| Jennifer Evans |
| 07.10.2026 07:00 Uhr |
Ist es eine Gefahr für die Forschung, wenn auf Medikamentenerfolge gewettet wird? Expertenstimmen sind uneins. / © PZ/generiert mit KI
Im Prinzip funktionieren Prognosemärkte wie Wettbörsen. Teilnehmende setzen Geld darauf, ob ein bestimmtes Ereignis eintritt oder nicht. Neuerdings ist es beliebt, auf oder gegen den Erfolg klinischer Studien zu setzen oder darauf, ob eine Arzneimittelbehörde wie die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) ein neues Medikament zulässt.
Wer davon ausgeht, dass die Chancen höher stehen als vom Markt angenommen, kauft entsprechende Anteile, sogenannte Ereigniskontrakte. Gehandelt wird etwa auf Plattformen wie Polymarket oder Kalshi. Tritt das Ereignis ein, erzielt man einen Gewinn. Die Wettpreise spiegeln also die Einschätzung der Marktteilnehmenden über die Erfolgswahrscheinlichkeit wider.
Ein Rechenspiel: Ein Ja-Kontrakt kostet üblicherweise zwischen 0 und 1 US-Dollar. Geht man selbst zu 75 Prozent davon aus, ein Medikament bekommt die Zulassung, kauft man logischerweise einen Ja-Kontrakt. Der kostet in diesem Fall zum Beispiel 0,30 Dollar, was vereinfacht einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 30 Prozent entspricht. Demzufolge liegt die Markteinschätzung unter der eigenen Prognose. Kommt es dann zur Zulassung, zahlt der Kontrakt 1 Dollar aus. Der Gewinn liegt folglich bei 0,70 Dollar. Und wer danebengelegen hat, weil er einen Nein-Kontrakt gekauft hat, bekommt nichts.
Befürworter sehen in den Wettpraktiken einen Nutzen für die Arzneimittelentwicklung. Da in die Kurse auch Informationen und Einschätzungen von Fachleuten einfließen, könnten Prognosemärkte frühzeitig Hinweise liefern, welche Arzneimittel die besten Erfolgsaussichten haben. Mit anderen Worten: Neben Investoren und Pharmaunternehmen hätten auch Versicherungen und Patienten einen zusätzlichen Anhaltspunkt, welche Innovationen besonders vielversprechend sind. Auch Forschungsgelder könnten gezielter in Therapien fließen, die aussichtsreich erscheinen, argumentieren die Anhänger solcher Wetten.
Kritiker sehen vor allem Risiken, Stichwort: Insiderwissen. Bei Arzneimittelstudien sind viele Daten zunächst vertraulich. Details sind nur Menschen bekannt, die in Pharmafirmen, Studienzentren oder Zulassungsbehörden arbeiten. Auch Sponsoren oder Prüfärzten liegen meist genauere Informationen vor. Wetten solche Insider auf den Ausgang einer Studie oder auf eine Zulassungsentscheidung, könnten sie sich einen finanziellen Vorteil verschaffen, begründen die Gegner. Denn ihre Vorhersagen wären besonders treffsicher.
Hinzu kommt die Gefahr der Manipulation. Wer mitwettet, könnte versuchen, Studienabläufe oder Bewertungen so zu beeinflussen, dass ein gewünschtes Ergebnis eintritt – und damit ein Gewinn entsteht. Und mehr noch: Sinkt die Erfolgschance einer Studie auf dem Prognosemarkt, könnte dies Patienten abschrecken, sprich: Sie nehmen womöglich nicht mehr an der Studie teil oder ihre Therapietreue sinkt. Am Ende könnten die Wettmärkte also die Einführung neuer Medikamente erschweren oder verzögern, so der Einwand.