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Wohnprojekt

Allein unter Senioren

Ein Jahr lang wohnte die heute 26-jährige Marit Meinhold in der Premium-Seniorenresidenz-Tertianum in Konstanz. Statt Miete zu zahlen, schenkte die Lehramtsstudentin den Bewohnern Zeit. Nach ihrem Auszug im September 2018 zieht sie im Gespräch mit der PZ Bilanz.
Jennifer Evans
08.11.2018
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PZ: Wie sind Sie auf das Projekt  »Student in Residence« aufmerksam geworden? Hatten Sie Probleme, eine Wohnung in Konstanz zu finden? 

Meinhold: Ich war tatsächlich gerade auf Wohnungssuche, weil meine Mitbewohnerin ausgezogen war. Und weil ich im Anschluss an mein Studium noch promovieren wollte, brauchte ich eine neue Bleibe. Da sah ich den Aushang in der Uni. Erst dachte ich, es handelte sich um ein unseriöses Angebot. Keine Miete zahlen und dafür noch in eine 50-Quadratmeter-Stadtwohnung einziehen. Als Gegenleistung lediglich Zeit mit rund 100 Bewohnern in der Residenz zu verbringen, war für mich praktisch wie ein Geschenk. Denn ich habe Geschichte studiert und höre gerne Älteren und ihren Lebensgeschichten zu. Darüber hinaus habe ich auch ein sehr enges Verhältnis zu meinen Großeltern. Also habe ich mich spontan beworben und mich schließlich gegen rund 35 Mitbewerber durchgesetzt.

PZ: Angedacht war, dass Sie 20 Stunden im Monat mit den Bewohnern verbringen. Mal ehrlich: Ist das aufgegangen?

Meinhold: Beinhaltet waren alle gezielten Begegnungen, ob im Rahmen eines Vortrags, Ausflugs oder Abendessens. Allerdings zählten die netten Gespräche zwischendurch auf dem Flur nicht dazu. Trotzdem lag ich jeden Monat deutlich über dem ursprünglichen Richtwert. Wenn ich nicht gerade in der Uni war, konnten die Bewohner mich auch telefonisch erreichen.

PZ: Mit welchen Sorgen und Problemen haben die Bewohner bei Ihnen angerufen?

Meinhold: Das war ganz unterschiedlich. Viele Anrufe beinhalteten Technikfragen. Manchmal waren es die Handys oder die E-Mails, die nicht funktionierten. Oder die Bewohner hatten Probleme mit digitalen Fotos oder dem Haustelefon. Teilweise kamen auch Rückfragen zu Vorträgen, die ich gehalten habe. Manche meldeten sich, um zu sagen, dass an ihrem Tisch ein Platz frei ist und ich zum Mittagessen gern dazu stoßen kann.

PZ: Gab es Menschen, die Sie angerufen haben, weil sie einfach nur Redebedarf hatten?

Meinhold: Die wenigsten Bewohner haben das so formuliert und gesagt: Ich fühle mich einsam, können Sie mal vorbeikommen. Ich habe allerdings bei einigen Telefonaten bemerkt, dass die Anrufer den Kontakt gesucht haben, um sich einmal auszutauschen. Nicht immer stand gleich ein dringendes Problem im Vordergrund.

PZ: Welche Vorurteile mussten Sie abbauen? Gab es Berührungsängste gegenüber der jungen Generation?

Meinhold: Die Bewohner sind mir alle sehr individuell begegnet. Zum Beispiel meinten viele, die jungen Leute schauen immer nur auf ihre Handys. Ich habe solche Bemerkungen thematisiert und versucht, meine Sichtweise zu erklären. So habe ich etwa gefragt, wo der Unterschied liegt, ob man im Bus auf sein Handy schaut oder eine Zeitung liest. Das war einleuchtend und der Beginn eines lebendigen Gesprächs. Ich glaube zwar nicht, dass alle ihre Meinung daraufhin geändert haben, aber zumindest haben sie mal darüber nachgedacht. Allgemein existierten vor allem Unsicherheiten darüber, wie ich mich wohl einfügen würde und wie Studenten heute eigentlich so ticken. Aber das Interesse war groß. Daraufhin habe ich einen Vortrag darüber angeboten, wie die Universität in Konstanz aufgebaut ist und wie ein Studium so abläuft. Die Zuhörer waren überrascht, wie sehr die jetzige Realität von ihren früheren Erfahrungen abwich.

PZ: Hatten Sie anfangs Sorge, dass es keine gemeinsamen Gesprächsthemen gibt?

Meinhold: Um ehrlich zu sein: Ja. Aber das hat sich schnell in Luft aufgelöst. Es hat auf jeden Fall nicht geschadet, dass ich Geschichte studiert habe. Aber wir haben auch über Literatur, Politik, Kunst und Auslandsreisen gesprochen. Manchmal auch einfach über die verschiedenen Zubereitungsformen unserer Lieblingsgerichte. Insgesamt habe ich viel Verständnis erfahren. Einmal wollte ich ein paar Freunde zu mir in die Wohnung zum Feiern einladen und habe vorab meinen Nachbarn Bescheid gegeben, dass es lauter werden kann. Da haben sie gesagt: kein Problem. Sie müssen ja auch mal feiern, und wir machen dann einfach das Hörgerät aus.

PZ: Ende September 2018 sind Sie ausgezogen. Haben Sie noch Kontakt zu den Bewohnern?

Meinhold: Ich schaue in der Konstanzer Altstadt jetzt gezielt, ob ich jemanden auf dem Marktplatz, beim Kaffeetrinken oder Sonnenbaden sehe und habe dort tatsächlich schon einige Bewohner wieder getroffen. Von anderen habe ich die E-Mail-Adressen und privaten Telefonnummern. Ich gehe davon aus, dass der Kontakt weiter bestehen wird. Das ist sehr schön, denn schließlich beruhte das komplette Projekt auf Freiwilligkeit und niemand musste sich mit mir einlassen.

PZ: Glauben Sie, dass Sie nun selbst besser fürs Alter gerüstet sind?

Meinhold: Auf jeden Fall. Durch die vielen Gespräche ist der Gedanke deutlich weniger furchteinflößend für mich geworden. Vor allem, weil die Menschen ihrem Lebensende so gelassen entgegenblicken und teilweise sehr offen darüber gesprochen haben. Eine Bewohnerin hat mir erzählt, welche Vorbereitungen sie bereits für ihre Bestattung getroffen hat. Das waren Unterhaltungen, die man in meinem Alter sonst selten führt. Die Erfahrungen in der Tertianum-Residenz haben mir gezeigt, dass man trotz aller körperlichen Einschränkungen Dinge im Leben finden kann, für die man gerne jeden Morgen aufsteht und für die man immer wieder optimistisch in den Tag blickt. Ich sehe dem Alter nun deutlich entspannter und positiver entgegen.

PZ: Wie hat sich Ihr Alltag nach dem Projekt verändert?

Meinhold: Ich bin in meiner Grundhaltung geduldiger geworden und habe gelernt, mich selbst mehr zurückzunehmen und noch mehr zuzuhören. Gerade bei technischen Problemen gebe ich älteren Menschen jetzt die Zeit, die sie brauchen, um sie selbst zu lösen. Früher hätte ich ihnen das Gerät aus der Hand genommen und es schnell erledigt.

PZ: Ist während Ihrer Zeit ein Bewohner verstorben?

Meinhold: Ja, diese Momente gab es auch. Das war mir allerdings von Beginn an klar. Mein Eindruck war, dass viele der Bewohner sehr pragmatisch mit dem Tod umgehen, weil er in ihrer Generation einfach präsenter ist. In gemeinsamer Runde haben wir dann nochmal über die verstorbene Person gesprochen und uns an sie erinnert.

PZ: Was haben die Bewohner umgekehrt von Ihnen mitgenommen?

Meinhold: Meine eigentliche Hoffnung war, dass sie ein paar Vorurteile über die junge Generation abbauen und mit den Features der modernen Technik besser umgehen lernen. Einige sind auf jeden Fall zu aktiveren Nutzern geworden, trauen sich mehr zu oder haben sich sogar ein Gerät angeschafft. Eine Dame zum Beispiel kaufte sich ein Smartphone, damit ich es ihr einrichte und erkläre, wie sie darauf Videos ansehen kann. Herausgestellt hat sich aber, dass die Bewohner vor allem meine Lebhaftigkeit geschätzt haben. Wenn ich beispielsweise zu spät dran war und schnell über den Gang gesprintet bin, haben sie aus meiner Dynamik selbst Lebensenergie und -freude gezogen.

PZ: Was muss sich Ihrer Meinung nach mit Blick auf die ältere Generation hierzulande ändern, und was kann vielleicht die Politik tun?

Meinhold: Es gibt sicher schon jetzt Möglichkeiten, dass die Genrationen sich untereinander austauschen. Leider nutzen das zu wenige Menschen. Wichtig wäre in meinen Augen, Mehrgenerationenhäuser oder zumindest durchmischte Viertel stärker zu fördern. Die funktionieren allerdings nur, wenn sich beide Seiten darauf einlassen und mit einem Grundverständnis für die Situation des Nachbarn aufeinander zugehen. Konfliktpotenzial sehe ich beim Thema Lärm und Spontanität im Gegensatz zur Ruhe und routinierten Tagesabläufen. Viele Senioren leben in festen Bahnen, und für sie geht es bei den jungen Familien oft zu quirlig zu. Hat man sich aber erst einmal über ein Kaffeetrinken kennengelernt, entsteht eine Verbindung. Aus diesem emotionalen Bezug entwickelt sich Verständnis. Vielleicht auch, weil dann bei den Senioren Erinnerungen an die Zeit wach werden, als sie selbst jung waren und kleine Kinder hatten. Das Wichtigste ist, sich mit Neugier und Respekt zu begegnen und die Bereitschaft zu haben, voneinander zu lernen.

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