| Daniela Hüttemann |
| 30.03.2026 13:00 Uhr |
Das Apothekenteam sollte sich gemeinsam überlegen, was es prominent in der Sichtwahl platziert. / © Getty Images/Luis Alvarez
In der Selbstmedikation kommt dem Apothekenteam eine besondere Rolle in der Beratung zu. Hier sollten die Apotheken vor Ort ihre heilberufliche Kompetenz noch viel stärker ausspielen, meint Dr. Christian Ude, Inhaber der Stern-Apotheke in Darmstadt. In guter Beratung liege nicht nur die Chance, sich von der Versandhandelskonkurrenz abzuheben. »Gerade hier haben wir eine Möglichkeit, unseren Berufsstand weiterzuentwickeln und eine größere Rolle in der Primärversorgung zu spielen.«
Ude nannte beim PZ-Management-Kongress Kriterien, wie das Apothekenteam zu möglichst einheitlichen, evidenzbasierten Empfehlungen kommt. Es gebe viele Wege, wichtig sei jedoch, sich zu fragen: »Warum geben wir ab, was wir abgeben?« Dabei sei die Selbstmedikation letztlich Königsdisziplin der Apotheke, um vom Patientenproblem zur Präparatempfehlung zu kommen oder auch sogenannte Red Flags zu erkennen.
Der Referent lud alle Zuhörenden dazu ein, ihre eigenen »Arzneimittelkommissionen« zu gründen und an apothekeneigenen »Leitlinien« zu arbeiten. Indikationen sammeln, Patientengruppen definieren, passende Produkte finden und sie nach Leitlinien, Literatur und pharmazeutischem Verständnis bewerten – das machen in Udes Team regelmäßig zwei Mitarbeitende und stellen die Auswahl dann in der Teamsitzung vor.
Danach wird entschieden, was in die Sichtwahl kommt. »Man braucht keine vier Efeu-Hustensäfte parallel«, findet Ude. Sinnvoller sei es, eine chemisch-synthetische und für entsprechende Patientenwünsche auch alternativmedizinische Produktempfehlung bereitzuhalten.
Dr. Christian Ude / © PZ/Alois Müller
Auch der Einkauf sollte miteinbezogen und entsprechend bestellt werden; bei gleichwertigen Alternativen durchaus das Produkt mit den besseren Konditionen. So würden auch »Mengennester« vermieden, die niemand abverkaufen will. Daher lohnten sich einheitliche Empfehlungen auch wirtschaftlich. Mit den gemeinsam erarbeiteten Empfehlungen kann man dann auch in die Kommunikation gehen, ob im Schaufenster, auf der Website oder in den Social-Media-Kanälen.
Es gehe nicht darum, dass alle Mitarbeitenden immer und allen Patientinnen und Patienten in bestimmten Indikationen die gleichen Produkte empfehlen. Zu einer evidenzbasierten Empfehlung gehöre es auch immer, den Patienten in seiner Individualität zu betrachten und seine Autonomie zu respektieren. Man sollte nur nicht komplett anders als die Kollegen argumentieren oder heute dies, morgen das anbieten. Bei bestimmten Produktwünschen könne man dem Patienten (durchaus selbstbewusst) ein Angebot machen, was aus heilberuflicher Sicht besser passen würde.
Neben Leitlinien und Literatur hilft der Status des Produktes bei der Auswahl. »Jeder sollte sich klar machen, wie viel Evidenz vorliegt«, so Ude. Ein zugelassenes Arzneimittel hat neben Qualität und Sicherheit auch die Wirksamkeit in klinischen Studien nachgewiesen; ein Medizinprodukt Qualität und Sicherheit. Bei Nahrungsergänzungsmitteln wird es dünner. Hier sei genau auf die Zusammensetzung zu achten.
Apothekenteams müssten auch wissen, ob die Evidenz einfach nur fehlt, weil keine Daten vorliegen. Dann kann die Empfehlung immer noch sinnvoll sein, wenn es zum Beispiel an einer gut belegten Alternative mangelt. Anders sieht es aus, wenn negative Daten vorliegen, die eine Unwirksamkeit belegen.
Klar sollte auch immer der Unterschied zwischen der rationalen Phytotherapie und komplementärmedizinischen Methoden wie der Homöopathie sein. In der Phytotherapie wiederum gibt es unterschiedliche Evidenzgrade wie zugelassene Arzneimittel (höchste Evidenz), gefolgt vom »Well-established Use« mancher Heilpflanzen (Wirksamkeit und Unbedenklichkeit durch veröffentlichte Literatur belegt und Verwendung mehr als zehn Jahre in der EU in einer klaren Indikation) und dem »Traditional Use« (kein Wirksamkeitsnachweis, aber Unbedenklichkeit und bekannte Anwendung von mehr als 30 Jahren, davon mindestens 15 Jahre in der EU).
Auch hier ist auf die Zusammensetzung beziehungsweise Zubereitung, also die pharmazeutische Qualität, zu achten. Ein guter Extrakt ist der zerpulverten Pflanze vorzuziehen. »Eine Kapsel Pfefferminzöl entspricht in der Wirkung 70 Tassen Pfefferminztee«, verdeutlichte Ude. Den Mehrwert entsprechender Produkte, aber auch der heilberuflichen Kompetenz bei der Auswahl und Beratung gelte es dem Patienten gegenüber deutlich darzustellen.
Zuguterletzt wünscht sich Ude mehr OTC-Switches, um weitere nachweislich gut wirksame Präparate als Option in der Selbstmedikation zur Auswahl zu haben. »Das würde auch unser Gesundheitssystem entlasten.«