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Reproduktionsmedizin

Wege zum Wunschkind

15.02.2011
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Bleiben Paare ungewollt kinderlos, liegt dies selten an einer Sterilität, sondern meist an einer verringerten Fertilität. Diese ist in vielen Fällen gut zu behandeln – chirurgisch oder medikamentös.

»Echte Infertilität, bei der null Prozent Chance auf Fortpflanzung besteht, ist ausgesprochen selten«, sagte Professor Dr. Heribert Kentenich von der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe an den DRK-Kliniken Berlin-Westend. Hierfür müssten entweder keine Spermien oder keine Gebärmutter, keine Eierstöcke oder Eizellproduktion vorhanden sein. In der Regel liege aber eine Subfertilität vor, wenn sich bei Paaren der Kinderwunsch nicht erfüllt. Als Subfertilität gilt das Unver­mögen, innerhalb eines Jahres bei regelmäßigem ungeschütztem Geschlechts­verkehr schwanger zu werden. Etwa 7 bis 9 Prozent der Paare in Mitteleuropa seien betroffen, sagte Kentenich.

Grundvoraussetzung für eine Schwangerschaft sei regel­mäßiger Geschlechtsverkehr, so der Mediziner. Zweimal pro Woche Verkehr würden ausreichen, dass etwa 90 bis 95 Prozent aller Paare innerhalb eines Jahres schwanger werden. Dies trifft zumindest auf junge Paare zu. Mit zu­neh­mendem Alter sinke die Fruchtbarkeit bei Frau und Mann. Frauen würden mit einem Vorrat von 1 Million Ei­zel­len geboren. Im Laufe des Lebens sinke diese Zahl konti­nuierlich. »Im Alter von 40 Jahren ist nur noch 1 Pro­zent des ursprünglichen Vorrats an Eizellen vorhanden«, sagte der Mediziner. Aber auch bei Männern spiele das Alter eine Rolle: Ihre Fruchtbarkeit sinkt ebenfalls ab dem 40. Lebensjahr, wenn auch weniger deutlich als bei Frau­en.

 

Häufig anzutreffen sei das Vorurteil, der Grund für eine ungewollte Kinderlosigkeit liege bei der Frau. »Die Ur­sachen sind gleich verteilt«, sagte Kentenich. 40 Prozent der Ursachen seien bei den Frauen, 40 Prozent bei den Männern zu finden, der Rest seien Mischformen. Bei den Frauen stünden hormonelle Störungen und Verwachsun­gen der Eileiter im Vordergrund. Zu den hormonellen Ursachen zählen neben der hypogonadotropen Ovarial­insuffizienz (bei Anorexie oder Leistungssport) auch die Hyperprolactinämie, bei der zu viel Prolactin gebildet wird. Zudem können noch eine vermehrte Produktion von männlichen Sexualhormonen (Hyperandrogenämie) oder Störungen der Schilddrüse wie Hypo- oder Hyperthyreose vorliegen, die die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Weitere mögliche Ursachen sind Störungen des Urogenitaltrakts, vor allem Fehlbildungen oder Verklebungen der Eileiter infolge von Genitalinfektionen. Selten sind Fehlbildungen der Vagina und des Uterus, eine Endometriose (Gebärmutterschleimhaut am falschen Ort) oder Myomknoten am Uterus der Grund für eine Kinderlosigkeit.

 

Schon mit wenigen Fragen ließe sich der größte Teil des Problems abklären, sagte Kentenich. Schmerzen bei der Regelblutung können auf eine Endometriose hinweisen. Hat die Frau einen stabilen Zyklus von etwa 28 Tagen, seien die Hormone nicht die Ursache. Habe sie einen unregelmäßigen oder einen deutlich längeren Rhythmus, müsste der Hormonstatus einmal abgeklärt werden. Häufigere Hormonuntersuchungen seien aber unnötig.

»Der Grund für ungewollte Kinderlosigkeit liegt gleich häufig beim Mann wie bei der Frau.«

Bei Männern ist die Spermienproduk­tion für die Fertilität entscheidend. Diese lässt sich mithilfe eines Spermiogramms abklären. Da die Spermaqualität aber auch bei gesunden Männern über die Zeit stark schwankt und zum Beispiel von Infektionen beeinträchtigt werden kann, müssen mindestens zwei Untersuchungen in zeit­lichem Abstand vorgenommen werden. »Ein einzelnes Spermiogramm ist nicht aussagekräftig«, so Kentenich.

 

Zur Therapie der hormonellen Ursachen bei der Frau stehen verschiedene medi­kamentöse Optionen zur Verfügung. Bei Hypothyreosen können L-Thyroxin und bei einer Hyperprolactinämie Dopaminagonisten wie Bromocriptin eingesetzt werden. Zur Stimulation der Eierstöcke, um das Heranreifen der Follikel zu fördern, ist Clomifen in einer Dosierung von 50 mg über fünf Tage (Tag 5 bis 9 des Zyklus) der Standard. Zudem können Präparate mit FSH, LH oder HMG (humanes Menopausengonadotropin) angewendet werden. Eileiterstörungen können in den meisten Fällen bei einer Laparoskopie (Bauchspiegelung) chirurgisch beseitigt werden. Dies garan­tiere zwar keine Schwangerschaft, erhöhe aber die Chancen deutlich.

 

Als letztes Mittel steht die In-vitro-Fertilisation (IVF) zur Verfügung. Hierbei werden die Eierstöcke der Frau medikamentös stimuliert, dann Eizellen entnommen, und diese im Reagenzglas befruchtet. Der Embryo wird dann an Tag fünf wieder in die Gebärmutter eingesetzt. »Die Methode ist sehr erfolgreich«, sagte der Mediziner. Pro Embryonentransfer käme es in 30 Prozent der Fälle zu einer Schwangerschaft, in 15 bis 20 Prozent zu einer Geburt. »Erfolg bedeutet für uns Reproduktionsmediziner, wenn das Paar das gewünschte Kind bekommt«, sagte Kentenich. Aber auch wenn ein Paar die Kinderlosigkeit annehme und sich weiterhin in die Augen schauen könne, sei die Arbeit erfolgreich gewesen.

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