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Erste Hilfe bei Gewalt
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Apotheken brauchen Traumazentren

Die Apotheke vor Ort ist oft die erste Anlaufstelle, bei der Betroffene geschlechtsbasierter Gewalt Hilfe suchen – lange bevor andere Berufsgruppen einen Verdacht schöpfen. Wenn die Apothekenteams geschult wären, die Rolle sicher und wirksam auszufüllen, könnten sie für Gesundheit und Gesellschaft viel bewirken.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 22.04.2026  13:00 Uhr

Apothekerinnen und Apotheker begegnen geschlechtsbasierter Gewalt oft früher als viele andere Berufsgruppen. Das liegt daran, dass Betroffene für schnellen, niedrigschwelligen Rat häufig ihre Vor-Ort-Apotheken aufsuchen – auch, um dort traumabezogene Medikamente oder Notfallverhütungsmittel zu erhalten. Darüber berichtet Dr. Emmanuella Nzeribe in einer neuen Folge des Podcasts »Coffee with FIP« des Weltapothekerverbands Fédération Internationale Pharmaceutique (FIP). Sie ist Apothekerin sowie Forschungs- und Politikanalystin in Nigeria.

Geschlechtsbasierte Gewalt (gender-based violence – GBV) umfasst alle Formen körperlicher, sexueller oder psychischer Gewalt, die sich gegen Menschen aufgrund ihres Geschlechts richten. Das Spektrum reicht von Gewalt in der Partnerschaft über digitale Belästigung bis hin zu Freiheitsentzug oder weiblicher Genitalverstümmelung. Laut Nzeribe ist es wichtig, klare Definitionen und Apothekenmitarbeitende solide zu schulen, um GBV als relevantes Public-Health-Thema zu verankern.

Apotheken eignen sich als Schutzraum

Derzeit fühlten sich viele Apothekerinnen und Apotheker jedoch unsicher, unvorbereitet oder rechtlich wie ethisch nicht ausreichend informiert, um Betroffene angemessen zu unterstützen, bedauert die Apothekerin. Dabei könnten Offizinen genau jene sicheren Schutzräume sein, die Menschen mit Gewalterfahrungen dringend benötigen. Private Beratungsräume, standardisierte Protokolle und die Sensibilisierung für subtile Signale wie den Code »Maske-19« seien bereits vorhanden. Mit diesem Codewort konnten Betroffene von häuslicher Gewalt während der Pandemie diskret Hilfe anfordern. Geht es nach Nzeribe, dann sollte es Traumazentren in Apotheken geben.

Da die Apothekerschaft weltweit an der Frontlinie des Gesundheitssystems arbeitet, erkennt sie Nzeribe zufolge häufig Muster, die auf Gewalt hindeuten – und kann so eine entscheidende Brücke zwischen Betroffenen, sozialen Diensten und rechtlichen Strukturen schlagen.

Auf Hilfe aufmerksam machen

Sie fordert deshalb gezielte Fortbildungen für Pharmazeutinnen und Pharmazeuten. So könnten sie auch in Konfliktgebieten besser unterstützen, wenn Krankenhäuser nicht zugänglich sind.

Entscheidend sei zudem, die breite Öffentlichkeit über solche Unterstützungsmöglichkeiten in den Vor-Ort-Apotheken zu informieren – etwa indem sich der Berufsstand aktiv zu diesen Themen zu Wort meldet sowie direkt auf die Menschen zugeht. Außerdem wünscht sie sich Plattformen und umfassende Online-Informationen für Betroffene und deren Angehörige.

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