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Pharmacon Davos

Rabattverträge mit ungewisser Zukunft

16.02.2010
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Von Hartmut Morck, Davos / Der Donnerstagnachmittag des Pharmacon Davos stand ganz im Zeichen der berufspolitischen Diskussion. Moderiert von Karin Graf und Andreas Kiefer aus dem Geschäftsführenden Vorstand der ABDA beantworteten Vorstandsmitglieder und Geschäftsführung der ABDA Fragen der Pharmacon-Teilnehmer. Die meisten Fragen wurden zum Thema Rabattverträge gestellt.

Eingeleitet wurde die Diskussion mit einem Impulsreferat von Dr. Hans-Jürgen Seitz, Hauptgeschäftsführer der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, in dem er auf die aktuellen Entwicklungen im Gesundheitswesen einging. Mit 4,5 Millionen Beschäftigten sei das Gesundheitswesen nach wie vor einer der Jobmotoren der deutschen Wirtschaft. Obwohl es von Experten als das beste der Welt angesehen werde, müsse nach der Weiterentwicklung, nach Reformgesetzen, nach der Finanzierung und dem Leistungskatalog gefragt werden.

Mit 5,9 Prozent Steigung bei den Arzneimittelkosten ohne Impfstoffe sei man 2009 im geplanten Zielbereich geblieben. Auch die Packungszahl sei konstant. Schaue man auf die Entwicklung von 2000 bis 2009 haben die Krankenkassen eine Steigerung bei den Einnahmen von 33 Milliarden Euro zu verbuchen. Dagegen sei das Entgelt für die Apotheken nur marginal gestiegen. Die Apotheken seien also nicht die Kostentreiber im Gesundheitswesen.

 

Die Zahl der Rabattverträge liege mittlerweile bei 9300. Auf rund 26 300 Arzneimittel gewährt die Industrie mittlerweile den Kassen einen Rabatt. Die Hauptarbeit bei der Umsetzung müssten die Apotheken leisten. Die Einsparungen auf Kassenseite seien nach wie vor intransparent.

 

Seitz zitierte das vom GKV-Spitzenverband vorgeschlagene Sparprogramm: Dieser fordert, den Apothekenabschlag gesetzlich auf 2,30 Euro festzuschreiben, den Herstellerzwangsrabatt zu erhöhen, die Großhandelsspanne um 40 Prozent zu kürzen und die Mehrwertsteuer auf Arzneimittel auf 7 Prozent senken.

 

Seitz formulierte die wichtigsten Fragen, die sich für die Zukunft stellen: Wie kann die Versorgung der Patienten in bevölkerungsarmen Regionen bei steigender Zahl älterer multimorbider chronisch kranker Patienten garantiert werden? Wie werden die im Koalitionsvertrag formulierte Vielfalt und der Wettbewerb in der Versorgung gestaltet? Wie sieht die Deregulierung der vielen teilweise widersprüchlichen Instrumente zur Steuerung des Arzneimittelmarktes aus? Der ABDA-Hauptgeschäftsführer begrüßte die im Koalitionsvertrag festgeschriebene Beibehaltung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes und das geplante Verbot der Pick-up-Stellen sowie die Definition des Arzneimittels als besonderes Gut. Für den Berufsstand sei der Koalitionsvertrag zugleich Rückenwind und Herausforderung. In dem geplanten Gespräch mit Gesundheitsminister Philipp Rösler werde man die Positionen der Apothekerschaft deutlich machen und dem Ministerium einen Dialog anbieten.

 

Eine Konkretisierung der möglichen Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen sieht Seitz nicht vor Mai/Juni, wenn die Steuerschätzung der Wirtschaftsweisen vorliegt. In der Diskussion gab sich Lutz Tisch, ABDA-Geschäftsführer Recht, optimistisch für ein Verbot der Pick-up-Stellen. Man werde die politische Bereitschaft der neuen Regierung ausloten.

 

Apotheker im TV unerwünscht

 

Auf die Frage, warum der Deutsche Apothekerverband (DAV) nicht aggressiver gegenüber den Krankenkassen auftrete, nannte Fritz Becker, Vorsitzender des DAV, die Krankenkassen einen Partner, mit dem man zunächst fair umgehen sollte. Wenn die Krankenkassen, wie kürzlich geschehen, diese Fairness allerdings aufkündigten, werde der DAV sich dagegen wehren.

 

Natürlich wurde auch die Frage nach der fehlenden Präsenz der Apotheker im Fernsehen, insbesondere in Talkshows, gestellt. Seitz machte deutlich, dass die Apothekerschaft sich nicht verweigere. Im Gegenteil: Die ABDA biete immer wieder eigene Experten an. Auch zur Sendung von »Report« am 1. Februar habe die ABDA im Vorfeld Fakten geliefert. Sie habe aber keinen Einfluss darauf, wie mit dem Material umgegangen werde. In offenen Gesprächen mit den Journalisten versuche man immer wieder, der Presse ein korrektes Bild von Apotheken zu vermitteln. Erika Fink, Präsidentin der Bundesapothekerkammer (BAK), betonte, jeder Einzelne könne dazu beitragen, den Wert der Apotheken zu vermitteln, indem man so gut sei, dass Testkäufer keinen Erfolg haben.

 

Die Frage nach einer Pflichtfortbildung wurde mit dem Hinweis beantwortet, dass die Pflicht zur Fortbildung bereits bestehe. Deshalb gehe es bei dieser Frage mehr um die Nachweispflicht einer Fortbildung. Die Apotheker sollten genau überlegen, ob sie dies wollten. Sinnvoll sei dies nur, wenn die Qualität dadurch verbessert werde.

 

Warum Weiterbildung kostenpflichtig sei, beantwortete die BAK-Präsidenten mit der Bemerkung, Weiterbildung sei nicht verpflichtend, deshalb kostenpflichtig. Würde sie beitragsfrei gestellt, müssten die Kammerbeiträge deutlichen steigen.

 

Auf die Frage aus dem Plenum, warum die Herstellung von Rezepturen nicht grundsätzlich an externe Dienstleister abgeben werden könne, ging Tisch ein. Bei Spezialrezepturen wie Zytostatika und Parenteralia könne man delegieren, bei anderen Rezepturen handle es sich um Gemeinwohlaufgaben, die in allen Vertriebsstätten erledigt werden sollten.

 

Dr. Christiane Eckert-Lill äußerte sich zu Fragen des pharmazeutischen Nachwuchses: Arbeitszeiten und Bezahlung in den Apotheken seien unattraktiv. Andererseits sollten neu approbierte Apothekerinnen und Apotheker die aus dem Berufsleben scheidenden Pharmazeuten ersetzen. Erschwerend komme hinzu, dass bei einem Frauenanteil von 80 Prozent, viele Nachwuchskräfte den Apotheken nur bedingt zur Verfügung stünden. Es sei deshalb notwendig, den Beruf attraktiver zu gestalten, damit die Pharmazie auch für Männer wieder attraktiv werde.

 

Verträge müssen gelebt werden

 

Zum Thema bezahlte pharmazeutische Dienstleistungen machte Becker deutlich, dass primär der Nutzen solcher Angebote nachgewiesen werden müsse. Der DAV habe mehrfach den Versuch unternommen habe, Entgelte mit den Kassen auszuhandeln. Teilweise auch mit Erfolg, allerdings müssten dann die Mitglieder auch die Verträge leben. Dies sei nicht immer der Fall.

 

Hauptthema in der Diskussion waren die Rabattverträge. Ob sie bald abgeschafft würden, mochte niemand auf dem Podium garantieren. Unbeantwortet blieb enauch die Fragen nach den Einsparungen. Man verwies auf die 500 Millionen Euro für 2009, die der GKV-Spitzenverband am 10. Februar in einer Pressemeldung öffentlich machte. Wirklich glauben mochte die von den Kassen verbreitete Zahl niemand

 

Zudem müssten den Einsparungen die Ausgaben gegengerechnet werden, was bisher nicht geschehe. Seine Kollegen rief Becker auf, den pharmazeutischen Sachverstand mehr walten zu lassen und die Pharmazentralnummer für pharmazeutische Bedenken häufiger einzusetzen. Die Krankenkassen seien selbst erstaunt, wie selten diese Möglichkeit genutzt werde. Inwieweit Rabattverträge die Importquote überflüssig machen, wurde klar beantwortet: Bei Generika hat sie keinen Sinn mehr, bei Innovationen lasse sie sich noch vertreten. Über eine Änderung werde inzwischen nachgedacht.  /

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