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Kliniken am Limit

Corona-Lage immer angespannter

27.728 Neuinfektionen innerhalb eines Tages und einige Kliniken bereits am Limit – das sind alles andere als gute Nachrichten kurz vor Weihnachten. Nach Auffassung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn können noch alle Patienten in deutschen Kliniken versorgt werden.
dpa
17.12.2020  11:16 Uhr

Auf eine entsprechende Frage in einem ZDF-«spezial» sagte Jens Spahn am Mittwochabend: «Ja, es können alle Patientinnen und Patienten versorgt werden, aber eben unter größter Belastung und teilweise auch Überlastung in den einzelnen Kliniken». Man habe eine unterschiedliche Lage in Deutschland, sagte Spahn. «Besonders in Sachsen auch ein sehr sehr hohes Infektionsgeschehen, auch eine im Schnitt ältere Bevölkerung, damit mehr schwere und schwerste Verläufe, und das macht zum Beispiel auch schon das Verlegen von Patienten von einer Klinik zu einer anderen notwendig, um Kapazitäten freizuhaben.» Die Lage sei sehr angespannt und «das zeigt eben, es war, ist und bleibt richtig», die härteren Einschränkungen beschlossen zu haben.

Die Gesundheitsämter übermittelten dem Robert-Koch-Institut (RKI) am Mittwoch 952 weitere Todesfälle und 27.728 Neuinfektionen binnen eines Tages. Vor einer Woche waren 590 Todesfälle und 20.815 Neuinfektionen gemeldet worden. Die hohen Zahlen jetzt erklären sich zum Teil auch durch Nachmeldungen von Daten des Vortags durch das Land Sachsen. Äußerungen des Ärztlichen Direktors des Oberlausitzer Bergland-Klinikums in Zittau, Mathias Mengel, hatten am Mittwoch für Wirbel gesorgt. Er sagte nach Angaben des Nachrichtenportals t-online: «Wir waren in den vergangenen Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheiden mussten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht.» Die Klinik bestätigte eine kritische Lage, die Intensivmedizin stoße «an die Grenzen des Leistbaren». Alle Patienten erhielten aber «die bestmögliche Therapie». Sollte man keine Patienten mehr aufnehmen können, würden Erkrankte in umliegende Kliniken geflogen.

Die Angst vor der Triage

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Georg Baum, sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Donnerstag): «Deutschlandweit sind wir weit davon entfernt, Triage-Diskussionen führen zu müssen. Es ist immer noch so, dass wir noch einmal so viele Intensivplätze frei haben wie derzeit durch Covid-19-Patienten belegt sind, dazu gibt es noch eine Reserve.» Triage bedeutet, dass Mediziner aufgrund knapper Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen.

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, sagte der «Rheinischen Post» (Donnerstag): «Es wird bei zunehmender Überfüllung der Intensivstationen immer mehr zu Triage-Entscheidungen kommen, und die wird leider von den Ärzten alleine getroffen werden müssen, weil die Politik uns hier im Stich gelassen hat.» Montgomery zufolge ist die hohe Zahl der Corona-Toten nicht allein ein Versagen der Politik: «Wir waren eigentlich hervorragend aufgestellt. Aber die Bevölkerung selbst hat sich nicht vorgesehen und an die Regeln gehalten, und deswegen kommt es nun zur Überlastung des Gesundheitswesens.»

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, bezweifelt einen Erfolg des seit Mittwoch geltenden Lockdowns. «Ich gehe nicht davon aus, dass wir bis zum 10. Januar eine relevante Absenkung der Infektionsraten und schon gar nicht der Todesfälle erreichen werden», sagte Gassen dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Donnerstag). «Ein Lockdown, egal wie hart, ist keine geeignete langfristige Strategie in der Pandemiebekämpfung.» Stattdessen sollte mehr für den Schutz der Risikogruppen in den Alten- und Pflegeheimen getan werden, sagte Gassen. Außerdem müssten Menschenströme entzerrt werden, etwa durch den Einsatz zusätzlicher Busse und Bahnen sowie subventionierte Taxifahrten für Risikogruppen.

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