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Bluthochdruck

Betablocker nicht erste Wahl

01.02.2017  10:18 Uhr

Von Annette Mende / Soll bei einem Patienten eine antihypertensive Pharmakotherapie begonnen werden, sind Betablocker anderen Wirkstoffgruppen unterlegen. Das ist das Fazit einer aktualisierten Übersicht der Cochrane-Collaboration. Generell könnte die Datenbasis aber besser sein.

Die Blockade von β1-Adrenorezeptoren ist ein bewährtes Wirkprinzip, das zum Beispiel bei Herzinsuffizienz oder Herzinfarkt nachgewiesenermaßen die Mortalität senkt. Für die Erstlinien­therapie des Bluthochdrucks ist die Daten­lage weniger eindeutig; hier gab es in der Vergangenheit immer wieder Kontroversen um den Stellenwert der Betablocker im Vergleich zu anderen Antihypertensiva. Wie bereits 2007 und 2012 hat nun eine Autorengruppe der Cochrane-Collaboration um Professor Dr. Charles Shey Wiysonge erneut die verfügbaren Daten zum Einsatz der Beta­blocker in dieser Indikation zusammengetragen (DOI: 10.1002/14651858.CD002003.pub5).

 

Hohes Risiko für Verzerrung

 

Eingeschlossen wurden 13 randomisierte, kontrollierte Studien aus den 1970er- bis in die 2000er-Jahre, in denen Betablocker mit Placebo, Diu­retika, Calciumantagonisten oder Inhibitoren des Renin-Angiotensin-Aldo­steron-Systems (RAAS) verglichen worden waren. Insgesamt stuften die Wissenschaftler das Risiko für eine Verzerrung der Ergebnisse aufgrund von Schwächen im Design, in der Ausführung und in der Auswertung der Untersuchungen als hoch ein. Alles in allem wurden 40 245 Studienteilnehmer mit Betablockern behandelt, drei Viertel von ihnen mit Atenolol. Zum Einsatz neuerer Betablocker mit vasodilatatorischer Wirkkomponente, beispielsweise Nebivolol, waren keine Studien zu finden.

Bei der Gesamtsterblichkeit erwiesen sich Betablocker als ebenbürtig mit Diuretika, RAAS-Hemmern und Placebo, den Calciumantagonisten dagegen unterlegen. Der Anstieg des relativen Risikos fiel allerdings mit 7 Prozent relativ gering aus. Auch in Bezug auf kardiovaskuläre Erkrankungen waren Calciumantagonisten verglichen mit Betablockern die bessere Wahl, was vor allem am häufigeren Auftreten von Schlaganfällen lag (24 Prozent höheres relatives Risiko). In dieser Hinsicht konnten auch RAAS-Hemmer punkten (30 Prozent niedrigeres relatives Risiko als Betablocker). In der einzigen Studie mit älteren Teilnehmern ab 65 Jahren führte Atenolol verglichen mit Diuretika zu einem Anstieg der Inzidenz von koronarer Herzkrankheit um 63 Prozent.

 

Bessere Studien gefordert

 

Zusammengenommen führen Beta­blocker als Erstlinien-Blutdrucksenker zu einer moderaten Senkung kardiovaskulärer Folgeerkrankungen und wenig bis keinem Effekt auf die Gesamt­sterblichkeit, lautet das Fazit der Autoren. Andere Antihypertonika seien deshalb in dieser Situation eine bessere Wahl. Die Wissenschaftler weisen in ihrer Zusammenfassung nochmals auf die schlechte Qualität der verfügbaren Daten hin und fordern bessere Untersuchungen, etwa von verschiedenen Betablocker-Subgruppen oder zu möglichen Unterschieden der Wirksamkeit bei jüngeren und älteren Patienten. /

Das sagen die Leitlinien

Der Stellenwert der Betablocker in der Therapie des Bluthochdrucks wird von internationalen Leitliniengremien unterschiedlich bewertet. In den USA und in Großbritannien werden sie nicht in erster Linie empfohlen. Dagegen kommen mehrere europäische Fachgesellschaften zu folgender Einschätzung: »Eine Vielzahl randomisierter kontrollierter Studien und ihrer Metaanalysen haben keinen klinisch relevanten Unterschied zwischen den verschiedenen Substanzklassen gezeigt. Da­raus kann geschlossen werden, dass der Hauptnutzen einer antihypertensiven Therapie auf der Blutdrucksenkung an sich beruht und von der Wahl des angewandten Medikaments weitgehend unabhängig ist. Demzufolge sind die fünf großen Substanzklassen (Diuretika, Beta­blocker, Calciumantagonisten, ACE-Hemmer und Angiotensinrezeptor-Blocker) alle gleichermaßen für die Initial- und Dauerbehandlung geeignet, sei es als Mono- oder Kombinationstherapie.« Diese Empfehlung aus dem Jahr 2013 gilt auch in Deutschland.

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