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Kompetent beraten bei grippalen Infekten

10.02.2006
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Selbstmedikation

Kompetent beraten bei grippalen Infekten

von Désirée Kietzmann, Berlin

 

Halsweh, Schnupfen, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen - jeder Erwachsene hat statistisch gesehen mindestens zweimal im Jahr mit einem grippalen Infekt zu kämpfen. Wann ist eine Therapie im Rahmen der Selbstmedikation sinnvoll und welche effektiven Behandlungsmöglichkeiten bietet sie?

 

Auch wenn es die Wortschöpfung vermuten lässt: Unterkühlungen rufen keine Erkältung hervor. Vielmehr sind es Viren, die grippale Infekte auslösen. Kälte und ein geschwächtes Immunsystem erleichtern es den Erregern, den »Wirt« anzugreifen. Sie gelten daher als Cofaktoren. Da Virustatika in der Behandlung von grippalen Infekten noch keinen Einsatz finden, erfolgt die Therapie rein symptomatisch. Monopräparate gegen einzelne Krankheitszeichen sind dabei häufig sinnvoller als Wirkstoffkombinationen.

 

Der Apotheker sollte im Beratungsgespräch stets die Eigendiagnose des Patienten hinterfragen und ihn gegebenenfalls zum Arzt schicken (siehe Kasten). Denn bei bestimmten Krankheitszeichen stößt die Selbstmedikation an ihre Grenzen. Sonstige Erkrankungen und Medikamente sind wegen möglicher Kontraindikationen und Wechselwirkungen stets abzuklären.

Erkältung oder Grippe?

von Christina Hohmann, Eschborn

 

Vor der Beratung zur Selbstmedikation sollte der  Apotheker abklären, ob der Betroffene unter einer gewöhnlichen Erkältung oder einer Grippe leidet. Denn eine Grippe kann einen schweren Verlauf  nehmen und sogar zum Tod führen. Daher sollten Grippe-Patienten so früh wie möglich einen Arzt aufsuchen, um eine geeignete Therapie zu erhalten.

 

Eine Unterscheidung der beiden Erkrankungen ist schwierig, da sich die Symptome anfangs stark ähneln. Allerdings unterscheiden sich die Infektionen im Verlauf und in der Schwere des Krankheitsbildes. Typisch für die Influenza ist ein plötzlicher Beginn mit starkem Fieber (über 39 °C), Schüttelfrost, begleitet von trockenem Husten, Kopf- und Gliederschmerzen. Mehrere dieser Symptome treten gleichzeitig auf und sind deutlich stärker ausgeprägt als bei einer Erkältung. Zum Teil leiden sie unter Atemnot und Brustschmerzen. Eine echte Grippe dauert etwa zwei bis drei Wochen an.

 

Im Gegensatz dazu beginnt ein grippaler Infekt, eine gewöhnliche Erkältung, langsam und mit unspezifischen Symptomen wie Frösteln, Halsschmerzen und Abgeschlagenheit. Nach und nach kommen Schnupfen und Husten hinzu. Hohes Fieber sowie Kopf- und Gliederschmerzen sind selten. In der Regel klingen die Symptome nach etwa einer Woche, spätestens nach zwei Wochen ab.

 

Eine Erkältung geht meist auf Viren zurück. Etwa 200 verschiedene Typen können die Erkrankung hervorrufen, vor allem Rhinoviren (25 bis 30 Prozent der Erkrankungen), Coronaviren (10 Prozent), Adenoviren, Respiratory-Syncytial-Viren (RSV), Myxo- und Reoviren. Selten lösen auch Bakterien grippale Infekte aus.

 

Erreger der echten Grippe sind ausschließlich Influenzaviren. Sie werden in die Typen A, B und C unterteilt, wobei Typ C für Erkrankungen beim Menschen kaum eine Rolle spielt. Erreger der Typen A und B rufen saisonal, in der kalten Jahreszeit, Epidemien hervor. In einer gewöhnlichen Grippesaison müssen in Deutschland etwa 30.000 Menschen wegen einer Influenzainfektion im Krankenhaus behandelt werden. Zwischen 5000 und 8000 Menschen sterben laut Angaben des Robert-Koch-Instituts. Die Viren werden aerogen durch Tröpfchen, also beim Husten, Niesen oder Sprechen übertragen. Infizierte sind kurz (weniger als 24 Stunden) vor Beginn der ersten Symptome für etwa drei bis fünf Tage, kleine Kinder sogar bis zu sieben Tage ansteckend.

Pharyngitis als erste Warnung

 

Ein grippaler Infekt kündigt sich in den meisten Fällen mit einem kratzenden oder schmerzenden Hals an. Die Ursache ist eine Entzündung der Rachenschleimhaut (Pharyngitis). Damit die Schleimhäute nicht austrocknen, sollten die Betroffenen viel trinken. Das Lutschen von Halsbonbons hält die Schleimhaut zusätzlich feucht. Die Wahl der Arzneiform richtet sich nach den Beschwerden. Bei Entzündungen oder Schmerzen im vorderen Rachenraum eignen sich Sprays oder Gurgellösungen. Ist auch der Kehlkopf entzündet (Laryngitis), sollte der Apotheker zu Lutschtabletten raten, da die betroffenen Stellen durch Spülen nicht erreicht werden.

 

Lokalanästhetika können die Schluckbeschwerden ein wenig lindern. Das in diversen Lutschtabletten enthaltene Benzocain besitzt auf Grund seiner Parasubstitution allerges Potenzial. Alternativ kann eine Tablette mit Lidocain als Nichtparastoff empfohlen werden. Bei Halsschmerzen erweist sich das Lutschen von Tabletten als wenig effektiv, da der Arzneistoff durch das häufige Schlucken nur sehr kurz mit dem eigentlichen Wirkort, der Schleimhaut, in Kontakt kommt. Sinnvoller ist es, die Tablette in der Backentasche zergehen zu lassen und für eine halbe Stunde nach der Applikation nichts zu essen oder zu trinken.

 

Bei grippalen Infekten besteht die Gefahr einer bakteriellen Sekundärinfektion. Zu Beginn der Erkrankung ist es deshalb sinnvoll , die Anzahl der pathogenen Keime auf der Schleimhaut  mit antiseptischen Arzneistoffen zu senken. Auf Grund seines breiten antimikrobiellen Wirkspektrums gilt Chlorhexidin als Mittel der Wahl. Cetylpyridiniumchlorid ist für die Indikation Halsschmerzen negativ monographiert, aber noch immer in einigen Präparaten enthalten. Da Erkältungen durch Viren ausgelöst werden, ist die Wirksamkeit von Lokalantibiotika wie Bacitracin oder Tyrothricin umstritten. Auch für Lysozym aus Hühnereiweiß fehlt der Wirksamkeitsnachweis bei Halsschmerzen.

 

Sympathomimetika sparsam dosieren

 

In der Nase äußert sich die virale Infektion durch Juckreiz, Niesen und vermehrte Sekretproduktion. Schwillt die Nasenschleimhaut (Rhinitis) an, können Betroffene nur noch schwer bis gar nicht mehr durch die Nase atmen. Um den Selbstreinigungsprozess zu unterstützen, können isotonische Koch- oder Meersalzlösungen, die das Nasensekret verdünnen, gegeben werden. Lokal angewendete α-Sympathomimetika in Form von Tropfen oder Sprays verengen die Gefäße, sodass die Schleimhaut abschwillt. Lang wirksame Substanzen wie Xylometazolin oder Oxymetazolin sind empfehlenswert.

 

Patienten sollten α-Sympathomimetika nie länger als fünf Tage und höchstens dreimal innerhalb von 24 Stunden applizieren. Die permanente Gefäßverengung führt zu Sauerstoffmangel, der die Nasenschleimhaut auf Dauer irreversibel schädigt. Da durch den Rebound-Effekt manche Patienten zu einer chronischen Anwendung veranlasst werden, ist es ratsam, die Imidazolderivate nur zur Nacht für eine freie Nasenatmung zu empfehlen. Auch nach nasaler Applikation kommt es gelegentlich zu systemischen Effekten wie Herzklopfen, Pulsbeschleunigung und Blutdruckanstieg. Darauf muss der Apotheker Patienten mit schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen  hinweisen. Sinnvoller als Nasentropfen oder Nasensprays sind pflanzliche Präparate, die zum Beispiel Extrakte aus Schlüsselblumenblüten oder Primelwurzel enthalten. Sie haben eine sekretlösende Wirkung.

 

Vorsicht bei Wirkstoffkombinationen

 

Nicht alles, was Firmen gegen grippale Infekte anpreisen, ist auch sinnvoll. Vor allem die Inhaltsstoffe von einigen Wirkstoffkombinationen sind als fragwürdig oder gar ungeeignet einzustufen. Dem indirekten Sympathomimetikum Ephedrin hat das BfArM bereits vor über zehn Jahren wegen seiner unerwünschten zentralnervösen und kardialen Wirkungen ein negatives Nutzen-Risiko-Verhältnis bescheinigt. Da es die Blut-Hirn-Schranke überwindet, besteht Abhängigkeitspotenzial. Als Sympathomimetikum und Broncholytikum ist der Arzneistoff negativ monographiert.

 

Phenylephrin, das in einigen Wirkstoffkombinationen zur peroralen Anwendung enthalten ist, wird auf Grund zahlreicher unerwünschter Wirkungen ebenfalls nicht empfohlen. Erkältungskapseln mit Phenylpropanolamin (= DL-Norephedrin) sind ebenfalls kritisch zu sehen, da der Wirkstoff in einer Studie mit einer erhöhten Rate von hämorrhagischen Schlaganfällen in Verbindung gebracht wird. H1-Antihistaminika und Mastzellstabilisatoren sind nur bei allergischer Rhinoconjunctivitis angezeigt.

 

Auch bei pflanzlichen Produkten sollte darauf geachtet werden, dass die Zubereitungen als hinreichend wirksam und ungefährlich eingestuft sind. Bei Katarrhen der oberen Luftwege empfiehlt die Kommision E sowohl Kiefernnadel- als auch Pfefferminzöl. Diese Wirkstoffe sind in Form von Salben oder in Zubereitungen zur Inhalation erhältlich. Auch wenn die Dampfbäder als Hausmittel etabliert sind, sollten Apotheker ihre Kunden auf mögliche Haut- und Schleimhautreizungen hinweisen. Da Bronchospasmen durch Kiefernnadelöl verstärkt werden können, ist es bei Asthmatikern kontraindiziert. Pfefferminzöl darf nicht bei Säuglingen und Kleinkindern angewendet werden, da die Gefahr besteht, dass der Kratschmer-Reflex und damit ein Atemstillstand ausgelöst wird.

 

Neues zu ASS und Vitamin C

 

Kopf- und Gliederschmerzen gehen häufig mit Fieber einher. Als Mittel der Wahl zur Behandlung des Symptomkomplexes gelten Acetylsalicylsäure, Ibuprofen und Paracetamol. Erfahrungsgemäß greifen viele Patienten bei Fieber eher zu Paracetamol als zu ASS. Eine aktuelle Studie (siehe PZ 46/05) zeigte jedoch, dass beide Arzneistoffe gleichwertig hinsichtlich ihrer antipyretischen Wirksamkeit sind. Bei grippalen Infekten können Betroffene bis zu drei Mal täglich 500 bis 1000 mg als Einzeldosis einnehmen.

 

Der Vitamingehalt vieler Erkältungspräparate ist in der Regel nicht schädlich,  eventuell aber unnötig. So stellt eine Metaanalyse aus dem vergangenen Jahr die Wirksamkeit der Ascorbinsäure infrage (PloS Medicine 2, 2005, 168). Die prophylaktische Gabe von mindestens 200 mg Vitamin C täglich konnte die Inzidenz von Erkältungen in 23 Studien mit mehr als 10.000 Teilnehmern nicht signifikant senken. Lediglich bei Subgruppen, die extremen körperlichen Belastungen ausgesetzt waren, wie Marathonläufern, Skifahrern und Soldaten, halbierte die regelmäßige Einnahme von Ascorbinsäure die Erkrankungshäufigkeit. Die Dauer einer Erkältung reduziert sich nach Ansicht der Autoren durch Vitamin C nur unbedeutend: bei Kindern um 14 und bei Erwachsenen um 8 Prozent. Bis auf eine Studie, zeigten alle Untersuchungen, dass eine Therapie der Erkältung mit Ascorbinsäure die Länge der Erkrankung nicht verringert.

 

Andere Experten vertreten dagegen die Meinung, dass eine  zusätzliche Einnahme von Ascorbinsäure in Kombination mit dem Analgetikum durchaus sinnvoll ist, da ASS ein »Vitamin-C-Räuber« ist.

 

Auf die Art des Hustens kommt es an

 

Husten leitet in der Regel das Ende eines grippalen Infektes ein. Um dem Patienten das richtige Mittel empfehlen zu können, muss die Art des Hustens erfragt werden. Eine Unterdrückung des physiologischen Mechanismus ist nur bei trockenem Reizhusten sinnvoll. Antitussiva wie Clobutinol, Dextromethorphan oder Pentoxyverin verschaffen Linderung. Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion dürfen Clobutinol nicht anwenden. Zu den pflanzlichen Antitussiva zählen Eibischwurzel und Isländisch Moos. Bei trockenem Husten wirken sie durch die einhüllende Wirkung der enthaltenen Schleimstoffe reizlindernd. Auch  Sonnentaukraut, als Fluidextrakt in einem pflanzlichen Kombinationspräparat enthalten, ist bei Reizhusten geeignet.

 

Der Auswurf des vermehrt im Bronchialtrakt gebildeten Sekrets wird hingegen als produktiver Husten bezeichnet. Expektorantien erleichtern das Abhusten, indem sie den Schleim verflüssigen. Acetylcystein, Bromhexin und Ambroxol gelten als Mittel der Wahl. Ambroxol wirkt über eine Blockade von Natriumkanälen auch lokalanästhetisch und ist deshalb ebenfalls in Form von Lutschtabletten zur akuten Halsschmerzbehandlung erhältlich. Zahlreiche Fertigarzneimittel enthalten Zubereitungen aus Thymiankraut oder Efeublättern. Beide Arzneidrogen sind positiv für Katarrhe der oberen Luftwege monographiert. Auch peroral eingenommene Expektorantien wie Myrtol und Cineol unterstützen den Sekretabfluss. Die Abgabe eines Hustenmittels muss immer mit dem Ratschlag, viel zu trinken, verbunden sein. Denn ohne ausreichende Flüssigkeitszufuhr können Expektorantien nicht wirken.

 

Auf Hilfsstoffe achten

 

Ob Lutschtabletten oder Hustensäfte, Erkältungspräparate haben häufig einen hohen Zuckergehalt. Für Diabetiker und Kinder stehen zuckerfreie Alternativen zur Verfügung. Pflanzliche Drogenauszüge, aber auch andere flüssige Arzneizubereitungen im Rahmen der Erkältungstherapie können zum Teil viel Alkohol enthalten. Sie sind somit weder für Kinder, Alkoholiker noch für Kraftfahrer geeignet. Das Konservierungsmittel Benzalkoniumchlorid schädigt die Zilien der Nasenschleimhaut. Dennoch ist es immer noch Bestandteil zahlreicher Nasalia. Bevorzugt sollten Apotheker heute die zur Verfügung stehenden, nicht-konservierten Präparate abgeben.

 

Wie man vorbeugen kann

 

Zu einer guten Beratung gehören auch Hinweise, wie man einem grippalen Infekt vorbeugen kann. Im Winter reizt trockene Heizungsluft die Schleimhäute und schwächt damit ihre Abwehrfunktion. In geschlossenen Räumen sollte deshalb auf eine ausreichende Luftfeuchtigkeit geachtet werden. Auch Nasenduschen halten die Schleimhäute feucht. Um die Immunabwehr zu steigern, eignen sich Sport und kalt-warme Wechselduschen. Da körperlicher und psychischer Stress das Immunsystem schwächen, sind ausreichend Schlaf, entspannende Bäder und regelmäßige Saunabesuche gerade in der Erkältungszeit wichtig.

 

Doch auch von innen kann die Abwehr gestärkt werden. So leiden vor allem ältere Menschen mit einem schwachen Immunsystem häufig an Zinkmangel. Eine gezielte Supplementierung mit Zinkacetat oder -gluconat kann hier Abhilfe schaffen. Der Sonnenhut ist der bekannteste Vertreter der pflanzlichen Immunstimulanzien. Doch nicht alle Arten sind wirksam. Echinacea angustifolia, was bereits von der Kommission E negativ beurteilt wurde, zeigte auch in einer aktuellen Studie (siehe PZ 32/05) keinen signifikanten Effekt gegenüber Placebo. Echinaceae purpureae herba und pallidae radix sind hingegen zur unterstützenden Therapie bei grippalen Infekten und zur Prophylaxe bei wiederkehrenden Infektionen der oberen Atemwege empfohlen. Die enthaltenen Polysaccharide stimulieren die Phagozyten des unspezifischen Immunsystems. In mehreren In-vitro-Studien wurden auch antivirale und antibakterielle Wirkungen belegt. Dabei sollte beachtet werden, dass Echinacea-Präparate nicht länger als acht Wochen angewendet werden sollten.

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