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100 Jahre Frauenwahlrecht

Ausstellung lädt zur »Damenwahl«

Am 12. November 1918 war es soweit: Die Frauen in Deutschland erhielten das Wahlrecht. Warum das 100 Jahre später noch ein wichtiges Thema ist, zeigt eine bemerkenswerte Schau im Historischen Museum in Frankfurt am Main.
Ulrike Abel-Wanek
12.11.2018
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Wer um 2000 herum in Deutschland geboren wurde, kennt es nicht anders: Eine Frau ist Bundeskanzlerin, Frauen stehen an der Spitze politischer Parteien, Frauen leiten prominente TV-Polit-Talks zur besten Sendezeit. Frauen sind politisch und medial präsent. Dass es Zeiten gab, in denen sie nicht öffentlich ihre Meinung sagen, nicht wählen oder politisch aktiv sein durften: für viele, speziell junge Menschen unvorstellbar.

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des deutschenFrauenwahlrechts lädt das Historische Museum deshalb mit der Ausstellung »Damenwahl« ein in die Welt um 1900. Eine Zeit gesellschaftlicher Aufbruchstimmung und politischer Reformen und eine Zeit, in der Frauen mit Nachdruck begannen, für mehr Rechte und Demokratie zu kämpfen.

Raus aus dem Korsett

Um 1900 begann das herrschende Familienideal, das Frauen auf Kinder, Küche und Kirche reduzierte, zu bröckeln. Berufstätigkeit war für Frauen nicht vorgesehen, entsprach nicht dem »nach wie vor als wesensmäßig für Frauen angesehenen Dreiklang von Heirat, Familie und Haushalt,« so die Historikerin Katja Koblitz*. Männer betrachteten berufstätige Frauen zudem als Konkurrenz. Die gesellschaftliche Erwartung an Frauen der Jahrhundertwende, vor allem eine »gute Figur« zu  machen, dokumentieren direkt zu Beginn der Frankfurter Ausstellung  anschaulich die eng geschnürten Wespentaillen-Korsetts, bei deren bloßen Anblick dem Betrachter schon die Luft wegbleibt. Die Frauenbewegung setzte sich vehement gegen Korsetts ein und prangerte sie als gesundheitsschädlich an.

Frauen verschiedener Parteien, Schichten und Religionen engagierten sich bereits vor 1900 für eine demokratische Republik und für das Recht, an dieser vollumfänglich teilhaben zu können. Jedoch erst um die Jahrhundertwende stieß ihr Ruf nach Gleichberechtigung auf eine breitere Resonanz in der Bevölkerung. Immer mehr Frauen setzen sich nun für ihre Bildungs- und Berufschancen ein, für die gesellschaftliche Anerkennung ihrer häuslichen Arbeit und partnerschaftliche Beziehungen –  aktuelle Themen bis heute. Auch 2018 bekommen Frauen noch rund 21 Prozent weniger Bruttostundenlohn als Männer. Sie sind in Führungspositionen unterrepräsentiert, und im Deutschen Bundestag ist ihr Anteil gegenüber der vergangenen Wahlperiode sogar gesunken.

In der Kaiserzeit galten Frauen dem Bürgerlichen Gesetzbuch zufolge als nicht voll geschäftsfähig und konnten entsprechend keine eigenenVerträge abschließen. Über Geld und Vermögen verfügte der Ehemann. Er war es auch, der es seiner Frau verbieten konnte, einen Beruf zu ergreifen. Noch bis1962 durften Frauen hierzulande ohne Zustimmung ihres Mannes kein Konto führen, und erst seit 1977 entscheiden sie frei über ihre Erwerbstätigkeit.

Aber – »etwas lag um 1900 in der Luft«, so die HistorikerinHedwig Richter*. Frauen drängten auf den Arbeitsmarkt und zogen zu Tausenden an die Universitäten. Vor dem Ersten Weltkrieg stellten sie allein in Preußen 8 Prozent der Studierenden. Frauen streiften im Wortsinn ihre alten Kleider ab und bestiegen in bequemen hosenähnlichen Röcken das Rad. Radfahren wurde um die Jahrhundertwende das Emanzipationsmittel und -symbol schlechthin.

Auf dem Rad zur Wahl

Europa- und weltweit fanden nun Kongresse und Konferenzen statt, um sich untereinander auszutauschen über Frauenrechte, Frauenbildung und weibliche Berufstätigkeit. Diese internationalen Netzwerk-Treffen stehen im Frankfurter Historischen Museum erstmals im Fokus einer größeren Ausstellung. Die Geschichte der Ersten Deutschen Frauenbewegung sei zwar gut erforscht, es mangele aber nach wie vor an einer breiten öffentlichen Darstellung dieser wichtigen Bewegung und ihrer Protagonistinnen, sagt die Kuratorin der Schau, Dorothee Linnemann. Die in fünf Themenschwerpunkte gegliederte Ausstellung –die Frauenbewegung vom Kaiserreich bis zum demokratischen Wiederbeginn nach demZweiten Weltkrieg – präsentiert sich dabei mit vielen Audio- und Filmstationen medial ansprechend auch für ein junges Publikum.

Wie es durch das Engagement der Frauen zur Revolution und zur Einführung des Frauenwahlrechts kam, dokumentiert die Ausstellung ebenso wie die Rückschläge durch den Ersten Weltkrieg, der die Frauenbewegung spaltete und jahrelang aufgebaute nationale und internationale Netzwerke zerstörte. Schon 1917 wurden Forderungen wie die nach dem Wahlrecht aber wieder lauter. Und schließlich ebnete die November-Revolution 1918 den Weg für eine parlamentarische Demokratie und die politische Gleichstellung von Männern und Frauen.

Am 19. Januar 1919 durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen und sich wählen lassen.  37 Parlamentarierinnen zogen in die Weimarer Nationalversammlung ein, vier rückten nach. Mit knapp 10 Prozent war das der höchste Frauenanteil, der bis dahin weltweit in einem Parlament erreicht worden war. Und der erst in den 1980er-Jahren im deutschen Parlament wieder erreicht werden sollte.

Deutschland gehörte zu den ersten europäischen Ländern, die das allgemeine Frauenwahlrecht einführten. Früher an die Urnen durften sie nur in Dänemark und Island (1915), Norwegen (1913) und Finnland (1906). Schlusslicht in Europa ist Liechtenstein. Hier war es Frauen erst 1984 erlaubt, ihr Kreuz auf den Wahlzetteln zu machen.

In der NS-Zeit war das passive Wahlrecht für Frauen praktisch abgeschafft, die Mehrzahl der Politikerinnen und Frauenrechtlerinnen wurden verfolgt, ins Exil gezwungen oder ermordet. Viele der durch die Erste Deutsche Frauenbewegung gegründeten Vereine und Verbände galten als staatsfeindlich und lösten sich auf. Die Errungenschaften und Erinnerung an die Frauenbewegung und ihre Protagonistinnen wurden zerstört. Sie rückt die Frankfurter Schau anhand repräsentativer Biografien in den Mittelpunkt der Ausstellung, darunter Rosa Luxemburg, Käthe Kollwitz oder Hedwig Dohm, die richtig feststellte, dass Frauenrechte schließlich auch Menschenrechte sind. »An Letzteres zu erinnern, ist gerade heute bedeutsam«, so Linnemann. »Denn nationalistische Bewegungen und Parteien in Europa setzen derzeit auf Ausgrenzung von mit der eigenen Ideologie Nicht-Konformen und Unbequemen.« Die Ausstellung über 100 Jahre Frauenwahlrecht könnte also aktueller nicht sein. Schlägt sie doch Brücken zu aktuellen Debatten über grundlegende demokratische Prinzipien, die heute wieder infrage gestellt werden.  

Die Ausstellung ist noch bis zum 20. Januar 2019 im Historischen Museum in Frankfurt am Main zu sehen.

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