Arzt hinter Gittern händeringend gesucht |

Anstellung unbefristet, Gehalt ab 5000 Euro aufwärts, flexible Arbeitszeit, keine Nacht- und Notdienste, Teilzeit möglich, Verbeamtung auch – diese Stellenausschreibung verheißt eine Bewerberflut. Oder nicht? Die Justizvollzugsanstalt Neumünster sucht seit mehr als einem Jahr vergeblich einen geeigneten Bewerber für die vakante Arztstelle. «Wir haben schon eine Werbung im Radio geschaltet und inserieren jetzt auch zum wiederholten Male im Ärzteblatt der Bundesärztekammer», sagt JVA-Leiterin Yvonne Radetzki. Die neue Stellenanzeige ziert ein Foto des Arztes und Schauspielers Joe Bausch, Gerichtsmediziner im Kölner «Tatort» und im wahren Leben JVA-Arzt in Werl (Nordrhein-Westfalen).
«Das Problem haben derzeit viele Anstalten in Deutschland, sagt Radetzki, die auch 2. Vorsitzende der Bundesvereinigung der JVA-Leiter ist. «Vor allem in Anstalten, die sich in kleineren Städten oder in Randlagen befinden, ist es schwierig.» Für «Tatort»- und JVA-Arzt Bausch ist die Sache klar: «Das liegt daran, dass die Kollegen am Beginn zu schlecht bezahlt werden». In der Klinik bekämen sie bei weniger Verantwortung mehr Geld. Die Anforderungen seien hoch, sagt der Beamte Bausch, der seit 1986 im Gefängnis arbeitet. Allgemein- und Betriebsmedizin, Notfall-, Ernährungs- und Suchtmedizin – in all diesen Metiers ist Facharzt Bausch zu Hause. «Das ist das, was man braucht», sagt der 64-Jährige mit dem markanten Glatzkopf.
Als Vertretungsarzt kümmert sich derzeit Achim Strassner um die kranken Gefangenen in Neumünster. Der Internist und Radiologe hilft seit 2011 in der JVA aus. Seit Februar ist der alte Anstaltsarzt weg und Strassner (69) geht jetzt auch in Rente. Er vermisst bei jungen Kollegen oft die Berufung zum Beruf und sieht bei ihnen den Drang im Vordergrund, möglichst viel Geld zu verdienen. Mit Nacht- und Wochenendzuschlägen könnten sie in der Klinik 3000 bis 4000 Euro mehr verdienen als im Knast, schätzt Strassner. Mehr Freizeit und Zeit für die Familie zu haben, wiege da nicht so schwer.
Anders als draußen ist die ärztliche Versorgung im Knast nicht an ein Budget gebunden. Keine Kasse, das Land trägt die Kosten. Die Gefangenen erhalten auch Erkältungsmedikamente umsonst. «Ihre Anspruchshaltung ist extrem hoch», sagt Strassner. 30 bis 50 Patienten behandelt er täglich.
Er könne im Gefängnis Medizin nach Leitlinien betreiben, wie er sie für richtig halte, sagt Bausch. Zudem konnte er so mit Theater und Film weitermachen, was als Arzt in einer Praxis wohl nicht möglich gewesen wäre. Wer aber Probleme habe, mit Straftätern umgehen zu müssen, sollte das sein lassen. Und wer glaube, «Gott hinter Gittern» zu sein, ebenfalls. «Man braucht Geduld und die Verantwortung ist hoch – das ist kein gemütlicher Job im Knast.»
31.07.2017 l dpa
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