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Intersexualität: Keine Operation bei Säuglingen

 

Die weitaus meisten intersexuellen Menschen sind nicht krank und nicht behandlungsbedürftig. Dennoch werden sie sehr häufig schon als Säuglinge oder Kleinkinder operiert, um ihnen eindeutig ein Geschlecht zuzuweisen. Der Verein Intersexuelle Menschen e.V. wendet sich entschieden gegen diese Praxis. «Jeder Mensch wird mit einem Geschlecht geboren: seinem eigenen», sagte die Bundesvorsitzende Lucie G. Veith bei einem Workshop anlässlich der 15. Münchner Aids- und Hepatitis-Tage. Niemand dürfe wegen seines Geschlechts diskriminiert und ausgegrenzt werden.

 

Mit dem Begriff Intersexualität bezeichnet man biologische Besonderheiten bei der Geschlechtsdifferenzierung. Die körperlichen Merkmale intersexueller Menschen, früher auch Zwitter oder Hermaphroditen genannt, lassen sich nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen, erklärte Veith. Äußeres Erscheinungsbild, Chromosomensatz, Keimdrüsen und Hormonproduktion erscheinen nicht nur männlich oder nur weiblich, sondern als Mischung aus beidem. Es gebe mehr als 4000 Varianten der geschlechtlichen Differenzierung beim Menschen. Die klassische, wohl auch seltenste Form ist der Hermaphroditismus verus.

 

Die englische Bezeichnung DSD (Disorders in Sex Development) lehnte Veith ab, denn «Intersexualität ist keine Störung». Der Begriff bedeute aber eine Pathologisierung. Klar abzugrenzen sei zudem die Transsexualität.

 

Laut Veith leben etwa 80.000 bis 120.000 intersexuelle Menschen in Deutschland. Die allermeisten Babys, die mit einem auffälligen Genitale geboren werden, würden behandelt und «normalisiert». Das bedeutet, dass die eigenen Geschlechtsanlagen bei einer «geschlechtszuweisenden oder -vereindeutigenden Operation» irreversibel entfernt oder korrigiert werden. So wird beispielsweise Hodengewebe entfernt und eine Neo-Vagina angelegt. Nach der Operation sind die Menschen unfruchtbar und müssen lebenslang Hormone zuführen. «Etwa 85 Prozent befinden sich im weiblichen Personenstand», sagte Veith – oftmals mit einem XY-Chromosensatz. Genitalchirurgische Eingriffe lehnt der Verband ab, solange die Menschen nicht selbst einwilligen können. 

 

In vielen Fällen wird Intersexualität nicht so früh erkannt, hieß es bei dem Workshop. Eine XY-Frau sei äußerlich nicht unbedingt von einer XX-Frau zu unterscheiden. Die meisten XY-Frauen werden als Mädchen erzogen und sozialisiert und fallen erst auf, wenn zum Beispiel keine Pubertät mit Monatsblutung und Brustwachstum eintritt. Die Selbsthilfegruppe XY-Frauen will ihnen Information und Austausch bieten. Zudem gibt es eine Selbsthilfegruppe von Eltern, deren Kinder körperlich oder hormonell nicht eindeutig in das klassische Mädchen- oder Jungenschema passen. (bmg)

 

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Bundesverband Intersexuelle Menschen e.V. (externer Link)

 

25.03.2014 l PZ

Foto: Fotolia/fotohansel