gegenüber und haben eine gemeinsame Verantwortung zu handeln. Um die nachhaltigen Entwicklungsziele 2030 erreichen zu können, müssten die kommenden zehn Jahr zur »decade of action« werden. Länder müssten in die eigenen Gesundheitssysteme, aber auch in die verwundbarer Staaten investieren. Investitionen jetzt könnten Leben retten und später auch Geld sparen. »Die Kosten, wenn nichts getan wird, können wir uns nicht leisten«, mahnt der Generaldirektor.

Die 13 Herausforderungen im Detail:

  1. Die Klimakrise ist auch eine Gesundheitskrise. Die Luftverschmutzung fordert jährlich schätzungsweise sieben Millionen Todesopfer. Dieselben Emmissionen, die für die globale Erwärmung verantwortlich sind, verursachen auch mehr als ein Viertel aller Todesfälle durch Herzinfarkte, Schlaganfälle, Lungenkrebs und chronische Atemwegserkrankungen. Durch mehr extreme Wetterereignisse nimmt die Mangelernährung zu und Infektionskrankheiten wie Malaria können sich weiter ausbreiten. Die WHO hat unter anderem Leitlinien zur Luftqualität herausgegeben.
  2. Die meisten Epidemien im vergangenen Jahr betrafen Länder mit politischen Konflikten. Ärzte und andere Helfer wurden selbst angegriffen. Millionen Menschen sind auf der Flucht und ohne Zugang zu einer Gesundheitsversorgung. Die WHO schickt in Notfällen medizinische Einsatzteams, arbeitet an Frühwarnsystemen, führt Impfkampagnen durch, verteilt Medikamente und trainiert Fachpersonal. Es brauche politische Lösungen der Konflikte und einen Schutz der Helfer.
  3. Die Gesundheitsversorgung muss fairer werden. Es gibt eine Lücke von 18 Jahren in der Lebenserwartung zwischen reichen und armen Staaten und auch innerhalb einzelner Länder. Dabei stellen nicht übertragbare Krankheiten wie Krebs und Diabetes einen unverhältnismäßig größere Last in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen dar. Auch hier will die WHO Richtlinien veröffentlichen. 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sollte in die primäre Gesundheitsversorgung investiert werden, fordert die WHO.
  4. Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung hat keinen Zugang zu Medikamenten, Impfstoffen und Diagnostika. Dies gefährdet die Patienten und befeuere die Resistenzbildung. Die WHO will ihren Kampf gegen gefälschte Medikamente und Arzneimittel geringer Qualität verstärken. Die Qualität der gesamten Lieferkette soll besser werden.
  5. Infektionskrankheiten wie HIV, Tuberkulose, Hepatitis, Malaria, Tropenkrankheiten und sexuell-übertragene Infektionen werden in diesem Jahr schätzungsweise vier Millionen Todesopfer fordern. Impfpräventable Erkrankungen wie Masern und Polio treten immer noch auf. Als Grund sieht die WHO eine unzureichende Finanzierung der Gesundheitssysteme der Länder mit Endemiegebieten sowie ein zu geringes Engagement der reichen Staaten. Die WHO fordert hier mehr politischen Willen und größere Investitionen in diesem Bereich sowie die Entwicklung neuer Impfstoffe und Medikamente. Polio soll so schnell wie möglich ausgerottet werden.
  6. Die Welt muss sich besser auf Epidemien vorbereiten. Eine Pandemie durch ein neues, hoch infektiöses, über die Luft übertragenes Virus, höchst wahrscheinlich ein Influenza-Erreger, ist unausweichlich. Die Frage ist nicht ob, sondern wann die Pandemie kommt. Die WHO sieht Millionen Menschenleben in Gefahr. Durch den Klimawandel breiten sich Stechmücken weiter aus – und mit ihnen die Erreger von Zika, Dengue, Malaria, Chikungunya und anderen vermeintlichen Tropenkrankheiten.
  7. Nahrungsmangel auf der einen Seite, aber auch ungesunde Ernährung mit zu viel Salz, Fetten oder Zucker sowie unsichere Lebensmittel sind zusammen für etwa ein Drittel der weltweiten Krankheitslast verantwortlich. Hier will die WHO gegensteuern. Die Lebensmittelindustrie habe sich etwa verpflichtete, Transfette bis 2023 aus ihren Produkten zu eliminieren, aber das reiche nicht aus. Es braucht strengere Regularien.  Auch Tabakprodukte und E-Zigaretten nennt die WHO in diesem Zusammenhang als gesundheitliche Herausforderung und fordert eine strengere Anti-Tabak-Politik.
  8. Es braucht mehr Investitionen in die Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Weltweit fehlt qualifiziertes Personal. Bis 2030 werden nach WHO-Schätzung 18 Millionen zusätzliche »Health Worker« gebraucht, darunter zur Hälfte etwa Pflegekräfte und Hebammen. Für diese Berufe hat die WHO 2020 ein internationales Jahr ausgerufen. Damit verbunden ist die Forderung nach einer angemessenen Bezahlung.
  9. Jedes Jahr sterben weltweit mehr als eine Million Jugendliche im Alter zwischen 10 und 19 Jahren. Die Haupttodesursachen sind Verkehrsunfälle, HIV, Suizid, Infektionen der unteren Atemwege und Gewalt. Dahinter stecken oft Alkohol, Tabak, Drogen, zu wenig Bewegung, ungeschützter Sex oder Missbrauch in jüngeren Jahren. Die WHO will neue Leitlinien für politische Entscheider, Heilberufler und Lehrpersonal herausgeben, um Jugendliche besser vor diesen Gefahren zu schützen.
  10. Auch fehlt das Vertrauen der Menschen in die Gesundheitssysteme oder die Ratschläge der Gesundheitsarbeiter, zum Beispiel zu Impfungen, der Medikamenteneinnahme oder dem Gebrauch von Kondomen. Fehlinformationen werden unkontrolliert über die sozialen Medien verbreitet und untergraben die Glaubwürdigkeit öffentlicher Institutionen. Wie schon vor einem Jahr nennt die WHO Impfgegner als beträchtlichen Verursacher des Anstiegs der Todesfälle bei impfpräventablen Erkrankungen. Die WHO stellt über viele Kanäle vertrauenswürdige Informationen zur Verfügung. Die Menschen müssten besser aufgeklärt, aber auch von Wissenschaftlern und den Gesundheitsberufen ernst genommen werden.
  11. Neue Technologien müssen nutzbar gemacht werden. Genomveränderungen, synthetische Biologie und künstliche Intelligenz können helfen, viele Probleme zu lösen, werfen aber auch neue Fragen und Herausforderungen für die Überwachung und Regulation auf. Die WHO hat im vergangenen Jahr zwei Beratungskommissionen gegründet, die sich mit solchen Themen beschäftigen und die einzelnen Staaten beim Einsatz solch neuer Werkzeuge zu unterstützen.
  12. Antibiotikaresistenzen sind und bleiben eines der wichtigsten Themen auf der WHO-Agenda. Die WHO verspricht hier weiterhin größtes Engagement, um die Ursachen von Resistenzen wie die unregulierte Verschreibung zu bekämpfen und fordert gleichzeitig mehr Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika.
  13. Wasser, sanitäre Anlagen und Hygiene sind essenziell für die Gesundheit. Weltweit bleibt die Situation in diesem Bereich aber ein Problem. So habe jede vierte Gesundheitseinrichtung keine ausreichende (Ab-)Wasserversorgung. Das darf laut WHO bis 2030 nicht mehr sein. Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser oder Toiletten.

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