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Deutsches Hygiene-Museum

Das (fast) vergessene Virus

15.09.2015  15:34 Uhr

Von Christina Müller, Dresden /  Heute leben nach Schätzungen der WHO weltweit 34 Millionen Menschen mit HIV/Aids. Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden (DHMD) widmet der Krankheit derzeit eine Sonderausstellung und fördert die innere Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen zu Scham, Tod, Sexualität, Angst und Verantwortung.

»Gib Aids keine Chance« – der Titel einer Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 1987 hat das Bewusstsein der Deutschen über Generationen hinweg verändert. Mit Plakaten, Kinospots, Anzeigen und Fernsehwerbung gelang es erstmals, die breite Masse für ein Thema zu sensibilisieren, das bis dato geprägt war von Vorurteilen und Tabus. Als Vorbild für eine gelungene Präven­tionsstrategie fand die Initiative auch international große Beachtung.

Bereits 1988 veranstaltete das DHMD – damals noch für die staatliche Gesundheitsaufklärung in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) verantwortlich – eine Ausstellung zum Thema Aids. Für Kontroversen sorgte jedoch nicht der Veranstaltungsgegenstand, sondern dass die Organisatoren den Slogan der westdeutschen Schwesterbehörde BZgA übernommen hatten. So fand das Motto »Gib Aids keine Chance« auch bei der Staatsführung der DDR Beachtung – obwohl es sich hier wenig Beliebtheit erfreute. Auch heute ist Aufklärung zum Thema Aids nach wie vor unverzichtbar. In Deutschland leben derzeit mit etwa 80 000 Infizierten fast doppelt so viele Menschen mit dem Virus als in den 1990er-Jahren, sagte der Internist und HIV-Spezialist Andreas Jenke anlässlich der Eröffnung der Ausstellung. Problematisch seien vor allem späte Diagnosen und die Weitergabe des Virus in der Zwischenzeit. Daher hält Jenke einen leichten Zugang zu HIV-Tests sowie eine gezielte Motiva­tion von Risikogruppen, sich testen zu lassen, für enorm wichtig. Denn die rasche Einleitung einer Behandlung reduziere die Chancen, weitere Menschen zu infizieren.

 

Bis einschließlich Februar 2016 präsentiert das DHMD eine Auswahl seiner weltweit einzigartigen Sammlung von rund 10 000 Plakaten aus 147 Ländern, die sich auf völlig unterschied­liche Arten den Themen Aids und HIV widmen. Provokant, humorvoll, nüchtern oder erschütternd – die Ausstellung demonstriert eindrucksvoll, wie sich verschiedene Kulturkreise im Wandel der Zeit mit Aids beschäftigt haben. Die gezeigten 240 Plakate stellen »keine chronologische Kunstgeschichte« dar, so Kurator Vladimir Cajkovac. Die Ausstellung sei vielmehr auf den öffentlichen Diskurs über Themen wie Tod, Schuld, Angst, Verantwortung und Fürsorge ausgerichtet. Besonders Plakate, die Kontroversen ausgelöst und die die religiösen und wissenschaftlichen Vorstellungen von Moral, Sexualität und Intimität berührt und verändert haben, stehen dabei im Fokus.

 

Die Ausstellung umfasst sechs Stationen – jede mit ihrem ganz eigenen Schwerpunkt. Distanz und Anonymität prägen die Abteilung »Die Krankheit der anderen«, aber gleichzeitig auch Versuche, Vorurteile zu durchbrechen. Ein Bericht der US-amerikanischen Seuchenschutzbehörde über rätselhafte Pilzinfektionen und Lungenentzündungen bei sonst gesunden homosexuellen Männern aus Los Angeles von 1981 gilt bis heute als erster medialer Auftritt von Aids. Damals wiegte sich die Öffentlichkeit noch in Sicherheit und schrieb die Krankheit den Prostituierten, Drogenabhängigen und Homo­sexuellen mit ihrem risikobehafteten Lebens­stil zu. In dieser Zeit starteten Schwulenverbände in Eigenregie die ersten Aufklärungskampagnen, in denen sie Safer Sex und Aids-Prävention durch Verwendung von Kondomen propagierten.

Bluter-Skandal

1993 sorgte der sogenannte Bluter-Skandal für Aufsehen: Mehrere Hundert Menschen hatten sich in den 1980er-Jahren in Deutschland durch Transfusionen mit HIV angesteckt. In der Folge verabschiedete die Bundesregierung 1998 das Transfusionsgesetz, um durch strenge Kontrollen im Blutspendewesen weitere Infektionen zu verhindern. Europäische Vorgaben machten umfassende Änderungen im Jahr 2005 erforderlich. In diesem Zuge verlängerte sich die Dokumentationspflicht für Blutprodukte von 15 auf 30 Jahre.

Als 1985 der Schauspieler Rock Hudson an Aids verstarbt und im selben Jahr der Fall des damals 13-jährigen Ryan White, der sich durch Blutkonserven mit HIV infizierte, die Aufmerksamkeit der Presse weckte, ließ sich die Krankheit nicht mehr ignorieren. Unter dem Titel »Das Schweigen wird gebrochen« zeigt die Ausstellung die Anfänge einer Welle von Berichterstattungen. Die ersten staatlichen Kampagnen, die Gründung von Protestbewegungen, öffentliche Kontroversen und das mediale Echo darauf verdeutlichen die Konflikte zwischen Gruppen mit unterschiedlichen Vorstellungen von Werten, Sexualität, Moral und Tabus.

 

Die dritte Station »Aids als Medien­ereignis« veranschaulicht eindrucksvoll die Präsenz der Krankheit in der Publikumspresse zu Beginn der 1990er-Jahre. In dieser Zeit entstanden viele Bilder und Symbole, die bis heute die Vorstellungen von Aids maßgeblich prägen. Die rote Schleife, große Aufklärungskampagnen in den USA und Deutschland sowie der Kinofilm »Philadelphia« erreichten Millionen von Menschen und brannten sich ins kollektive Gedächtnis ein. Auch die Thematisierung in Talkshows und Fernsehserien sorgte für Aufsehen. Die zentrale Botschaft lautete: Jeder ist gefährdet, aber jeder kann sich schützen.

 

Als Auslöser für Aids entdeckte ein französisches Forscherteam im Jahr 1983 das HI-Virus. Unter dem Titel »Das Virus« präsentiert das DHMD eine Sammlung der unterschiedlichsten Darstellungsformen der todbringenden Partikel. Dabei stehen vor allem Skulpturen des Bildhauers Zephania Tshuma aus Simbabwe im Mittelpunkt. Auf humorvolle, aber auch verstörende Weise klären sie über Prävention, Diagnostik, Behandlung und den gesellschaftlichen Umgang mit Aids auf. Simbabwe gilt als eines der von der Aids-Epidemie am schlimmsten betroffenen Länder. Trotz der hohen Sterberaten und einer großen Zahl an Aids-Waisen wird die Krankheit dort bis heute tabuisiert.

Mit der Einführung der hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART) wandelte sich Aids 1996 von einer töd­lichen zu einer medizinisch behandelbaren, chronischen Erkrankung. Die Betroffenen können seitdem ein nahezu normales Leben führen und ihren HIV-positiven Status wirksam vor ihrer Umwelt verbergen, wie die Abteilung »Das Zusammenleben« verdeutlicht. Dennoch sehen sich manche von ihnen bis heute Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt. So existieren in vielen Ländern immer noch Gesetze, die ihnen die Einreise verbieten oder die Dauer ihres Aufenthalts beschränken. Selbst in den USA gab es bis 2010 eine entsprechende Rechtsvorschrift. Der US-amerikanische Präsident Barack Obama hob das Einreiseverbot für HIV-Positive erst vor rund fünf Jahren auf.

 

Im letzten Teil der Ausstellung findet sich unter dem Titel »Aids weltweit« eine Vielzahl von Plakaten aus allen Teilen der Erde, eingeordnet in zehn verschiedene Themenkomplexe. Dazu zählen Tod, Sexualität und Berührung, aber auch Medikamente und Familie. Hier wird noch einmal die Vielfalt der Symbole und Bildsprachen, derer sich die Aufklärungskampagnen in den unterschiedlichen Kulturkreisen bedienten, deutlich.

 

Aids ist keine vergessene Krankheit und schon gar kein afrikanisches Problem. Aufklärung ist und bleibt das wohl wichtigste Mittel, um die Ausbreitung des HI-Virus einzudämmen. Denn heilbar ist Aids noch immer nicht. Dank der Fortschritte in der Arzneimitteltherapie haben die Betroffenen heute jedoch eine nahezu normale Lebenserwartung. Von einer flächendeckenden Versorgung mit HIV-Medikamenten kann allerdings nicht die Rede sein: 2014 hatten von den weltweit rund 36 Millionen Infizierten nur etwa 15 Millionen Menschen Zugang zu einer HIV-Behandlung. /

Ausstellung: Aids – Nach einer wahren Begebenheit

Ausstellungsdauer vom 5. September 2015 bis 21. Februar 2016

Deutsches Hygienemuseum Dresden

Lingnerplatz 1, 01069 Dresden

www.dhmd.de

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