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Caplacizumab

Antikörper bei seltener Gerinnungsstörung

Die erworbene thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (aTTP) ist eine seltene, lebensbedrohliche Störung der Blutgerinnung. Mit Caplacizumab (Cablivi von Sanofi-Genzyme) ist nun erstmals ein Arzneimittel speziell zur Behandlung der aTTP verfügbar. Es ist der erste zugelassene Nanobody, ein im Vergleich zu herkömmlichen Antikörpern deutlich kleineres Molekül.
Annette Mende
17.10.2018  13:54 Uhr

aTTP ist eine Autoimmunerkrankung, die den für die Blutgerinnung essenziellen von-Willebrand-Faktor (vWF) betrifft. Der vWF wird in langen Ketten synthetisiert, die normalerweise das Enzym ADAMTS-13 in kleine Stücke zerschneidet. Patienten mit aTTP bilden Autoantikörper gegen dieses Enzym, wodurch sich im Blut  lange vWF-Ketten ansammeln, die einerseits funktionsuntüchtig für die Blutgerinnung sind und andererseits große Mengen Thrombozyten binden. Diese Gebilde verstopfen kleine Gefäße (thrombotisch) und entziehen dem Blut so viele Thrombozyten, dass es zu einem Mangel kommt (thrombozytopenisch). In der Folge treten unter anderem purpurfarbene Blutergüsse auf (Purpura).

Die Erkrankung tritt in Episoden auf, die unbehandelt in 90 Prozent der Fälle tödlich verlaufen. Die Standardtherapie besteht aus Plasmapherese und Immunsuppression. Cablivi ersetzt die Standardtherapie nicht, sondern ergänzt sie. Der Nanobody blockiert die Thrombozyten-Bindungsstelle des vWF und verhindert so, dass sich Blutplättchen an die langen vWF-Ketten anlagern. Das führt zu einer schnelleren Normalisierung der Thrombozytenzahl, beeinträchtigt aber auch die Verfügbarkeit des vWF und damit die Blutgerinnung.

Blutungen sehr häufige Nebenwirkung

Sehr häufig kommt es daher unter Caplacizumab zu Blutungen. In Studien gehörten Nasen- und Zahnfleischbluten zu den häufigsten Nebenwirkungen. Patienten mit erhöhtem Blutungsrisiko, sei es aufgrund der Anwendung von oralen Antikoagulanzien, Heparin, Thrombozytenaggregationshemmern oder einer Grunderkrankung, müssen engmaschig überwacht werden.

Patienten erhalten täglich eine Fertigspritze mit 10 mg Caplacizumab. Die erste Dosis wird intravenös vor der Plasmapherese gegeben, die Folgedosen subkutan nach der Plasmapherese. Die Behandlung wird nach Beendigung der täglichen Plasmapherese noch 30 Tage lang fortgesetzt. Bei weiter bestehendem Bedarf kann die Therapie auch über diesen Zeitraum hinaus noch verlängert werden. Aus Vorsichtsgründen soll eine Anwendung während der Schwangerschaft vermieden werden. Bei stillenden Müttern muss eine Entscheidung darüber getroffen werden, ob das Stillen unterbrochen oder auf die Behandlung verzichtet werden soll. Vor- und Nachteile beider Optionen für Mutter und Kind müssen dabei berücksichtigt werden.

Phase-III-Studie HERCULES

Ausschlaggebend für die Zulassung von Caplacizumab war die Phase-III-Studie HERCULES, an der 145 erwachsene Patienten mit einer aTTP-Episode teilnahmen. Alle erhielten die Standardtherapie mit Immunsuppression und täglicher Plasmapherese. Zusätzlich dazu wurden randomisiert und doppelblind 72 Patienten mit Caplacizumab behandelt und 73 mit Placebo.

Caplacizumab verkürzte statistisch signifikant die Zeit bis zur Normalisierung der Thrombozytenzahl: Die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten dieses Therapieziel erreichen, war unter Verum zu jedem Zeitpunkt 55 Prozent höher als unter Placebo. Das Rezidivrisiko sank im durchschnittlich 35-tägigen Behandlungszeitraum sowie in der 28-tägigen Nachbeobachtungszeit um 67 Prozent. Beim zusammengesetzten Endpunkt aus aTTP-bedingtem Tod, aTTP-Exazerbation oder mindestens ein schwerwiegendes thromboembolisches Ereignis betrug die Risikoreduktion durch Caplacizumab 74 Prozent.

Lagerung und Haltbarkeit

Vor der Anwendung muss Cablivi in der Fertigspritze rekonstituiert werden. Die fertige Lösung ist bei 25 °C maximal vier Stunden haltbar, sollte aber nach Möglichkeit sofort verwendet werden. Vor der Rekonstitution ist Cablivi in der Originalverpackung im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern. Einmalig kann das Präparat während der Dauer der Haltbarkeit bis zu zwei Monate lang bei maximal 25 °C aufbewahrt werden.

Foto: dpa

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