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Integrierte Versorgung

Prüfsiegel als Nachweis für Qualität

08.04.2008
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Integrierte Versorgung

Prüfsiegel als Nachweis für Qualität

Von Martina Janning

 

Medizinische Versorgungszentren erleben einen Gründungsboom. Sie bieten viele Vorteile für Ärzte und Patienten, sollen die Behandlung verbessern und Kosten sparen. Ob das gelingt, ist derzeit fraglich. Ein spezielles Qualitätsmanagement soll das bald sicherstellen.

 

Die Zahl der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) steigt stetig: Mit 17 ging es im Januar 2004 los, bis Ende September 2007 zählte die Kassenärztliche Bundesvereinigung bereits 880 MVZ. Gegründet werden sie zu fast zwei Dritteln von Ärzten, besonders gern von Allgemeinmedizinern, Internisten und Chirurgen.

 

Ob ein Apotheker an einem MVZ beteiligt ist, erfasst die KBV leider nicht. Dem Eindruck nach gibt es aber bisher wenige Apotheken in MVZ. Dabei böten Versorgungszentren eine gute Möglichkeit, »das wirtschaftliche Risiko der Selbstständigkeit zu teilen«, urteilt KBV-Sprecher Roland Stahl. Das sei gerade für Berufseinsteiger eine interessante Option. Udo Laskowski ist ein Apotheker, der ein Medizinisches Versorgungszentrum mitgegründet hat. Das MVZ Tellingstedt ist für ihn ein Weg, die Patientenversorgung im ländlichen Schleswig-Holstein zu sichern, ein Mittel gegen Ärztemangel und zugleich Standortsicherung für sein Unternehmen. »Apotheker sollten nicht abwarten, bis DocMorris oder andere kommen, sondern an ihrem Standort strukturelle Probleme erkennen und mit den Leistungserbringern am Ort Lösungen suchen«, sagt Laskowski.

 

Fachübergreifende Gemeinschaftspraxen haben Vorteile für die Ärzte und ihre Patienten: medizinischer Austausch und Teamarbeit, eine abgestimmte Therapie und kurze Wege, um nur einige zu nennen. Die Güte der Behandlung ist deshalb aber nicht per se besser als in Einzelpraxen. Auch MVZ brauchen ein Qualitätsmanagement, findet die Bertelsmann Stiftung und moniert, dass es bisher an praxisnahen Lösungen fehle, die die Besonderheiten der Zentren berücksichtigen. Um das zu ändern, hat sie ein Projekt zum Qualitätsmanagement in der Integrierten Versorgung gestartet. Von 2009 an soll die Stiftung Praxissiegel Zertifikate an MVZ verleihen, die Qualitätsmanagementsysteme erfolgreich anwenden, teilte die Bertelsmann Stiftung Mitte Februar in Berlin mit. Dort fand ein Symposium der Stiftung Praxissiegel statt, die die Bertelsmann Stiftung im Jahr 2004 gemeinsam mit Topas Germany gründete, einem Verein, der Modelle zur Qualitätsförderung entwickelt.

 

Als ersten Schritt will die Stiftung Praxissiegel Indikatoren für die Qualität in MVZ entwickeln. Dazu plant der Verein die Prüfsteine des Europäischen Praxisassessments (EPA) anzupassen. Dies ist ein System zum Qualitätsmanagement, das die Bertelsmann Stiftung im Jahr 2004 mit Experten aus Wissenschaft und Praxis erarbeitet hat. Es verbindet Gütekriterien, Assessment-Verfahren und ein anonymes Benchmarking per Internet. Aktuell sind rund 800 Arztpraxen nach EPA zertifiziert.

 

Geregelter Informationsaustausch

 

MVZ unterscheiden sich von Einzelpraxen vor allem in der Organisation. Sehr wichtig für die Behandlungsqualität ist ein geregelter Austausch von Informationen unten den ärztlichen Kollegen. Weitere Faktoren will die Stiftung Praxissiegel in den kommenden Monaten identifizieren. Dazu sollen Patienten, Mitarbeiter und die Ärzte von zehn MVZ befragt werden, die an der ersten Projektphase teilnehmen. Es gehe darum, gemeinsame Merkmale für Qualität auszumachen, erklärte Projektmanagerin Marion Grote Westrick. Künftige Typen von vernetzter Versorgung sollen dabei schon mitgedacht werden.

 

Denn MVZ werden weiter zunehmen, sind Experten wie Professor Dr. Eckart Fiedler überzeugt. »Sie sind die Versorgungsform der Zukunft«, sagte der Vorsitzende der Stiftung Praxissiegel. Im schärfer werdenden Wettbewerb gehe es darum, die Betreuung der Patienten zu verbessern und effizienter zu arbeiten. »Der Wettbewerb wird geprägt sein von Strategien um weniger stationäre Versorgung«, urteilte er. Denn rund ein Drittel ihrer Ausgaben tätigen die Kassen derzeit für Behandlungen im Krankenhaus; die sind damit der bedeutendste Kostenfaktor im Gesundheitswesen.

 

Hans-Dieter Nolting vom Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) nannte weitere Qualitätsindikatoren. Am Beispiel des US-Unternehmens Kaiser Permante, das aus Gruppenpraxen, Kliniken und Krankenversicherung besteht, verdeutlichte er, wie Ärzte zu Triebfaktoren für Qualität werden, wenn sie die Verantwortung für das Fachliche und die Finanzen tragen. Bei der Versorgung entschieden sie nach medizinischer Zweckmäßigkeit, so Nolting, und nicht danach, ob ein Krankenhaus ausgelastet werden müsse.

 

Für eine gute integrative Versorgung in Deutschland reicht es Nolting zufolge aber nicht, zu kooperieren und partikuläre Interessen zu überwinden. Es müssten vielmehr Versicherungsanbieter neuen Typs entstehen. Lobend erwähnte Nolting die Transparenz in deutschen Krankenhäusern. Die Integrative Versorgung müsse hier so schnell wie möglich nachziehen, sagte er. Das geplante Praxissiegel »EPA-MVZ« soll dazu beitragen.

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