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Urogenitale Tumoren

Männer unterschätzen die Gefahr

15.09.2015
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Von Claudia Borchard-Tuch / Zu den relativ häufigen bösartigen Tumoren des Urogenitalsystems beim Mann zählen das Hoden- und das Prostatakarzinom. Seltene Arten wie das Peniskarzinom werden oft erst in späten Stadien diagnostiziert. Doch rechtzeitig erkannt und effektiv therapiert, haben die Tumoren eine gute ­Prognose.

Insgesamt gesehen gehören Hoden­tumoren zu den selteneren Krebsarten. Laut Robert-Koch-Institut liegt der Anteil bei etwa 1,6 Prozent an allen Krebserkrankungen bei Männern (1). Anders in der Altersgruppe zwischen 20 und 45 Jahren: Hier ist Hodenkrebs die häufigste Krebserkrankung des Mannes. Etwa fünf von 100 000 Männern sind pro Jahr betroffen. Ohne Behandlung verläuft die Krankheit tödlich. Mit einer frühzeitigen Therapie kann sie dagegen meistens dauerhaft geheilt werden (2).

 

Die Ursachen für die Entstehung dieses Krebses sind unklar. Das für Tumoren untypisch frühe Erkrankungs­alter deutet an, dass genetische Veranlagungen oder Einwirkungen auf den Hoden im frühen Kindesalter oder im Mutterleib an der Genese beteiligt sind. Dabei bilden sich veränderte Keimzellen im Hoden, die durch den Hormonschub während der Pubertät schließlich bösartig werden (3).

 

Risikofaktor Hodenhochstand

Als gesicherter Risikofaktor gilt der ­Hodenhochstand (Kryptorchismus) (1). Eine aktuelle Metaanalyse von zwölf Studien zeigte, dass Männer mit Hodenhochstand bei der Geburt ein nahezu dreifach erhöhtes Risiko haben, im späteren Leben an Hodenkrebs zu erkranken, wenn der Hodenhochstand nicht operativ korrigiert wurde (4). Die Deutsche Gesellschaft für Urologie rät dringend, einen Hodenhochstand rechtzeitig zu therapieren, da die höhere Temperatur im Körperinneren die Keimdrüsen schädigen kann (5).

 

Zu den weiteren Risikofaktoren zählen Hodenkrebs bei nahen männlichen Blutsverwandten, Hodenentzündung und -verletzung, Strahlung und ein früher aufgetretener Tumor am anderen Hoden (3).

 

Bei 95 Prozent der Erkrankten tritt der Krebs nur in einem Hoden auf. Die meisten Männer bemerken die ersten Anzeichen selbst. Dazu gehören eine tastbare schmerzlose Verhärtung, Schwellung oder Schmerzen im Hodenbereich. Das Schmerzgefühl kann sich bis in die Leisten ausdehnen. Bei diesen Beschwerden sollte der Mann unbedingt einen Arzt aufsuchen, der die ­Ursache abklärt. Bei fortschreitender Erkrankung können sich Rückenschmerzen entwickeln, die durch eine Vergrö­ßerung der Lymphknoten im hinteren Bauchraum ausgelöst werden. Auch Übelkeit, Luftnot, Knochenschmerzen oder ein Lymphödem des Beines können die Folge von Metastasen sein.

 

Um den Tumor früh zu erkennen, ist es auf jeden Fall sinnvoll, wenn Männer beide Hoden in regelmäßigen Abständen auf Veränderungen abtasten. Dies gelingt am besten in entspannter Stellung unter der Dusche oder in der Badewanne (2).

 

Wie wird Hodenkrebs diagnostiziert?

 

Der Arzt tastet zunächst die Hoden ab, um Veränderungen zu entdecken. Eine Ultraschall-Untersuchung kann einen Tumor sichtbar machen. Bestimmte Gewebemarker können bei Hodenkrebs auffällig sein, beispielsweise Alpha-Fetoprotein (AFP) oder Beta-Humanes-Chorion-Gonadotropin (ß-HCG) Auch bei normalen Werten lässt sich Hodenkrebs nicht sicher ausschließen, da diese Marker nicht bei allen Krebsformen erhöht sind.

 

Bei Verdacht auf Metastasen werden zusätzlich bildgebende Verfahren wie Computer- und Kernspintomografie (CT/MRT) und die Skelettszintigrafie eingesetzt.

Tabelle 1: PEB-Schema zur Chemotherapie von Hodentumoren

Substanz Dosierung intravenös Zeitpunkt der Applikation
Cisplatin 20 mg/m2 Tag 1 bis 5
Etoposid 100 mg/m2 Tag 1 bis 5
Bleomycin 30 mg absolut Tag 1, 8, 15

Die histologische Untersuchung beweist, ob ein maligner Tumor besteht. Hierbei bestimmt der Pathologe auch den Gewebetyp. 90 Prozent der Hodentumoren entwickeln sich aus den Keimzellen und werden als germinale Geschwülste bezeichnet. Bei diesen werden wiederum Seminome von Nicht-Seminomen unterschieden. Das Seminom ist ein bösartiger Tumor des Hodengewebes, der vom Keimgewebe ausgeht. Dagegen ist das Nicht-Seminom ein Sammelbegriff für alle Tumorformen des Hodens, die keine Semi­nome sind (3).

 

Therapie so früh wie möglich

 

Seit Einführung der Cisplatin-basierten Chemotherapie ist Hodenkrebs eine der am besten behandelbaren bösartigen Neubildungen. In frühen Krankheitsstadien können 90 bis 98 Prozent der Patienten dauerhaft geheilt werden. Selbst bei weit fortgeschrittenen Tumoren sind Heilungsraten bis zu 70 Prozent möglich. Die Behandlung ist allerdings intensiver und mit mehr ­Nebenwirkungen verbunden (6).

 

Der erste Schritt ist die operative Entfernung des erkrankten Hodens mitsamt Nebenhoden und Samenstrang. Dies hat im Prinzip keinerlei Auswirkungen auf Sexualität oder Fertilität, da der andere Hoden die Funktionen übernimmt. Aus bisher ungeklärten Gründen ist jedoch bei etwa der Hälfte der Patienten die Samenbildung im gesunden Hoden vermindert. Dies sollte vor der Operation geprüft und bei verminderter Samenbildung Samen für eine eventuelle künstliche Befruchtung gewonnen werden.

Bei etwa 20 Prozent der Patienten bestehen im hinteren Bauchraum Lymphknotenveränderungen – auch wenn diese nicht nachgewiesen wurden (N0). Daher entfernt der Chirurg im Allgemeinen bereits im Stadium N0 in einem begrenzten Bereich die Lymphknoten. Dabei können Nerven geschädigt werden, die für den Samenerguss von Bedeutung sind. Es kann zu einer retrograden Ejakulation kommen, bei der der Samen nicht mehr nach außen, sondern nach innen in die Blase ausgeworfen wird.

 

Patienten ohne Lymphknotenbefall oder Metastasierung in andere Organe haben nach der Operation drei Möglichkeiten. Bei der Wait-and-see-Strategie erfolgt zunächst keine weitere ak­tive Behandlung. Der Patient wird ­sorgfältig und in regelmäßigen Abständen untersucht. Andere Optionen sind eine anschließende Strahlen- oder Chemotherapie.

 

Sind die Lymphknoten befallen, erfolgt beim Seminom eine Strahlen­therapie, beim Nicht-Seminom eine Chemotherapie. In fortgeschrittenen Stadien mit Befall zahlreicher Lymphknoten oder Fernmetastasen behandelt man chemotherapeutisch (pallia­tive Therapie).

 

Bei der Bestrahlung wird das Gebiet an der Bauchhinterwand links und rechts neben der Bauchschlagader bestrahlt. Ziel ist es, die Entwicklung von Lymphknotenmetastasen zu verhindern oder bestehende Metastasen vollständig zu zerstören. Sind Metastasen bekannt, bestrahlt man zusätzlich auf der betroffenen Seite die Beckenregion entlang der großen Beckengefäße. Zahlreiche Nebenwirkungen wie Übelkeit, Appetitlosigkeit, Erbrechen oder Infekt­anfälligkeit können auftreten. Während diese wieder vorübergehen, kann der gesunde Hoden dauerhaft geschädigt werden – obwohl ihn eine Blei­kammer schützt. Dann sind Spermien­produktion und Zeugungsfähigkeit vermindert. Die Hormonproduktion bleibt jedoch meistens erhalten, da die für die Testosteronproduktion verantwortlichen Zellen widerstandsfähig sind.

 

 

Chemotherapie mit PEB

 

Bei der Chemotherapie wird meist die Wirkstoffkombination PEB eingesetzt, die aus den Zytostatika Cisplatin (P), Etoposid (E) und Bleomycin (B) besteht.

 

Cisplatin kann eine schwere Nierenschädigung mit teilweise irreversiblem Nierenversagen auslösen. Durch ausreichende Hydratation mit physiologischer Kochsalzlösung kann die Nephrotoxizität deutlich herabgesetzt werden. Gleiches gilt für die Ototoxizität. Sehr häufige Nebenwirkungen von Etoposid sind Hemmung der Knochenmarkfunktion mit Mangel an weißen Blutkörperchen und Blutplättchen, Übelkeit und Erbrechen, Appetitlosigkeit, Mundschleimhaut- und Speiseröhrenentzündung sowie Haarausfall. Bei Bleomycin sind Knochenmarktoxizität und immunsuppressive Wirkung gering; dagegen wurden Sklerodermien und Pneumonien mit eventueller Entwicklung von Lungenfibrosen als Nebenwirkungen beobachtet.

 

Ein Chemotherapiezyklus umfasst 21 Tage (Tabelle 1). In fortgeschrittenen Tumorstadien werden in der Regel vier Zyklen verabreicht. Eine Schädigung des Erbguts kann nicht sicher ausgeschlossen werden. Daher sollte der Patient in den ersten beiden Jahren nach der Chemotherapie auf Nachwuchs verzichten.

 

An der Spitze: Prostatakarzinom

Mit etwa 30 Prozent aller Krebsformen ist das Prostatakarzinom die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Das mittlere Erkrankungsalter beträgt 69 Jahre. Ein häufiger Ort für Metastasen sind die Knochen.

 

Mit einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs verbunden sind höheres Alter, Übergewicht und familiäre Belastung. Auch die Ernährung scheint eine Rolle zu spielen. Während die Suche nach Einzelsubstanzen zur Prävention des Prostatakarzinoms bislang wenig erfolgreich war, scheint die Ernährung insgesamt einen Einfluss zu haben. So gibt es Hinweise auf einen Anstieg des Karzinomrisikos bei asiatischen Männern, die in westliche Industrieländer emigrieren. Mediterrane und fernöstliche Ernährung scheinen vorbeugend zu wirken. Gesichert ist der Zusammenhang zwischen Rauchen und gehäuftem Auftreten von Prostatakrebs.

 

Möglicherweise besteht auch eine Beziehung zu entzündlichen Prozessen. Außerdem konnte eine Assoziation zu bestimmten chemischen Substanzen wie Cadmium nachgewiesen werden. Prostatakrebs wird nicht durch Testo­steron ausgelöst, bestehende Krebszellen wachsen jedoch Testosteron-abhängig.

 

Die aktuelle Leitlinie zum Prostatakarzinom, federführend erstellt von der Deutschen Gesellschaft für Urologie e. V. (DGU), empfiehlt allen Männern ab 45 Jahren, ihre Prostata einmal jährlich untersuchen zu lassen (7). Bei erhöhtem Risiko für ein Prostatakarzinom kann diese Altersgrenze um fünf Jahre vorverlegt werden. Männer, die den Wunsch nach einer Früherkennungs­untersuchung mittels PSA nicht von sich aus äußern, sollen nicht aktiv darauf angesprochen werden. Diejenigen Männer, die von sich aus nach einer Früherkennung fragen, sollen ergebnisoffen über die Vor- und Nachteile ­aufgeklärt werden. Dabei sollen der mögliche Nutzen wie auch die Risiken (Überdiagnose und Übertherapie) erwähnt werden.

Tabelle 2: Hormontherapie des Prostatakarzinoms (11)

Substanzgruppe Substanzen (Beispiele) Anmerkung
GnRH-Agonisten Leuprorelin, Goserelin, Triptorelin, Buserelin und Histrelin Medikamente der ersten Wahl in der Hormontherapie
GnRH- Antagonisten Abarelix, Degarelix Bei Abarelix Risiko schwerer allergischer Reaktionen
Nicht steroidale Antiandrogene, Androgenrezeptor-Blocker Bicalutamid, Flutamid, Enzalutamid Langzeitergebnisse bezüglich Rückfallrate und Gesamt­überleben etwas ungünstiger als bei den GnRH-Agonisten
Steroidale Antiandrogene Cyproteronacetat seit über 40 Jahren Einsatz in der Therapie des metastasierten Prostatakarzinoms
Inhibitoren der Androgen- Biosynthese Abirateronacetat Tagesdosis 1000 mg als Einmaldosis, nicht zusammen mit Nahrung

Oft erst spät bemerkt

 

Zunächst breitet sich der Tumor innerhalb der Prostata aus. Später durchbricht er die bindegewebige Kapsel. Oftmals wächst der Tumor sehr langsam und der Mann bemerkt zeitlebens nichts davon.

 

Zu den Zeichen eines späten Stadiums zählen häufiger, plötzlicher und unkontrollierbarer Harndrang, gehäuftes nächtliches Wasserlassen, Harntröpfeln und blutige Verfärbung des Urins. Charakteristisch sind auch Potenzstörungen und Schmerzen im Bereich der Prostata und der Knochen, insbesondere der Lendenwirbelsäule. Schreitet die Erkrankung weiter fort, können Lähmungen der Beine oder Inkontinenz hinzukommen.

 

Prostatakrebs macht sich meist erst in späten Stadien bemerkbar. Fallen dem Mann Veränderungen auf, sind oft bereits Metastasen entstanden.

 

PSA: Stellenwert in der Diagnostik

 

Die gründliche körperliche Untersuchung beim Arzt beinhaltet neben der Anamnese eine Tastuntersuchung. Dabei untersucht der Arzt die Prostata mit dem Finger über den Enddarm ­(digital-rektale Untersuchung), denn Prostatakarzinome entstehen am häufigsten in dem Teil der Drüse, der dem Enddarm zugekehrt ist.

 

Das Prostata-spezifische Antigen (PSA) ist ein Gewebemarker, eignet sich aber auch als Tumormarker. Ein erhöhter Blutspiegel kann auf Prostatakrebs hinweisen und dient zur Beurteilung des Krankheitsverlaufs während der Behandlung. Für den PSA-Test müssen gesetzlich Versicherte derzeit selbst aufkommen, wenn der Test nur zur Früherkennung, also ohne begründeten Krebsverdacht, gemacht wird. Laut S3-Leitlinie (7) soll die PSA-Bestimmung den Männern angeboten werden, die nach der Aufklärung eine Früherkennungsuntersuchung wünschen.

 

Eine Erhöhung des PSA-Werts allein ist kein sicherer Hinweis auf Krebs. Auch andere Erkrankungen wie Prostatitis oder benigne Prostatahyperplasie lassen den Blutspiegel ansteigen. Andererseits kann bei normalen Werten Prostatakrebs nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Intensiv wird daher nach Verbesserungen oder Alter­nativen zum PSA-Test gesucht und ­geforscht. Mögliche Marker könnten EPCA, EPCA-2, Endoglin, PCA-3 und AMACR sein. Reif für den Einsatz in der Praxis sind diese Verfahren noch nicht.

Bei Tumorverdacht, beispielsweise bei auffälligem Tastbefund und/oder erhöhtem PSA-Wert, muss eine Biopsie erfolgen. Hierbei führt der Arzt über den Enddarm einen Ultraschallkopf und eine Biopsienadel ein, sodass er an der richtige Stelle punktieren kann. Hat der Pathologe die Diagnose bestätigt, folgen bildgebende Verfahren, zu denen Ultraschall, Röntgenaufnahmen, Computer- und Kernspintomografie sowie die Skelettszintigrafie gehören. Mithilfe dieser Untersuchungen wird das Sta­dium der Erkrankung festgelegt (8).

 

Therapie: von Überwachen bis Chemo

 

Abhängig von Tumorstadium, Alter und Allgemeinzustand des Patienten wird die Behandlung festgelegt. An erster Stelle stehen Operation oder Bestrahlung. Generell besteht dabei ein Risiko für die Entwicklung von Inkontinenz und Potenzstörungen, wobei die Wahrscheinlichkeit vom Ausbreitungsgrad des Tumors, der Operationsmethode und der Erfahrung des Chirurgen abhängt. Es bestehen auch die Optionen des beobachtenden Abwartens (watchful waiting) und der aktiven Überwachung (active surveillance), die eine besonders intensive ärztliche ­Begleitung erfordert (7).

 

Bei der Prostatektomie entfernt der Arzt neben der Prostata auch die Samenbläschen und die Lymphknoten des Beckens. Die minimal invasive Therapie ist eine Alternative zur offenen Operation und gewinnt immer mehr an Bedeutung. Eine bleibende postoperative Belastungsinkontinenz kann in aller Regel vermieden werden.

 

Damit bleibt als wichtigste Nebenwirkung der chirurgischen Therapie die erektile Dysfunktion. Dieses Problem kann meist durch eine lokale Therapie mit Prostaglandin E1 (Alprostadil) oder PDE-5-Hemmern wie Sildenafil, Vardenafil, Avanafil und Tadalafil korrigiert werden. Im Extremfall wird dem Patienten ein Schwellkörperimplantat angeboten (8).

 

Die Bestrahlung hat sich als effek­tive Alternative zur Behandlung des Prostatakarzinoms entwickelt. Sie kann sowohl primär als auch adjuvant nach einer Operation indiziert sein. Besonders wenn der Tumor nicht mehr auf die Prostata beschränkt ist, ist die Strahlentherapie von hoher Bedeutung. Potenzielle Folgen sind Harn­inkontinenz oder ein erhöhtes Risiko für ein Dickdarmkarzinom (8).

 

Antihormonelle Therapie

 

Kommt das Tumorwachstum trotz Operation und Bestrahlung nicht zum Stillstand oder sind diese Eingriffe nicht möglich, ist eine Hormonbehandlung anzuraten. Die Testosteronbildung kann unterdrückt werden, sodass das Hormon das Wachstum der Tumorzellen nicht mehr stimulieren kann.

 

Die Entfernung der Hoden (Orchiektomie) ist ein radikales Verfahren, das heute nur sehr selten eingesetzt wird. Bevorzugt wird die »medizinische Kastration«: Medikamente sollen die An­dro­gen­bil­dung unterdrücken (Tabelle 2). Beispiele sind GnRH-Agonisten und -Antagonisten. Die Wirkung setzt einen bis sechs Monate nach Therapiebeginn ein. Antiandrogene verhindern, dass sich Testosteron an die Tumorzelle bindet, und wirken sehr rasch.

Ist die Hormontherapie nicht ausreichend wirksam, können Zytostatika eingesetzt werden. Derzeit wird meist Docetaxel in Kombination mit Prednison oder Prednisolon bevorzugt.

 

Cabazitaxel ist ebenfalls ein Taxan und kommt – kombiniert mit einem Corticoid – bei Patienten zum Einsatz, die mit Docetaxel vorbehandelt sind. Als Nebenwirkung kann neben einer kurzfristigen Knochenmarksuppression eine periphere Neuropathie auftreten (8).

 

Eine andere Option ist Abirateron­acetat. Der oral bioverfügbare Inhibitor der Androgen-Biosynthese ist in Kombination mit Prednison oder Prednisolon zugelassen bei metastasiertem Prostatakrebs nach Versagen der An­drogenentzugstherapie oder wenn die Erkrankung trotz einer Docetaxel-haltigen Chemotherapie progredient ist.

 

Ein neuer Ansatz war die Immuntherapie mit Sipuleucel-T (Provenge). Das Medikament wurde im September 2013 in der EU für Männer mit meta­stasiertem Prostatakrebs zugelassen; im Mai 2015 wurde die Zulassung auf Antrag des Herstellers aber zurückgezogen (www.ema.europa.eu). Die Infusion enthielt Immunzellen, die aus dem Blut des Patienten gewonnen und außerhalb seines Körpers mit einem Fusionsprotein gemischt wurden. Das Fusionsprotein besteht aus prostataspezifischer saurer Phosphatase (prostatic acid phosphatase, PAP), die an den Granulozyten-Makrophagen-Kolonie-stimulierenden Faktor (GM-CSF) gekoppelt ist. Damit gehörte das Medikament zur neuen Gruppe der »Arzneimittel für somatische Zelltherapie«.

 

Ein großes Problem sind Knochenmetastasen, die starke Schmerzen verursachen können. Eine gezielte Bestrahlung einzelner Metastasen kann die Symptomatik verbessern. Auch die Applikation von radioaktiven Substanzen, die sich in erkranktem Knochen anreichern, kann Metastasen zurückdrängen (Radionuklidtherapie, zum Beispiel mit Radium-223, Samarium-153, Strontium-89). Bisphospho­nate wie Clodronat oder Zoledronat sowie Antikörper wie hoch dosiertes Denosumab können die Schmerzen lindern oder Komplikationen vermeiden helfen.

 

Peniskrebs: selten, aber hoch belastend

 

Ein seltener, aber extrem belastender Krebs des Mannes ist der Peniskrebs: In der westlichen Welt macht er weniger als 1 Prozent der Tumorkrankheiten der männlichen Bevölkerung aus. Etwa 600 Männer erkranken in Deutschland jedes Jahr daran (10). Das Durchschnittsalter der Betroffenen liegt zwischen 50 und 70 Jahren.

Die Autorin

Claudia Borchard-Tuch studierte Medizin an der Universität Düsseldorf, erhielt 1982 die Approbation und schloss ein Jahr später ihre Promotion ab. Nach einer Tätigkeit als Assistenzärztin studierte sie Informatik an der Fernuniversität Hagen und schloss mit dem Diplom ab. Seit 1983 ist Borchard-Tuch freiberuflich als Autorin und Wissenschaftsjournalistin für medizinische Fachzeitschriften tätig.

 

Dr. Claudia Borchard-Tuch

Forsthofweg 9

6441 Zusmarshausen

claudia.borchardtuch@gmail.com

Wird der Tumor frühzeitig entdeckt, ist die Prognose gut (9, 10). Allerdings wird die Diagnose häufig verzögert ­gestellt, da die Patienten erst spät zur Abklärung zum Arzt gehen.

 

Peniskarzinome sind meist Platten­epithelkarzinome, die von der oberflächlichen Zellschicht der Haut oder Schleimhaut ausgehen und sich oft an Eichel oder Vorhaut entwickeln (10). Zu den Risikofaktoren zählen steigendes Lebensalter, Rauchen, chronische Irritation des Penis, zum Beispiel durch Vorhautverengung (Phimose), mangelnde Hygiene oder wiederkehrende Entzündungen der Eichel oder Vorhaut, aber auch häufiger Wechsel von Geschlechtspartnern oder virale Infektion mit bestimmten Typen des Humanen Papillomavirus, zum Beispiel HPV-16 und -18. Außerdem werden Präkanze­rosen beschrieben, die möglicherweise eine Bedeutung in der Entwicklung ­eines Peniskarzinoms haben.

 

Zu den häufigsten Präkanzerosen gehören der Morbus Bowen und die Erythroplasie de Queyrat. Die Hautveränderungen bei einem Morbus Bowen ähneln denen der Schuppenflechte: scharf begrenzte, rötliche Veränderungen mit Schuppen. Bei der Erythroplasie de Queyrat bilden sich rote, 0,5 bis 2 cm große, scharf begrenzte, samt­artig gekörnte oder oberflächenglatte, glänzende Stellen. Zugrunde liegt ein Umbau des Epithels.

 

Die häufigsten Symptome sind die Bildung eines Knotens oder eines Geschwürs am Penis sowie Schmerzen. Daneben können entzündliche Ver­änderungen am Penis, Brennen und Stechen unter der Vorhaut sowie Schwellungen der Leistenlymphknoten auftreten. In späteren Stadien können Blutungen, Fistelbildung oder Verschluss der Harnröhre, Gewichtsverlust und Abgeschlagenheit hinzukommen.

 

Die körperliche Untersuchung umfasst eine genaue Untersuchung des Penis und der Lymphknoten. Es folgen Labortests aus Blut und Urin. Zu den bildgebenden Verfahren, die die Diagnose ­sichern können, gehören Ultraschall, Röntgenaufnahmen, Computer- und Kernspintomografie (CT/MRT) sowie die Skelettszintigrafie. Gegebenenfalls erfolgt eine Endoskopie der Harnröhre und der Blase. Beweisend ist schließlich die Beurteilung aus einer Gewebeprobe (Biopsie) durch den Pathologen.

 

Operation und Chemotherapie

 

Wird der Krebs frühzeitig entdeckt, kann er operativ entfernt werden. Oft reicht es, die Vorhaut zu entfernen oder den Tumor aus der Eichel zu schneiden. Ist die Erkrankung weiter fortgeschritten, muss jedoch der Penis (teil-)amputiert werden. Chemotherapie und Bestrahlung lindern die Beschwerden, wenn eine Heilung nicht mehr möglich ist.

 

Die Chemotherapie des fortgeschrittenen Peniskarzinoms birgt zahlreiche Unsicherheiten, da nur Studien mit kleinen Fallzahlen vorliegen. Daher gibt es keine klar definierte Standardtherapie; vielmehr wird eine Vielfalt an verschiedenen Schemata angewandt.

 

Das klassische Dexeus-Schema (Vinblastin, Methotrexat, Bleomycin) ist relativ toxisch und nicht so effektiv wie zunächst beschrieben. Bleomycin geht mit erheblicher pulmonaler Toxizität, besonders bei älteren Männern, und therapieassoziierter Mortalität einher. Besser verträglich und effektiv sind ­Taxan-haltige Schemata. Mehrere Studien wiesen deren Wirksamkeit in Kombination mit Cisplatin und 5-Fluoro­uracil nach. Besonders effektiv ist die Chemotherapie bei Lymphknotenmetastasen in der Leistengegend. Bei systemischer Metastasierung kann eine palliative Chemotherapie gegen »Best supportive Care« abgewogen werden (9).

 

Das Peniskarzinom hat im Frühstadium als lokal begrenzter Tumor die besten Heilungschancen (10). Etwa 90 Prozent der Patienten überleben fünf Jahre. Siedeln sich Metastasen in den Leistenlymphknoten ab, sinkt die Fünf-Jahres-Überlebensrate auf etwa 80 Prozent. Wenn jedoch weiter entfernte Lymphknoten oder Organe befallen sind, liegt sie unter 20 Prozent. Zu bedenken ist immer, dass die teilweise oder vollständige Penis- sowie die Lymphknotenentfernung die Lebensqualität der Betroffenen massiv belasten.

 

In den letzten Jahren haben sich organerhaltende operative Therapieverfahren durchgesetzt. Sie gehen mit einer höheren Lebensqualität und einer besseren sexuellen Zufriedenheit einher. Wie die Deutsche Gesellschaft für Urologie betont, ist eine erheblich intensivere Nachsorge erforderlich. /

 

Literatur

  1. Robert-Koch-Institut, Krebsregisterdaten. Hodenkrebs (Hodenkarzinom), Stand 25. März 2015; www.rki.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Hodenkrebs/hodenkrebs_node.html, aufgerufen 24. 8. 2015.
  2. Hrivatakis, G., et al., Operationszeitpunkt bei Hodenhochstand: Retrospektive multizentrische Auswertung. Dtsch. Arztebl. Int. (2014) 111 (39) 649-657.
  3. Universitätsklinikum Freiburg. Hodenkrebs. www.uniklinik-freiburg.de/medizin1/behandlung/krankheiten/boesartige-solide-tumoren/urogenitale-tumoren/hodenkrebs.html, aufgerufen am 5. 8. 2015.
  4. Lip, S. Z., et al., A meta-analysis of the risk of boys with isolated cryptorchidism developing testicular cancer in later life. Arch Dis Child (2013) 98 (1) 20-26.
  5. Deutsche Gesellschaft für Urologie. Selbstuntersuchung dringend empfohlen! Hodenhochstand verdreifacht das Risiko für ­Hodenkrebs. www.urologenportal.de/artikel+M5807aad5403.html, aufgerufen am 5. 8. 2015
  6. Deutsche Krebsgesellschaft. Hodenkrebs. www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/andere-krebsarten/hodenkrebs/therapie.html, aufgerufen am 5. 8. 2015.
  7. S3-Leitlinie Prostatakarzinom; Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien. 2. Akt., Sept. 2014. AWMF-Register-Nummer 043/022OL. www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/043-022OL.html; aufgerufen am 17. 8. 2015.
  8. Schwardt, M., et al., Interdisziplinäre und individualisierte Therapie des Prostatakarzinoms. Internationales Prostatakrebssymposium Bonn 2013 – Herausforderungen und Ziele. Urologe (2014) 1-6.
  9. Protzel, C., et al., Peniskarzinom. Diagnose und Therapie. Urologe 52 (2013) 87-98.
  10. Urologische Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Jena, Peniskarzinom. www.urologie.uniklinikum-jena.de; aufgerufen am 17. 8. 2015.
  11. Manski, D., Urologie: Online Lehrbuch für Ärzte. www.urologielehrbuch.de, aufgerufen am 29. 8. 2015.

Links zum Titel

Hodenkrebs www.hodenkrebs.de

Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe www.prostatakrebs-bps.de

Aktuelles zum Peniskrebs www.krebsgesellschaft.de

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