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Generation Y

Arbeiten mit Vergnügen

12.02.2014
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Von Ulrike Abel-Wanek / Die Generation Y drängt auf den Arbeitsmarkt und treibt manchen Chefs den Schweiß auf die Stirn. Die in den 1980er-Jahren Geborenen fordern Selbstbestimmung, Spaß bei der Arbeit und Teilzeitjobs für ihre Work-Life-Balance. Die PZ sprach mit der Soziologin Dr. Miriam Engelhardt über neue Zeiten auf dem Arbeitsmarkt.

PZ: Frau Dr. Engelhardt, Sie beraten Krankenhäuser, Pflegedienste und andere Unternehmen, bei denen es Probleme zwischen den Generationen gibt. Ältere Personalchefs tun sich scheinbar schwer mit einer neuen Generation, der die persönliche Entfaltung im Beruf wichtiger ist als die Karriere.

 

Engelhardt: Es kursieren viele Klischees. Die Um-die-Dreißigjährigen seien nicht mehr leistungsbereit und fragten schon in Einstellungsgesprächen nach Urlaub. Viele Heilberufler äußern Befürchtungen, ihre Praxen oder Apotheken nicht mehr weitergeben zu können, weil die Jungen das Risiko der Selbstständigkeit scheuen. »Wollen die auch arbeiten?«, titulierte die »Zeit« einen Artikel über die neue Generation. Tatsache ist: Karriere wird von den jungen Netzwerkern, wie ich sie nenne, anders definiert als von früheren Arbeitnehmergenerationen. Dass sie aber weniger leisten, stimmt nicht. Sie streben eine Führungslaufbahn nur unter den Bedingungen der Work-Life-Balance an. In jedem Fall wollen sie ihre Kompetenzen dann optimal einsetzen und fordern konkrete Entwicklungsschritte ein. Die Leitfrage lautet: »Bringt’s mir was?« Wenn ja, stehen Fleiß und Ehrgeiz hoch im Kurs. Das belegen Umfragen wie die Jugend-Shell-Studie von 2010. Wenn nein, heißt es vielleicht noch etwas abwarten, dann aber auch gehen. Die gut ausgebildete neue Generation ist anspruchsvoll und hat mit Studium, Praxiserfahrung, Auslandsaufenthalten und ihrer ausgeprägten Medienkompetenz viel zu bieten. Aber sie achtet auch darauf, was ihr gut tut.

 

PZ: Inwiefern unterscheiden sich hier Jung und Alt?

 

Engelhardt: Jede Generation trägt eigene Wertesysteme mit ins Arbeitsleben, jeder hält etwas anderes für normal. Die Generationen ticken in ihrer Auffassung von Leben und Arbeit unterschiedlich, und das kann für Zündstoff sorgen. Deshalb erkläre ich in meinen Seminaren und Vorträgen zunächst: Wo kommen die jeweiligen Generationen her? Warum müssen sie so sein, wie sie sind? Wenn jeder versteht, dass er durch seine Sozialisation, den zeitlichen Hintergrund und viele weitere Faktoren als eigene Generation geprägt ist, dann sind die Leute gegenseitig bereit, sich aufeinander einzulassen. Neben der Sozialisation spielen auch Familienstrukturen, sozioökonomische oder geografische Faktoren, das Geschlecht und so weiter eine Rolle. Ich spreche grob immer von drei Generationen, die zurzeit auf dem Arbeitsmarkt zusammentreffen: die Baby-Boomer, die etwa zwischen 1945 bis 1960 geboren wurden, die Generation X der 1960er-/70er-Jahrgänge und eben die Netzwerker, die in den 1980er-/90er- Jahren auf die Welt kamen. Wir haben es hier mit drei konkurrierenden Normalitäten zu tun.

 

PZ: In welchen zentralen Punkten prallen denn Baby-Boomer, Generation X und Y aufeinander?

 

Engelhardt: Die älteste Generation, die heute noch im Erwerbsleben steht, ist in einem Tunnel von Traditionen und mit patriarchalischen Hierarchien aufgewachsen. Hier herrschte eine Mentalität von nüchternem Wirklichkeitssinn. »Schuster, bleib bei deinen Leisten.« »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.« Das sind Sätze, an die sich die heute über 50- und 60-Jährigen noch gut erinnern. Die wenigsten hatten die Freiheit zu sagen: Mein Ideal ist ein glückliches Leben. Und dann erkämpfen sie sich eine neue Freiheit. Möglich war das aufgrund der materiellen Sicherheit in Zeiten des Wirtschaftswunders und deutlich mehr Bildungschancen seit den 1960er-Jahren. Ein neues Ideal der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung entstand. Männer dieser Jahrgänge, die beispielsweise Pfleger im Krankenhaus werden wollten, hatten bittere Kämpfe auszustehen, da dieser Beruf als ausschließlich »weiblich« galt, aber sie waren die Ersten, die dafür gekämpft haben. So wie die Frauen begannen, sich qualifizierte Berufe wie den der Ärztin oder Apothekerin zu erobern. Die Baby-Boomer nahmen von ihren Eltern eine absolute Leistungsorientierung mit, denn die eigenen Eltern haben meistens noch hart arbeiten müssen für ihre Existenz. Das kombiniert mit einem interessanten, selbst gewählten Beruf, sind sie die klassischen Vertreter der Burnout-Generation.

 

Das Problem der Y-Vertreter sind nicht Grenzen, sondern ist eher die Grenzenlosigkeit. Sie sind sozusagen abgeschossen in die Galaxie der Möglichkeiten. Netzwerker finden eine gigantische Vielfalt an Optionen vor – im Alltag wie im Internet. Sie hatten die rückhaltlose Unterstützung ihrer Eltern und müssen nicht mehr kämpfen, um Neigungen durchzusetzen. Privat wie beruflich sind sie extrem kommunikativ, bevorzugen Teamarbeit und flache Hierarchien. Autoritäten zweifeln sie erst einmal an. Da kann es passieren, dass sich junge Pfleger oder Ärzte im immer noch hierarchisch strukturierten Krankenhaus um Kopf und Kragen bringen, wenn ihnen Kritik an Chefarzt oder Chefpfleger herausrutscht. Kollegialität und persönliche Entwicklung rangieren bei den Jungen ganz oben. Und sie erwarten, dass die Unternehmen umdenken und sich darauf einstellen, ebenso wie auf Jobsharing und pünktlichen Feierabend. Denn eines wollen die jungen Leute heute nicht: für Job und Status ihr Leben opfern, nach drei Jahren wieder geschieden sein oder ohne Freundeskreis dastehen. Sozialer Anschluss – beruflich wie privat – hat oberste Priorität.

 

PZ: Und was ist mit Generation X? Diese demografisch starke Gruppe der in den 1960er- und 1970er-Jahren Geborenen ist im Berufsleben stark vertreten – auch auf Führungsebene.

 

Engelhardt: Vertreter dieser Generation sind große Individualisten. Baby-Boomer und Netzwerker haben Ideale. Beispielsweise haben die Baby-Boomer gelernt, durch Diskussionen und politische Proteste etwas zu bewegen, sie waren die Initiatoren der Studentenbewegung. Und auch die Jungen sagen: »Lasst uns endlich etwas anpacken.« »Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner«, lautet dagegen die Devise von Generation X. Globale Umweltzerstörung, Profitinteressen anonymer, riesiger Player und Arbeitslosigkeit schienen ihnen die Zukunft zu klauen und vermittelten das Gefühl: Man kann auf den Rest der Welt nicht zählen. Ihnen reichen wenig Kommunikation und Sozialkontakte, und sie leisten trotzdem gute Arbeit. Chefs der Generation X kann es jedoch passieren, dass sie es einfach vergessen, ihren Mitarbeitern »Guten Morgen« zu sagen. Und sie sind unter Umständen genervt von jungen Leuten, die schon in der Probezeit wiederholt nach Aufstiegsmöglichkeiten fragen und außerdem regelmäßiges Feedback einfordern. In den Teamsitzungen sind es die X-Vertreter, die sagen: »Konflikte bräuchten wir nicht zu bearbeiten, wenn jeder eigenverantwortlich seinen Aufgaben nachginge.«

 

PZ: Jede Generation setzt sich also spürbar von der anderen ab. Um Reibungsverluste im Kollegenkreis zu vermeiden, reicht es folglich nicht, nur die Y-Generation ins Visier zu nehmen?

 

Engelhardt: Mir ist es wichtig zu zeigen: Jeder kommt irgendwo her und bringt einen Rucksack voll Prägungen und Erfahrungen mit ins Arbeitsleben. Aber gleichzeitig sind wir alle gar nicht so weit auseinander, schließlich leben wir in Deutschland in einem gemeinsamen Kulturkreis mit ähnlichen Vorstellungen und Meinungen. Es sind zwei, drei Sachen, in denen sich die Generationen unterscheiden. Und wenn die Jungen ihre Werte »anders leben, anders arbeiten und anders sein« in den Betrieb oder das Unternehmen mit einbringen, kann man auch froh sein. Schließlich arbeitet jeder gerne in einem guten Betriebsklima.

 

PZ: Handelt es sich bei der deutschen Generationendebatte nicht auch um eine Wohlstandsdebatte angesichts einer 25-prozentigen Jugendarbeitslosigkeit in anderen europäischen Staaten?

 

Engelhardt: Das Wort »Luxusdiskussion« hat immer auch etwas Abwertendes, und der Vorwurf: »Denen geht es zu gut«, ist nicht zielführend. Wenn junge Leute – und die müssen gar nicht hoch gebildet sein – den Unternehmen mehr Lebensqualität abringen, ist das die Situation, die wir vorfinden. Und der müssen wir uns stellen. /

Informationen

Engelhardt-Training – Vorträge und Seminare zu Generationenkompetenz, Leadership und Team­entwicklung

kontakt(at)engelhardt-training.de

www.engelhardt-training.de

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