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Seelsorge im Internet: Online-Hilfe für Jugendliche

 

Junge Menschen trauen sich oft nicht zum Psychologen und sprechen lieber anonym über ihre Probleme. Während die klassische Telefon-Seelsorge bereits eine niedrigschwellige Beratung bietet, entstehen im Internet immer mehr Formen der «Sprechstunde».

 

Die Paritätische Online-Beratung beispielsweise bietet Beistand von Trauer bis Drogensucht. In Einzel- und Gruppenchats berät die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bei Essstörungen. Und neben ihren Beratungsstellen vor Ort will Pro Familia auch im Netz bei Themen wie Partnerschaft, Sexualität und Schwangerschaft eine Orientierung bieten.

 

Speziell an junge Menschen richtet sich das Online-Beratungsprogramm U25 der Caritas. Jugendliche, die in persönlichen Krisen stecken werden hier zunächst von Gleichaltrigen unterstützt. Die Internetseite von U25 funktioniert dabei wie eine Art digitaler Kummerkasten. Junge Menschen unter 25 können sich auf dem Portal anonym anmelden und ihre Botschaft hinterlassen. Anschließend stellt sich ein Berater bei dem Betroffenen mit Text und Foto vor und nimmt sich den Sorgen an – in Gelsenkirchen beispielsweise sind das Schüler, Studenten oder Erzieher im Alter von 16 bis 23 Jahren.

 

Bei der Caritas gibt es inzwischen 130 solche Freiwillige, welche Nachrichten von Berlin, Gelsenkirchen, Dresden, Freiburg und Hamburg aus beantworten. Wissen die Helfer nicht weiter, wenden sie sich an Familienexperten oder Psychotherapeuten. Zusätzliche Caritas-Stellen sollen demnächst auch in Paderborn, Dortmund und Biberach geschaffen werden. Mehr als 860 Kinder und Jugendliche haben sich 2014 an solche speziell ausgebildete Peer-Berater gewandt. «Sie sprechen die gleiche Sprache, sie haben große Empathie, sie können Jugendliche besser verstehen und finden leichter einen Zugang zu ihnen», sagt eine Caritas-Sprecherin.

 

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind 550 junge Menschen bis 25 Jahren 2014 in Deutschland durch Suizid gestorben. Neben Unfällen und Gewalteinwirkungen zählen Selbsttötungen zu den häufigsten Todesursachen bei Kindern und Jugendlichen.

 

Doch gegen die Online-Beratung durch Gleichaltrige gibt es auch Vorbehalte: «Unserer Erfahrung nach geraten Jugendliche im Austausch untereinander in eine Sackgasse. Nachzufragen verleitet Jugendliche, noch tiefer in den eigenen Abgrund zu blicken», sagt Maria Große Perdekamp, Leiterin der Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). Bei der Online-Beratung der bke kümmern sich 86 ausgebildete Psychologen und Pädagogen um die Sorgen und Nöte der Jugendlichen. Mehr als 3000 junge Nutzer haben sich allein 2014 auf der Homepage der Jugendberatung registriert. Vor 13 Jahren wurde das Beratungsangebot von den Jugendministern aller Bundesländer ins Leben gerufen. «Wir versuchen, die Negativ-Spirale zu stoppen und den Betroffenen das Signal mitzugeben: Wir unterstützen dich, in deinem Leben etwas zu verändern.»

 

Auch Fredi Lang vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen sieht die psychologische Betreuung durch Gleichaltrige skeptisch. «Gerade bei schwerwiegenden Problemen können Laienberatungen keine intensive psychologische Beratung ersetzen», sagt sie. «Andererseits sind solche Angebote gute Eintrittspforten, um den Bedarf einer internetaffinen Zielgruppe aufzugreifen und Schwellenängste abzubauen.»

 

11.01.2016 l dpa

Foto: Fotolia/Angus