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Gentest auf Brustkrebs-Risiko

21.05.2013
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Christina Hohmann-Jeddi / Mit der Meldung von der vorsorglichen Mastektomie Angelina Jolies ist auch das Thema BRCA-Gentest in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Der Test identifiziert Mutationen in den Brustkrebsgenen BRCA 1 und 2. Solche Mutationen tragen etwa 0,2 Prozent aller Frauen weltweit. Eine Veränderung erhöht das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, auf etwa 80 Prozent. Frauen ohne Mutation besitzen ein Risiko von 10 Prozent.

 

In die Kritik geraten ist der Test wegen seines relativ hohen Preises von etwa 3000 US-Dollar (2300 Euro). Dieser stelle für viele Frauen eine unüberwind­bare Hürde dar, schreibt Jolie in der »New York Times«. Der Anbieter des Gentests, das Unternehmen Myriad Genetics, weist aber darauf hin, dass in etwa 90 Prozent der Fälle US-amerikanische Versicherungen die Kosten übernehmen – zumindest zu etwa 90 Prozent. In Deutschland übernehmen Krankenkassen ganz regulär die Kosten, wenn ein ernstzunehmender Verdacht auf eine familiäre Belastung vorliegt. Dieser ist gegeben, wenn mehrere Verwandte an Brustkrebs erkrankten, eine Verwandte besonders früh erkrankte (unter 50 Jahren) oder ein Mann aus der Familie betroffen war.

 

Für die hohen Kosten ist vermutlich auch ein Patent der Firma Myriads verantwortlich, mit dem diese Anspruch auf die Brustkrebsgene erhebt. In den USA verhandelt derzeit das Oberste Gericht darüber, ob das Unternehmen das Patent behalten darf. Im Juni soll die Entscheidung fallen. /

 

Kommentar

Respekt für Angelina Jolie

 

Es war DIE Schlagzeile: Angelina Jolie hat sich vorsorglich beide Brüste entfernen lassen. Sie hatte gute Gründe für diesen extremen Schritt, und sie hat sich entschlossen, darüber zu sprechen. Wir finden das konsequent, mutig und wegweisend!

 

Wie war die Ausgangslage? Es gab eine auffällige Familienanamnese. Ihre Mutter war mit 56 Jahren an einem Mammakarzinom gestorben, das bei ihr fast zehn Jahre zuvor diagnostiziert worden war. Dies ist in der Tat ein gutes Argument dafür, überprüfen zu lassen, ob sich aus dieser Krankheits­geschichte in der eigenen Familie auch ein persönliches genetisches Risiko ableiten lässt. Das ist heute möglich, denn es steht heute außer Zweifel, dass inaktivierende Mutationen in den beiden sogenannten Brustkrebsgenen BRCA 1 und BRCA 2 das Risiko, an einem Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken, massiv erhöhen. Bei diesen Genen handelt es sich um Tumorsuppressorgene. Für eine normale Kontrolle des Zellwachstums sind Proteine, die von Tumorsuppressorgenen kodiert werden, enorm wichtig, und ein Fehlen eines dieser Proteine erhöht das Krebsrisiko dramatisch auf bis zu 80 Prozent.
Angelina Jolie hat sich nach eingehender Beratung einem solchen Test unterzogen, und dieser fiel positiv aus. In dieser Situation muss man den Patientinnen raten, eine Mastektomie in Erwägung zu ziehen. Es gibt sehr gute Evidenz, dass sich dadurch das erhöhte Risiko wieder um 90 Prozent senken lässt. Auf Basis dieser Datenlage, die ihr sicherlich äußerst professionell erklärt wurde, hat die Schauspielerin den konsequenten Schluss gezogen, sich prophylaktisch beide Brüste entfernen lassen. Zudem ist sie mit dieser »Krankheitsgeschichte«, die sie bemerkenswerterweise komplett geheim halten konnte, prominent an die Öffentlichkeit gegangen. In einem lesenswerten Beitrag in der Tageszeitung »The New York Times« vom 14. Mai 2013 schildert sie ihren »Fall«. In etlichen Kommentaren im Internet kann man lesen, dass hier jemand selbstverliebt nach Publicity strebt, um eine Story zu Geld zu machen. Aber sehr viele andere – darunter auch wir – sehen das komplett anders. Hier hat jemand den Mut, über eines der intimsten persönlichen Probleme öffentlich zu sprechen, um ein Tabuthema aus der Schmuddelecke zu holen, das da nicht hingehört: Die Option zur konsequenten Prävention auf der Basis persönlicher, genetischer Daten.

 

Man wird über diese Aktion von Angelina Jolie noch viel hören. Gut so! Wir zollen ihr uneingeschränkte Achtung und Anerkennung, denn sie hat etwas Erstaunliches gemacht: Sie hat demonstriert, was es mit Prävention wirklich auf sich hat. Sie hat aus ihrer persönlichen Lebenserfahrung ein Risiko erkannt und dieses Risiko für sich mit Daten – einem Gentest – erhärtet. Sie hat daraus die sachlich begründeten Konsequenzen gezogen, und sie hat darüber hinaus auch noch darüber geschrieben. So hat sie dem Thema »prädiktive Gendiagnostik« eine Bühne verschafft, die dieses Thema dringend braucht. Denn Experten, die immer wieder versuchen, das Thema Gendiagnostik seriös zu erklären, werden in unserer Gesellschaft vielfach als »verdächtig« eingeschätzt. Ihnen glaubt man nur zögernd. Da folgt man lieber den Mahnern, die Restrisiken zu unlösbaren Problemen stilisieren und die dabei sind, ein Regelwerk zu fordern, das dahin tendiert, die Bürger in dieser Gesellschaft geradezu zu entmündigen.


Hilfe von unverhoffter Seite ist da willkommen, von einer Frau, die man heute zu den schönsten Frauen dieser Welt zählt, die wilde Zeiten hinter sich gebracht hat, die durch den zu frühen Tod und das große Leid ihrer Mutter ein Schicksal dulden musste, das sie ihren sechs Kindern und ihrem Mann auf sehr rationale Weise ersparen möchte und die von ihrer Entscheidung so überzeugt ist, dass sie der Welt darüber berichten möchte. Ihre Motivation zu diesem ungewöhn­lichen Schritte fasst sie am Schluss ihres Beitrags in der »New York Times« so zusammen: »Das Leben birgt viele Herausforderungen. Diejenigen, die uns keine Angst machen sollten, sind diejenigen, die wir annehmen und kontrollieren können.« Respekt!

Professor Dr. Theo Dingermann
Mitglied der Chefredaktion
Dr. Ilse Zündorf
Goethe-Universität
Frankfurt am Main

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