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Psychosomatik

Einsam im Alter

19.03.2013
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Von Christina Hohmann-Jeddi, Heidelberg / Immer mehr alte Menschen leben im Alter allein. Das kann zu Gefühlen der Einsamkeit führen, die die psychische und körperliche Gesundheit stark belasten. Auch der Psychopharmaka-Gebrauch steigt bei Einsamkeit an.

Je nach Studie berichten etwa 7 bis 30 Prozent der Senioren in Deutschland über ausgeprägte Einsamkeitsgefühle. Wer gefährdet ist und wie sich die Gefühle auf die Gesundheit auswirken, berichteten Experten auf dem Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Anfang März in Heidelberg. »Frauen sind im Alter deutlich häufiger verwitwet als Männer und haben auch häufig eine schlechtere körperliche Verfassung, die ihre Kontaktmöglichkeiten einschränkt«, berichtete Anna Zebhauser von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Rechts der Isar in München. Man könnte also annehmen, dass Frauen häufiger von Einsamkeit betroffen seien als Männer, was einige Studien auch zeigen.

Um die geschlechtsspezifischen Unterschiede zu untersuchen, initiierten Münchner Mediziner um Professor Dr. Karl-Heinz Ladwig eine Studie mit 1079 Probanden. Dies war eine Stichprobe der Teilnehmer aus der Kora-Age-Kohorte, die gesundheitlich untersucht, am Telefon interviewt wurden und bei denen die Einsamkeit anhand einer gekürzten Fassung der UCLA- Loneliness-Scale gemessen wurde.

 

Der Untersuchung zufolge berichteten Frauen häufiger von Angst und Depressionen als Männer. Bezüglich der Einsamkeit war aber bis zum Alter von 85 Jahren zwischen Frauen und Männern kein Unterschied festzustellen, berichtete Zebhauser. »Erst ab 85 Jahren waren Frauen häufiger betroffen.« Eine wichtige Rolle spielt das soziale Netzwerk. Je ausgeprägter und intensiver Freundschaften und soziale Kontakte sind, desto geringer ist die Gefahr, an Einsamkeit zu leiden. Risikofaktoren sind eine bestehende Depression, geringe Resilienz (geistige Widerstandsfähigkeit) und körperliche Gebrechlichkeit. »Letztere hindert Menschen daran, ihre sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten«, sagte Zebhauser. An dieser Stelle könnten Präventionsmaßnahmen ansetzen, wie etwa die Bereitstellung von Fahrdiensten für Senioren.

 

Einsamkeit ist auch ein eigenständiger Risikofaktor für die Einnahme von Psychopharmaka. Dies berichtete Dr. Friederike Böhlen vom Zentrum für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Heidelberg. Böhlen und ihre Kollegen hatten anhand der ESTHER-Studie eine Analyse zum Psychopharmaka-Konsum in der zweiten Lebenshälfte durchgeführt. Bei einer Subgruppe der Studienteilnehmer wurden Hausbesuche gemacht, bei denen der Gesundheitszustand erfasst, die Einsamkeit abgefragt und die Hausapotheke untersucht wurde. Etwa 8 Prozent der Teilnehmer hatten eine klinisch manifeste Depression, berichtete Böhlen. Rund 14 Prozent waren der Befragung zufolge »sehr einsam«.

 

Dabei waren – anders als in der Münchner Untersuchung – Frauen signifikant häufiger betroffen als Männer. »Die als sehr einsam eingestuften Personen sind depressiver, ängstlicher und beschreiben mehr körperliche Symptome«, erklärte die Medizinerin. Sie nahmen zudem häufiger Psychopharmaka ein: Der Untersuchung zufolge nahmen 34 Prozent der »sehr Einsamen« entsprechende Präparate ein, während es bei den »nicht Einsamen« nur 17 Prozent waren. Selbst als die depressiven Symptome mitberücksichtigt wurden, blieb Einsamkeit als eigenständiger Risikofaktor übrig. Einflussfaktoren auf Patientenseite könnten die Häufigkeit von Arztbesuchen sein und wie »laut Patienten ihre Beschwerden vortragen«. »Ob mit steigender Anzahl von Arztbesuchen auch die Verordnung von Psychopharmaka zunimmt, ist aber nicht untersucht worden«, so Böhlen.

 

Erhöhte Mortalität

 

»Der Zusammenhang zwischen den sozialen Beziehungen und der Gesundheit wird schon seit Langem untersucht«, berichtete Dr. Imad Maatouk vom Universitätsklinikum Heidelberg. Bei geringer sozialer Eingebundenheit sei die Mortalität erhöht, was in verschiedenen Studien nachgewiesen wurde. So zum Beispiel in einer Metaanalyse von Julianne Holt-Lunstadt, die 2010 im Fachjournal »PLoS Medicine« (doi: 10.1371/journal.pmed.1000316) publiziert wurde. Der Analyse von 148 Studien zufolge hatten Personen mit ausgeprägten sozialen Netzwerken eine um 50 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit, im jeweiligen Untersuchungszeitraum zu überleben, als Personen mit niedrigem sozialen Netzwerk. Einsamkeit hatte ähnliche negative Auswirkungen wie die etablierten Risikofaktoren Alkoholkonsum und Rauchen.

In verschiedenen Studien sei auch ein Zusammenhang mit verschiedenen Gesundheitsparametern wie Bluthochdruck, Entzündung und Schlafqualität nachgewiesen worden, sagte Maatouk. In einer eigenen Untersuchung konnten die Heidelberger Forscher eine Assoziation von Einsamkeit mit Hypertonie und Diabetes nachweisen. In einer ESTHER-Stichprobe mit etwa 3000 Teilnehmern war das Risiko für einen Bluthochdruck bei Einsamen um 40 Prozent und für Diabetes um 41 Prozent erhöht.

 

Gemeinsam einsam

 

Dass man auch in einer Paarbeziehung Einsamkeit erleben kann, berichtete Professor Dr. Astrid Riehl-Emde, Stellvertretende Leiterin des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie an der Uniklinik Heidelberg, anhand von Fallbeispielen. In einer langjährigen Ehe kann es zu einem lieblosen Nebeneinanderherleben kommen mit ständigen Streitigkeiten und Nörgeleien. Durch Verletzungen, Kränkungen und Missverständnisse können sich starre Verhaltensweisen auf beiden Seiten entwickeln. Die Einsamkeit und der Streit bekämen dann etwas Ritualisiertes, so die Psychologin. Meist leidet die Ehefrau stärker unter der Situation als der Mann und sei in der Regel auch die treibenden Kraft, eine Beratungsstelle aufzusuchen, berichtete Riehl-Emde, Leiterin der Spezialsprechstunde für ältere Paare in Heidelberg.

 

»Einsamkeit ist das quälende Bewusstsein des inneren Abstands zu anderen Personen«, sagte sie. Dies wird meist als negativ empfunden, habe aber zumindest einen positiven Aspekt: »Es zeigt unser Bedürfnis nach Nähe an.« An unbefriedigenden Situationen kann auch im hohen Alter noch gearbeitet werden. Wichtig ist hierfür, dass ein Partner den ersten Schritt tut und dem anderen einen Vertrauensvorschuss gibt. Zudem müssten beide Partner bereit sein, ihre eigene Haltung zu hinterfragen. Und das ist für die Gesundheit bedeutend. Denn die Paarbeziehung wird im Alter immer wichtiger, weil andere Faktoren wie Arbeit, Kinder und der Freundeskreis zunehmend wegfallen. /

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