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Blutzuckermessung

Beratung halbiert Fehlerquote

30.05.2006  17:39 Uhr

Blutzuckermessung

Beratung halbiert Fehlerquote

von Conny Becker, Berlin

 

Schon ein einziges Beratungsgespräch in der Apotheke kann die selbstständige Blutzuckermessung von Diabetikern deutlich verbessern. Dies ergab die von der ABDA initiierte EDGAr-Studie mit 462 Patienten aus 32 deutschen Apotheken, die am Dienstag vorgestellt wurde.

 

Das selbstständige Messen des Blutzuckers ist ein wesentlicher Bestandteil der Diabetestherapie. Von den sechs Millionen Diabetikern in Deutschland kontrollieren 27 Prozent ihren Blutglucosespiegel selbst, das heißt 1,6 Millionen Menschen, sagte ABDA-Vizepräsident Friedemann Schmidt auf einer Pressekonferenz der ABDA in Berlin. Ob diese die Messung auch nach Vorschrift machen und so zu richtigen Werten kommen, war allerdings fraglich.

 

Mögliche Fehler beim Vorbereiten, Durchführen oder Nachbereiten der Messung sollte die so genannte EDGAr-Studie (Evaluation der Durchführung von Glucoseselbstkontrollen von Menschen mit Typ-2-Diabetes in Apotheken) aufdecken. Ziel der Studie war es zudem, die Anzahl der Patienten, die Fehler bei der Messung machten, sowie die Fehlerzahl je Patient zu reduzieren. Schließlich sollte die Untersuchung klären, ob Beratungen zum Durchführen von Blutzuckerselbstkontrollen in Apotheken überhaupt notwendig und effektiv sind. »Wir wollen den Nutzen der pharmazeutischen Leistungen für die Patienten nachweisen«, erklärte Schmidt.

 

Fehlerzahl unter ein Drittel gesenkt

 

An der von Mai bis Oktober vergangenen Jahres laufenden Studie nahmen bundesweit 32 Apotheken teil, die insgesamt 462 Patienten mit Typ-2-Diabetes zu ihrer Messung berieten. Einschlusskriterien für die teilnehmenden Apotheken waren eine nachgewiesene Diabeteskompetenz, etwa eine zertifizierte Fortbildung, sowie eine Kundenkartei von mindestens 50 für die Studie geeigneten Typ-2-Diabetikern. Von 30 zufällig ausgewählten Patienten sollten pro Apotheke mindestens 18 Freiwillige teilnehmen, sagte Schmidt, der ebenfalls Diabetiker auf Messfehler prüfte.

 

Die Patienten kamen an einem vereinbarten Termin in die Apotheke und maßen dort nach Aufklärungsgespräch und Anamnese in gewohnter Weise mit eigenem Gerät ihren Blutzucker. Der betreuende Apotheker dokumentierte alle Einzelschritte und besprach dann beobachtete Fehler. Anschließend führte der Patient unter Anleitung des Apothekers eine fehlerfreie Messung durch und erhielt zusätzlich eine schriftliche Anleitung für zu Hause. Etwa sechs Wochen später erschienen die Diabetiker erneut in der Apotheke, wobei ebenfalls die Selbstmessung und eventuelle Fehler dokumentiert wurden.

 

»Beratungen zur Durchführung von Blutzuckerselbstkontrollen sind notwendig, denn mehr als 80 Prozent der Patienten machen Fehler«, fasste Schmidt zusammen. »Und sie sind effektiv.« So hatten beim ersten Termin 83 Prozent der Diabetiker mindestens einen der 26 möglichen Fehler gemacht, im Mittel waren es pro Patient 3,1 Fehler. Mit der Beratung in der Apotheke war die Quote der Patienten, die Fehler bei der Messung machten, halbiert worden (41 Prozent) und jeder einzelne machte im Durchschnitt nur noch 0,8 Fehler. Die Veränderungen waren alle hochsignifikant.

 

Bei beiden Messterminen machten die Patienten etwa zur Hälfte Bedienungs- und zu Hälfte geräteunabhängige Fehler. So hatte fast jeder zweite Patient beim ersten Termin Datum oder Uhrzeit des Gerätes falsch eingestellt, etwa jeder fünfte wechselte die Lanzette nicht vorschriftsmäßig aus und bei jedem siebten war die Stechtiefe falsch eingestellt und das Teststreifengefäß nicht richtig geschlossen. »Teststreifen sind luft-, licht- und feuchtigkeitsempfindlich«, sagte Schmidt. Daher könnten bei offenen Gefäßen verfälschte Ergebnisse auftreten. Häufig waren zudem Fehler bei der Speicherung der Ergebnisse oder der Kontrolle der Kodierung.

 

»Die meisten Patienten neigen dazu, sich zu melken«, umschrieb Schmidt den »Klassiker unter den Fehlern«. So presste fast die Hälfte der Patienten beim ersten Termin das Blut aus ihrem Finger, was durch die mitgepresste Gewebsflüssigkeit verdünnt wird und so für die Messung nicht mehr geeignet ist. Ebenfalls nahezu jeder Zweite reinigte die Hände nicht vorschriftgemäß, das heißt er wusch sie gar nicht, trocknete sie nicht ab oder wartete nach einer Desinfektion nicht, bis der Finger wieder trocken war. Des Weiteren stach jeder Dritte nicht wie empfohlen seitlich in den Finger. Ebenso versäumten viele, etwa bei kalten Händen deren Durchblutung anzuregen. »Es sind durchaus ergebnisrelevante Fehler gemacht worden«, sagte Schmidt. Dies unterstreiche, wie wichtig eine Kontrolle der Selbstmessung ist. Denn auch wenn der Einfluss auf den Messwert in der Studie nicht analysiert wurde, so ist es doch offensichtlich, dass eine Verdünnung des Bluttropfens mit Gewebsflüssigkeit, Waschwasser oder Desinfektionsmittel das Messergebnis verfälscht.

 

Eine Evaluation der Blutzuckerselbstkontrolle sollte nach Meinung Schmidts daher standardmäßig die Patientenschulung beim Arzt oder Diabetologen ergänzen. Bei fehlerhafter Messung sollten Apotheker gemäß EDGAr-Schema intervenieren und ansonsten nur bei Neukodierung oder einem Gerätewechsel den Messablauf prüfen. Dass dieses Konzept keine Utopie bleiben muss, zeigte die positive Resonanz von Diabetologen und Diabetesberatern auf der Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft vergangene Woche in Leipzig. Hier hatten erstmals Apotheker einen Vortrag gehalten und die Studie vorgestellt, die von den Klinikern positiv bewertet wurde. Demnach könnte diese zusätzliche Beratungsleistung Diabetikerschulungen gut ergänzen.

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