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Starke Wechseljahresbeschwerden

Keine Hormone sind auch keine Lösung

15.03.2017
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Von Annette Mende / Etwa jede dritte Frau leidet in den Wechsel­jahren unter starken Symptomen, die die Lebensqualität beeinträchtigen und nur durch eine Hormonersatztherapie (HRT) in den Griff zu bekommen sind. Diese kann bei Bedarf über mehrere Jahre fortgesetzt werden, sofern regelmäßige Kontrollen durch den Frauenarzt erfolgen.

Die Menopause ereilt Frauen in Indus­trienationen durchschnittlich im Alter von 51 Jahren. Dann haben die Eier­stöcke aufgehört, die Geschlechts­hormone Estrogen und Gestagen zu produzieren und die Monatsblutung bleibt aus. »Bis zum Ende des Lebens versucht die Hypophyse, das frühere Gleichgewicht an weiblichen Hormonen wieder herzustellen«, erklärt Gynäkologe Dr. Christian Albring in einer Pressemitteilung des Berufsverbands der Frauenärzte (BVF) den Grund für die sogenannten vasomotorischen Symptome in den Wechseljahren. Denn das ausgeschüttete follikelstimulierende Hormon beeinflusst gleichzeitig die Temperaturregelung – Hitzewallungen, Schweißausbrüche und Haut­rötungen sind die Folge (siehe Kasten).

Wie stark diese ausfallen, ist individuell unterschiedlich. Etwa ein Drittel der Frauen zeigt keine subjektiven Beschwerden. Dann ist auch keine HRT erforderlich. Ein weiteres Drittel berichtet von seelischen Veränderungen oder auch gelegentlichen Hitzewallungen oder Schlafstörungen, ohne dass ein großer Leidensdruck vorhanden ist. In diesen Fällen lasse sich Beschwerdefreiheit bereits mit einer gesunden, entspannten Lebensweise, dem weitgehenden Verzicht auf Kaffee und Alkohol sowie ausreichende körper­liche Bewegung erreichen, so der BVF. Auch pflanzliche Präparate seien beim Übergang zu den Wechseljahren gelegentlich hilfreich zur Beseitigung der Symptome. Frauen, die die HRT ablehnen, sollten sich jedoch bewusst sein, dass Soja- und Rotklee-Präparate pflanzliche Estrogene enthalten.

 

Bei Problemen wie Trockenheit, Schmerzen, Jucken der Vagina oder häufigen Harnwegsinfektionen empfiehlt der BVF die Anwendung von Estriol. Dieses Estrogen wirke bei lokaler Applikation nur auf die Schleimhaut und entfalte in der üblichen Dosierung keine allgemeine Wirkung.

 

Transdermal niedrigere Dosen

 

Bei Frauen, die unter starken vasomotorischen Symptomen leiden, treten diese gleich zu Beginn der Wechseljahre auf. Bis weitere Symptome wie Scheiden­trockenheit, Herz- und Gelenk­beschwerden oder Knochenschmerzen hinzukommen, dauert es meist einige Zeit. Sofern keine Kontraindikationen vorliegen, können menopausale Beschwerden durch eine HRT gebessert werden, die bei Frauen mit Uterus aus einem Estrogen und einem Gestagen besteht. Da die zweite Komponente lediglich dazu dient, ein unerwünschtes Wachstum der Gebärmutterschleimhaut zu verhindern, wird sie bei Frauen ohne Uterus meistens weggelassen.

 

Pflaster, Gele oder Sprays haben gegen­über der peroralen HRT den Vorteil, dass die Hormone in diesen Darreichungsformen niedriger dosiert sind. »Damit kann das Risiko für Thrombosen minimal gehalten werden«, sagt Albring.

 

Seit vor 15 Jahren erste Ergebnisse der großen Studie Women’s Health Initia­tive (WHI) publiziert wurden, ist der Einsatz der HRT stark zurückgegangen. Der Grund: Die WHI hatte gezeigt, dass die kombinierte Hormontherapie das Risiko für Brustkrebs und kardiovasku­läre Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöht. Im Fachjournal »New England Journal of Medicine« beklagten jedoch zwei Autoren der WHI, Dr. JoAnn Manson und Dr. Andrew Kaunitz, im vergangenen Jahr, dass viele Ärzte mittlerweile übervorsichtig seien und die HRT auch dann nicht einsetzen, wenn bei einer Frau eindeutig die Vorteile gegenüber den Nachteilen überwiegen (DOI: 10.1056/NEJMp1514242).

 

Ziel der WHI sei es gewesen, Nutzen und Risiken einer Langzeit-HRT zur Prävention chronischer Erkrankungen bei postmenopausalen Frauen zu ermitteln. Die Teilnehmerinnen der Studie seien zu Therapiebeginn durchschnittlich 63 Jahre alt gewesen. Die Ergebnisse würden aber heute dazu herange­zogen, Entscheidungen pro oder kontra HRT bei Frauen zwischen 40 und 60 mit deutlichen vasomotorischen Symptomen zu fällen. Das sei unangebracht.

 

Zu große Zurückhaltung

 

Unerwünschte Wirkungen der HRT seien bei jüngeren Frauen seltener als bei älteren. Die Mortalität sei bei Jüngeren mit HRT gleich oder sogar niedriger als ohne. Die Autoren plädieren dafür, die Zurückhaltung gegenüber der HRT bei Frauen mit deutlichen Beschwerden aufzugeben, da sie zu einer »großen und unnötigen Last des Leidens« geführt habe.

 

Auch eine aktuelle Studie deutet in diese Richtung. In der noch unveröffentlichten Untersuchung, deren Ergebnisse diese Woche beim Jahrestreffen des American College of Cardio­logy präsentiert werden, sahen Forscher der Cedars-Sinai Klinik in Los Angeles sogar einen gewissen kardiovaskulären Schutz durch die HRT. Sie analysierten Computertomografie-Scans des Calciumgehalts der Herzkranzgefäße von mehr als 4200 postmenopausalen Frauen und stellten fest, dass bei denjenigen mit HRT weniger Calciumablagerungen vorhanden waren. In der Nachbeobachtungszeit von durchschnittlich acht Jahren hatten diese Frauen einen Überlebensvorteil von 30 Prozent.

 

»Eine Hormonersatztherapie führte zu weniger Atherosklerose und verbesserte das Überleben in allen Altersgruppen und für alle Stadien der Gefäßverkalkung«, fasst Erstautor Dr. Yoav Arnson in einer Mitteilung der Klinik zusammen. Unklar bleibt darin jedoch, welche Art der HRT die Teilnehmerinnen erhalten hatten. Insbesondere für das kardiovaskuläre und das Brustkrebsrisiko ist das aber entscheidend, denn auch in der WHI waren diese vor allem bei kombinierter HRT erhöht, also bei der Gabe eines Estrogens plus eines Gestagens, bei alleiniger Estrogengabe dagegen weniger deutlich oder gar nicht. /

Siebeneinhalb Jahre

Leidet eine Frau in den Wechseljahren unter vasomotorischen Symptomen wie Hitzewallungen, Schweißausbrüchen und Hautrötungen, hat sie durchschnittlich siebeneinhalb Jahre lang damit zu kämpfen. Das ergab eine 2015 im Fachjournal »JAMA Internal Medicine« veröffentlichte Studie (DOI: 10.1001/jamainternmed. 2014.8063). In der Studie, an der 881 Frauen teilgenommen hatten, war das bei etwa der Hälfte der Teilnehmerinnen der Fall. Die Beschwerden begannen bereits drei Jahre vor der letzten Regelblutung und hielten danach noch viereinhalb Jahre an. Afro­amerikanerinnen waren deutlich länger symptomatisch, nämlich durchschnittlich zehn Jahre lang. Die Studie hatte zum Ziel, die Zeitspanne mit häufigen vasomotorischen Symptomen zu ermitteln, damit Frauen und Ärzte dies bei der Entscheidung für oder gegen eine HRT berücksichtigen können.

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