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Antithrombin-Hemmer

Neuer Ansatz bei Hämophilie?

22.04.2015
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Von Annette Mende / Ein neues Wirkprinzip könnte der bei Patienten mit Hämophilie erhöhten Blutungsneigung entgegenwirken, ohne den fehlenden Gerinnungsfaktor zu ersetzen: die Hemmung des Antithrombins III.

 

Dieses in der Leber hergestellte Protein richtet sich gegen Thrombin und Faktor Xa und ist damit einer der wichtigsten natürlichen Inhibitoren der Blutgerinnung. Ein Mangel an Antithrombin III erhöht das Thrombose-Risiko. Bei Patienten, die sowohl an Hämophilie leiden als auch an Antithrombin-III-Mangel, scheinen sich die Wirkungen bis zu einem gewissen Grad aufzuheben.

 

In Tierversuchen ließ sich Antithrombin III mithilfe der sogenannten RNA-Interferenz ausschalten. Dabei wird die Ablesung eines bestimmten Gens durch die Gabe eines Nukleotidstrangs verhindert, der komplementär zur entsprechenden messenger-RNA ist. In der Folge fehlt das Genprodukt, in diesem Fall das Antithrombin III.

 

ALN-AT3 heißt der gegen Antithrombin III gerichtete RNA-Interferenz-Wirkstoff, den Forscher um Alfica Sehgal von der US-amerikanischen Firma Alnylam Pharmaceuticals aktuell in »Nature Medicine« vorstellen (DOI: 10.1038/nm.3847).

 

Bei Mäusen und Primaten-Affen mit Hämophilie A senkte er dosisabhängig die Antithrombin-III-Blutspiegel, und zwar bis hin zum fast vollständigen Fehlen des Proteins. Das führte zu einer Besserung der Hämostase und zu einer verstärkten Thrombin-Produktion.

 

Gegenüber dem momentanen Therapiestandard – dem Ersatz des bei Hämophilie A fehlenden Faktors VIII beziehungsweise Faktors IX bei Hämophilie B – hat ALN-AT3 einige Vorteile: Es wird subkutan statt intravenös verabreicht und muss nur einmal wöchentlich statt alle zwei bis drei Tage gegeben werden. Zudem wirkt ALN-AT3 aufgrund seines anderen Wirkansatzes auch dann, wenn der Patient gegen den exogenen Blutgerinnungsfaktor gerichtete Antikörper, sogenannte Hemmkörper, bildet. Diese gefürchtete Komplikation tritt unter herkömm­lichen Präparaten bei etwa einem Drittel der behandelten Patienten auf. Ob der neue Wirkstoff bei Menschen hält, was er im Tierversuch verspricht, wird derzeit in einer Phase-I-Studie untersucht. /

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