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Ernährung

Essen und Emotionen

17.10.2006  14:35 Uhr

Ernährung

Essen und Emotionen

Von Christina Hohmann, Stuttgart

 

Liebeskummer verschlägt den Appetit, Prüfungsstress weckt den Heißhunger auf Knabbereien. Die Gefühle beeinflussen das Essverhalten auf vielfältige Weise, aber andersherum verändert auch Essen die Gefühlslage.

 

»Emotionen und das Essverhalten sind stark verknüpft«, sagte Professor Dr. Michael Macht von der Universität Würzburg auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), Sektion Baden-Württemberg, in Stuttgart. Ohne diese Verbindung wäre kein reguliertes Essverhalten möglich. Ein bekanntes Beispiel sei Stress, auf den Umfragen zufolge etwa die Hälfte der Personen mit Appetitverlust reagiere. Intensive Emotionen können das Essverhalten unterdrücken, da sie mit physiologischen Reaktionen verbunden sind, die mit Nahrungsaufnahme nicht vereinbar sind. So löst starke Angst Fluchtverhalten oder starker Ärger Aggressivität aus.

 

Etwa ein Drittel der Bevölkerung reagiert auf Stress aber mit einer Appetitsteigerung. Bei dieser Gruppe soll »Essen bei der Bewältigung negativer Gefühle helfen«, erklärte Macht. Dieses als emotionales Essverhalten bezeichnete Phänomen ist auch bei gesunden Menschen, nicht nur bei Patienten mit Essstörungen zu beobachten.

 

Essen kann neben dem Appetit auch den Geschmack verändern. So zeigen Untersuchungen an der Universität Würzburg, dass Studienteilnehmern, die in eine traurige Stimmung versetzt wurden, Schokolade schlechter schmeckte als Teilnehmern, die guter Stimmung waren. Die Veränderung ist emotionskongruent, erklärte Macht. Freude erhöhe die Bereitschaft zur Reizverarbeitung (wie den Geschmack), Traurigkeit führe zu einer verminderten Reizverarbeitung.

 

Schokolade für die Seele

 

Ebenso wie Emotionen das Essverhalten beeinflussen, verändert auch das Essen die Emotionen. Hierbei spielen verschiedene Mechanismen ein Rolle, sagte der Referent. Allein die Bereitstellung von Energie wirke positiv, sie führe zu einer Entspannung und Stimmungsaufhellung. Umgekehrt bewirke eine verminderte Energiezufuhr psychische Veränderungen wie Reizbarkeit oder Aggressivität.

 

Außerdem verändert die Nahrungsaufnahme die Neurotransmitterspiegel im Gehirn. Der Serotonin-Hypothese zufolge erhöhen kohlehydrathaltige Speisen die Tryptophankonzentration im Gehirn, wodurch auch der Serotoninspiegel ansteigt. Serotonin hat eine beruhigende und glücklich stimmende Wirkung. Einigen Wissenschaftlern zufolge sei allerdings der Serotoninanstieg nach dem Essen zu gering, um eine Gefühlsänderung zu erreichen.

 

Neben Serotonin scheinen Dopamin und Endorphine eine Rolle zu spielen, erklärte Macht. Einigen Studien zufolge erhöht eine proteinreiche Nahrung den Dopaminsspiegel. Bei der Aufnahme von wohlschmeckender Nahrung, die meist fett- und zuckerreich ist, werden Endorphine freigesetzt, die die Lustempfindung steigern und schmerzlindernd wirken. Untersuchungen mit Affen, die Stress ausgesetzt waren, zeigten, dass wohlschmeckende Nahrung die Tiere beruhigte. Eine pharmakologische Blockade des Opioidsystems habe diesen Effekt wieder aufgehoben, berichtete Macht.

 

Die emotionale Wirkung von Lebensmitteln kann auch auf einen pharmakologischen Effekt ihrer Inhaltsstoffe zurückgehen. So setzt Schokolade nicht nur über ihren hohen Fett- und Zuckeranteil Endorphine frei, sie enthält auch die euphorisierenden Substanzen Phenylethylamin und Anandamin sowie die anregenden Stoffe Theobromin und Coffein.

 

Neben diesen pharmakologischen Effekten löst Nahrung vor allem auch über die Geruchs- und Geschmacksempfindungen eine Stimmungsänderung aus. Wohlschmeckende Nahrung fördert über die sensorischen Empfindungen positive Emotionen. »Dieses ist wohl der wichtigste Mechanismus«, sagte Macht. Denn hier setzt die Wirkung sofort ein. Diese Reaktionen sind angeboren, wie Untersuchungen mit Säuglingen zeigen. Neugeborene reagieren auf Zuckerlösung mit einer positiven Mimik, dem sogenannten »lip suck«. »Babys vermindern ihr Schreiverhalten, wenn sie etwas Süßes erhalten, dies ist deutlich effektiver als der Schnuller«, so der Referent. »Der Wohlgeschmack der Nahrung ist es, der negative Emotionen reguliert.«

 

Dies zeigt auch ein Experiment, dass Macht an der Universität Würzburg durchführte. Probanden versetzte er durch Filmausschnitte in eine traurige Stimmung und bot ihnen anschließend Schokolade beziehungsweise Wasser an. Bei den Teilnehmern, die Schokolade erhielten, besserte sich die Stimmung deutlich stärker als bei den Wasser trinkenden Probanden. Dabei erhielten die Versuchspersonen nur 5 Gramm Schokolade, um pharmakologische Wirkungen auszuschließen. Dass die geschmacklichen Eigenschaften der Schokolade und nicht ihre Inhaltsstoffe für die emotionale Wirkung verantwortlich sind, zeigt auch eine weitere Untersuchung, in der Macht Bitterschokolade gegen Milchschokolade testete. Obwohl Milchschokolade eine niedrigeren Kakaoanteil und somit auch weniger euphorisierende Inhaltsstoffe besitzt, verbesserte sie die Stimmung der Versuchspersonen stärker als Bitterschokolade. »Der Effekt ist also rein psychologisch«, so Macht.

 

Die Zusammenhänge zwischen Essen und Emotionen zu ergründen, sei nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht interessant. Wichtig seien die Erkenntnisse auch für die Therapie von Essstörungen wie Bulimie oder dem Binge-Eating-Syndrom. Diese durch Essanfälle gekennzeichneten Erkrankungen lassen sich nicht durch eine Veränderung des Essverhaltens therapieren, sondern durch eine bessere Gefühlsregulation.

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