| Melanie Höhn |
| 15.10.2026 22:25 Uhr |
Diskutierten über Krisenvorsorge durch Apotheken (v.l.): Moderatorin und PZ-Redakteurin Daniela Hüttemann, Bernd Klaubert (Oberstapotheker der Bundeswehr), Maike Fedders (AG Krisenvorsorge), Ines Perea (BMG), BAK-Präsident Armin Hoffmann und Kristina Böhm (Amt für Gesundheit und Prävention der Landeshauptstadt Dresden). / © PZ/Melanie Höhn
Seit Oktober 2025 beschäftigt sich die Arbeitsgruppe »Krisenvorsorge« der Bundesapothekerkammer mit möglichen Krisenszenarien. Am 22. September 2026 wurde das Strategiepapier »Resiliente Gesundheitsversorgung durch Apotheken« durch den ABDA-Vorstand beschlossen. Beim BAK-Symposium »Deutschland im Krisenfall – Welche Rolle übernehmen Apotheken?« ist dieses Papier nun der Öffentlichkeit vorgestellt worden.
Maike Fedders, Leiterin der Arbeitsgruppe, präsentierte den Acht-Punkte-Plan und damit konkrete Forderungen an die Politik. Ihre zentrale Botschaft lautet: »Resilienz braucht Apotheken. Eine resiliente Gesundheitsversorgung ist ohne leistungsfähige, flächendeckend erreichbare und krisenfest eingebundene Apotheken nicht denkbar.«
Resilienz entstehe nicht erst im Ereignisfall, sondern sie müsse im Normalbetrieb aufgebaut, finanziert, rechtlich abgesichert, regelmäßig geübt und organisatorisch verankert werden, so Fedders. »Die Apothekerschaft bringt dafür gewachsene Strukturen, fachliche Kompetenz und unmittelbare Handlungsfähigkeit mit. Diese Potenziale müssen als Bestandteil der nationalen Gesundheits- und Sicherheitsarchitektur anerkannt werden«, sagte sie.
Wer die Resilienz der Gesundheitsversorgung erhöhen wolle, müsse Apotheken deshalb verbindlich als strategischen Partner einbeziehen – in Staat, Selbstverwaltung, Bevölkerungsschutz und Verteidigung. Nur mit starken Apotheken könne die Arzneimittelversorgung in Frieden, Krise und Krieg verlässlich gewährleistet werden.
1. Weiterentwicklung der regulatorischen Rahmenbedingungen: Apothekerkammern sollen in den Katastrophen- und Zivilschutzgesetzen verankert und die Aufgaben von öffentlichen und Krankenhausapotheken im Gesundheitssicherstellungsgesetz (GeSiG) eindeutig geregelt werden, um eine rechtssichere Krisenvorsorge für alle Apotheken unabhängig vom KRITIS-Status zu gewährleisten.
2. Etablierung einer nationalen Bevorratungsstrategie von Arzneimitteln und Medizinprodukten: Eine Positivliste essenzieller Arzneimittel soll festlegen, welche Wirkstoffe und Präparate besonders wichtig sind. Dazu gehören Produktionsmöglichkeiten, geeignete rechtliche Ausnahmen und definierte Bevorratungszeiträume.
3. Öffentliche Apotheke als Ansprechpartner vor Ort: Apotheken sollen als Erstkontakt-, Orientierungs- und Steuerungspunkt anerkannt und in die Krisenpläne von Bund, Ländern und Kommunen aufgenommen werden.
4. Stärkung der Krankenhausapotheken als regionale Gesundheitsknotenpunkte: Verbindliche Einbindung in die nationale Krisenvorsorge; Bevorratung, Herstellung, Information und Koordination langfristig sichern.
5. Stärkung der Selbstverwaltung und organisierte Freiberuflichkeit als Resilienzfaktor im Bevölkerungsschutz: Das Ziel ist, Apothekerkammern verbindlich in die Strukturen des Bevölkerungs-, Zivil- und Katastrophenschutzes einzubinden.
6. Entwicklung eines digitalen Lagebildes und interoperable Zusammenführung bestehender Datenquellen: Verfügbarkeit, Bestände und Lieferfähigkeit nahezu in Echtzeit – zugleich Steuerung der Bevorratung.
7. Verbindliche Übungen und operative Einsatzfähigkeit: Öffentliche Apotheken, Krankenhausapotheken und Apothekerkammern sollen regelmäßig an regionalen und nationalen Krisenbungen teilnehmen – mit Behörden, Bevölkerungsschutz, Großhandel, ärztlichen Strukturen und Klinikleitungen.
8. Nachhaltige und ausgewogene Finanzierung: Das Ziel ist, Vorhaltung und Krisenvorsorge regelhaft, dynamisch und auskömmlich zu finanzieren. Den Aufwand kann die Apotheke nicht allein tragen.
Fedders diskutierte anschließend mit Armin Hoffmann, Präsident der Bundesapothekerkammer, sowie mit Ines Perea, Unterabteilungsleiterin für Gesundheitssicherheit im Bundesgesundheitsministerium. Außerdem nahmen Oberstapotheker Bernd Klaubert von der Bundeswehr sowie Kristina Böhm vom Amt für Gesundheit und Prävention der Landeshauptstadt Dresden an der Diskussion teil.
Klaubert, der gestern beim PZ-Talk »Alex' Doppelte Dosis« (ADD) zu mehr Vorsorge mahnte, betonte, dass Deutschland über leistungsfähige Strukturen und Fachkompetenz im Gesundheitswesen verfüge. »Wir haben starke Strukturen. Ich bin davon überzeugt, dass wir echte Power haben«, sagte er. Entscheidend sei, diese Fähigkeiten zu vernetzen und die Zusammenarbeit zwischen militärischen und zivilen Akteuren praktisch zu erproben.
Er berichtete von einem bereits durchgeführten Planspiel zu logistischen Prozessen der Arzneimittelversorgung innerhalb der Bundeswehr. Eine weitergehende Übung mit Industrie, Großhandel, öffentlichen Apotheken und Krankenhausapotheken wird für 2027 angestrebt.
Klaubert plädierte dafür, dass Apotheken systematisch prüfen sollten, ob Personal, Material, Infrastruktur, Organisation und Betriebsabläufe im Krisenfall verfügbar bleiben.
Ines Perea vom BMG versicherte, dass das Gesundheitssicherstellungsgesetz (GeSiG) fertig erarbeitet sei und kurz vor der finalen Veröffentlichung stehe. Einen genauen Zeitpunkt könne sie aber derzeit nicht nennen. Eine krisenresiliente Versorgung ist aus ihrer Sicht nur mit den öffentlichen Apotheken realisierbar: »Wir brauchen sie als Partner auf den verschiedenen Ebenen«, erklärte sie. Perea begrüßt ausdrücklich die Strategiepapiere unterschiedlicher Akteure. Die Arzneimittellisten von Bundesapothekerkammer, Bundesärztekammer und Bundeswehr müssten später miteinander abgeglichen werden.
Perea machte zudem deutlich, dass die vollständige Unabhängigkeit von internationalen Lieferketten kaum realistisch sei. Ziel müsse vielmehr sein, besonders kritische Lieferketten zu identifizieren und ihre Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. »Wir werden improvisieren müssen«, sagte sie. Auch bei sorgfältiger Vorbereitung könnten nicht alle Eventualitäten abgedeckt werden. Perea setzt deshalb sowohl auf belastbare Grundstrukturen als auch auf die Fähigkeit, im Ernstfall flexibel zu handeln. »Es wird nicht alles durch den Staat in der Form finanziert werden können, wie man sich das wünscht.«
Zudem listete Perea vier Punkte auf, die in einem verteidigungsbezogenen Szenario geregelt werden müssten:
BAK-Präsident Armin Hoffmann unterstrich, dass Krisenvorsorge nicht allein durch einzelne Berufsgruppen oder Institutionen bewältigt werden könne. Er forderte verbindliche politische Entscheidungen, eine enge Zusammenarbeit aller Akteure und die konsequente Umsetzung der vorliegenden Konzepte. Die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, öffentlichen Apotheken, Krankenhausapotheken, Großhandel und weiteren Akteuren müsse praktisch erprobt werden.
Hoffmann sprach über den »Schatz« der Apotheken vor Ort: Die Stärke der Apotheken liege darin, dass sie regional verankert und niedrigschwellig erreichbar seien und pharmazeutische mit logistischer Expertise verbinden. Damit seien Apotheken Gesundheitsknotenpunkte, Frühwarnsysteme und Sicherheitsanker.
Nur mit starken Apotheken könne die Arzneimittel- und Gesundheitsversorgung in Friedens- und Krisenzeiten verlässlich gewährleistet werden, so Hoffmann. »Wir brauchen jede einzelne Apotheke, um auch in besonderen Lagen die Versorgung der Bevölkerung flächendeckend garantieren zu können«, sagte er.
Kristina Böhm vom Amt für Gesundheit und Prävention der Landeshauptstadt Dresden betonte, dass sich kommunale Krisenvorsorge vielerorts noch im Aufbau befinde. Pläne und Zuständigkeiten werden entwickelt, müssten aber noch stärker in die praktische Umsetzung überführt werden. »Die Apotheken müssen mitgedacht und eingebunden werden«, forderte sie. Gesundheitsämter könnten als Schnittstelle zwischen Kommunen, medizinischen Einrichtungen, Apotheken und weiteren Akteuren dienen.