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Studie zur Medikationsanalyse

»AMTS ist eine große Baustelle«

Apotheker sind die letzte Instanz, die mögliche Probleme erkennen und lösen kann. Wie gut sie das können, zeigt eine Studie der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, der AOK Nordwest und der Uni Bonn, deren Daten heute beim westfälisch-lippischen Apothekertag vorgestellt wurden.
Daniela Hüttemann
23.03.2019
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An der sogenannten 3A-Studie (Apo-AMTS-AOK-Studie) haben mittlerweile mehr als 500 Patienten teilgenommen. 319 Fälle hat die Uni Bonn bislang ausgewertet. Die Patienten waren im Schnitt 73 Jahre alt und nahmen elf Medikamente ein. 240 AMTS-qualifizierte Apotheken führten die Medikationsanalysen vom Typ 2a durch. Dabei bringt der Patient alle seine Medikamente in einer Tüte mit in die Apotheke. Der Apotheker führt eine sogenannte Brown-Bag-Analyse durch und bespricht mit dem Patienten, wofür und wie er die Medikamente einnimmt. Drei Monate später wurde überprüft, wie es mit der verbesserten Medikation läuft.

»Das funktioniert ungefähr so wie bei Sherlock Holmes, die Apotheker suchen systematisch nach Indizien für arzneimittelbezogene Probleme (ABP)«, erläuterte Studienleiter Jaehde. »Die Apotheker stellten im Schnitt 6,6 ABP pro Patient fest  – und das waren nur die wirklich relevanten wie klinisch bedeutsame Interaktionen, ungeeignete Dosierungen und Anwendungsprobleme.« Insgesamt leiteten die Apotheker rund 2100 Maßnahmen für diese 319 Patienten ein. »Das umfasste ein ganzes Spektrum an Maßnahmen wie die Überwachung der Medikation, eine Änderung des Einnahmezeitpunkts oder auch das Absetzen von Medikamenten nach Rücksprache mit dem Arzt«, erklärte der Professor für Klinische Pharmazie.

»Wir haben auch untersucht, ob es den Patienten durch die Maßnahmen tatsächlich besser ging«, so Jaehde. Der sogenannte Medication Appropriateness Index (MAI) sank von vorher 7 im Schnitt auf 2 unmittelbar nach der Medikationsanalyse bis auf einen Wert von 1 beim Follow-up nach drei Monaten. »Das ist eine deutliche Reduktion der Last unangemessener Medikation und ein ganz tolles Ergebnis«, betonte Jaehde. »Apotheker können somit mögliche Schäden für den Patienten abwenden«, wie er im Vortrag auch am Beispiel eines Parkinson-Patienten näher erläuterte.

Jaehde sagte aber auch, dass die Verbesserung der AMTS eine große Baustelle sei, die kein Beruf allein schaffen könne. »Die Zusammenarbeit zwischen Apothekern und Ärzten ist noch nicht professionell ausgeprägt. Es darf aber nicht dem Zufall überlassen sein, wie gut die beiden zusammenarbeiten«, forderte der Apotheker.

Das Fundament für eine qualitätsgesicherte Medikationsanalyse sei eine adäquate Aus- und Fortbildung für Pharmazeuten. »Wir brauchen mehr Fortbildung, aber auch mehr Platz im Studium für praktische Übungen mit Patientenfällen«, so der Professor.

Für bestmögliche Ergebnisse bräuchten die Apotheker außerdem mehr Daten wie Diagnosen und Laborwerte. »Der Datenschutz darf der AMTS nicht im Wege stehen, hier brauchen wir kreative Lösungen«, so eine von Jaehdes Thesen. »Apotheker haben das Zeug dazu, Schrittmacher der AMTS zu sein, statt nur dabei sein.«

AKWL-Vizepräsident Frank Dieckerhoff forderte rechtliche und vertragliche Rahmenbedingungen, um Projektpilote wie diese in die Fläche zu bringen und eine ausreichende Honorierung zu gewährleisten. Die jetzt vom BMG vorgeschlagenen 105 Millionen Euro für pharmazeutische Dienstleistungen könnten »ganz sicher nur eine Anschubfinanzierung sein«.

Tom Ackermann als Vertreter der AOK Nordwest kündigte an, dass auch die Krankenkassen daran Interesse hätten und unabhängig von der Politik in Berlin in den kommenden zwei bis drei Jahren hier aktiver werden wollen.

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