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Weißer Ring warnt

Bis zu 200 Substanzen werden als K.-o.-Tropfen eingesetzt

Nach einem Schluck aus dem Glas plötzliche Bewusstlosigkeit – dann können K.-o.-Tropfen im Spiel sein. Die Opfer leiden oft lange darunter. Die Opferschutzorganisation Weißer Ring vermutet eine sehr hohe Dunkelziffer.
dpa
PZ
13.07.2022  17:30 Uhr

Um Partygäste vor K.-o.-Tropfen zu schützen, fordert die Opferschutzorganisation Weißer Ring mehr Aufklärung. «Wir wissen nicht, wie groß das Problem ist. Die Datenlage ist schlecht, wir haben ein riesiges Dunkelfeld», sagte Céline Sturm, die bei der Organisation für Kriminalprävention zuständig ist. «Es muss mehr Licht ins Dunkle gebracht werden, indem mehr dazu geforscht wird.» Nur so sei herauszufinden, wie groß das Problem sei.

Sturm plädierte zugleich für einen Ausbau der Präventionsarbeit. Nach ihrer Vorstellung sollten bereits Lehrer in der Aus- und Weiterbildung für die Gefahren von K.-o.-Tropfen sensibilisiert werden. «Wissen schützt», sagte die Fachfrau. Sie rät, bei Feiern Getränke nie unbeobachtet zu lassen und aufeinander aufzupassen, um nicht zum Opfer zu werden.

Die Substanzen wirken wie Drogen. Täter schütten die meist geschmacks- und geruchlosen Chemikalien in die Getränke ihrer Opfer. Nach einigen Minuten wird den Opfern schwindelig, sie können nicht mehr klar denken und wirken und fühlen sich, als wären sie betrunken. Kurz darauf werden sie für Minuten oder auch mehrere Stunden bewusstlos. Die Täter nutzen diese Zeit. «Bei Frauen sind es häufig Sexualdelikte, bei Männern auch Raubdelikte», so Sturm.

Die Opfer können sich hinterher meist nicht mehr richtig daran erinnern. Das erschwert die Ermittlungen der Polizei. Zumal die Tropfen nicht lange im Körper nachzuweisen sind. «Im Blut sind es etwa sechs Stunden, im Urin zwölf Stunden», sagt Céline Sturm von der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Laut Frankfurter Polizei werden solche Taten meist «zeitverzögert angezeigt». Dann sei eine Untersuchung nicht mehr möglich. Die Täter bleiben so unerkannt.

Häufig hätten Opfer angegeben, K.-o.-Tropfen bekommen zu haben, jedoch «deutet die festgestellte Alkoholisierung dann eher darauf hin, dass diese für die Ausfallerscheinung bzw. Erinnerungslücken verantwortlich sein dürften», ist die Erfahrung des Polizeipräsidiums in Frankfurt am Main. Opferverbände beklagen mitunter, die Polizei zeige nicht immer genug Sensibilität bei diesem Thema.

Für wie viele Frauen und Männer die Party ein schlimmes Ende genommen hat, lässt sich nicht sagen. «Die Datenlage ist sehr dünn», begründet Sturm, zuständig für Kriminalprävention. Das Polizeipräsidium München spricht für die Jahre 2018 bis 2021 jeweils von einer «niedrigen Anzahl polizeilicher Ermittlungsverfahren».

Es gebe bis zu 200 verschiedene Substanzen, die als K.-o.-Tropfen eingesetzt werden, sagte Sturm.  Dazu gehören etwa Ketamin und GHB (Gamma-Hydroxybuttersäure), umgangssprachlich als Liquid Ecstasy bezeichnet. Die Mittel werden mitunter in geringer Dosis von Feiernden freiwillig als Partydroge in Clubs eingenommen.

Viele dieser Substanzen sind in Deutschland faktisch frei erhältlich. Nach Angaben des Bundesdrogenbeauftragten Burkhard Blienert sind andere verschreibungspflichtige Arzneimittel, teilweise fallen sie unter das Betäubungsmittelrecht. Aber eben nicht alle. Blienert verweist auf den Stoff GHB, der aus Gamma-Butyrolacton (GBL) und 1,4-Butandiol (BDO) entsteht. Das seien Industriechemikalien, die in großen Mengen hergestellt, gehandelt und industriell verarbeitet werden. Beide fallen nicht unter das Gesetz zum Umgang mit Betäubungsmitteln. In der Vergangenheit gab es immer wieder Forderungen, den Stoff GBL in das Gesetz aufzunehmen. 

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