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Kinder bekommen zu häufig Antibiotika

 

Zu viele Kinder bekommen in Deutschland unnötig Antibiotika verordnet. Darauf deutet eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung hin. Der «Faktencheck Gesundheit» zeigt unter anderem, dass die Wahrscheinlichkeit einer Antibiotika-Verordnung vom Wohnort abhängt. Demnach erhalten Kinder im Nordosten doppelt so häufig Antibiotika wie Altersgenossen in Süddeutschland. Die Erhebung basiert auf den Versichertendaten der Krankenkasse Barmer-GEK.

 

Insgesamt bekommen Kinder und Jugendlich häufiger Antibiotika-Rezepte ausgestellt als Erwachsene (38,3 versus 34,2 Prozent). Im Schnitt soll jedes zweite Kind unter sechs Jahren mindestens ein Antibiotikum pro Jahr auf ärztliche Verordnung einnehmen. Immerhin: Laut Bericht verordnen deutsche Ärzte im internationalen Vergleich verhältnismäßig wenig Antibiotika.

 

Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung untersuchte der Pharmazeut Professor Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik in Bremen die Ursachen der Antibiotika-Verordnungen. Demnach verschreiben Ärzte Kindern vor allem bei akuter Mittelohrentzündung, fiebriger Erkältung und Grippe ein Antibiotikum. Doch gerade diese Erkrankungen sind häufig viral bedingt; Antibiotika sind hier wirkungslos. Kinderärzte hielten sich deutlich öfter an die Leitlinien als Allgemeinmediziner: «Bei nicht eitrigen Mittelohrentzündungen, bei denen Antibiotika laut Leitlinien nur in Ausnahmefällen angezeigt sind, verordneten 33 Prozent der Hausärzte Antibiotika, aber nur 17 Prozent der Kinderärzte und 9 Prozent der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte», sagte Stefan Etgeton von der Bertelsmann-Stiftung. Wenn Antibiotika jedoch wirklich nötig waren, war es umgekehrt: Bei Lungenentzündung verschrieben 80 Prozent der Kinderärzte, aber nur 66 Prozent der Hausärzte ein Antibiotikum.

 

Die Bertelsmann-Stifung empfahl, sich mehr an die Leitlinien zu halten. Eltern sollten einen Arzt nicht bedrängen, ein Antibiotikum zu verschreiben. Umgekehrt sollte der Arzt nur bei schwerwiegenden Begleiterkrankungen oder einem schweren Verlauf eines bakteriellen Infekts sofort ein Antibiotikum verschreiben. Ansonsten reiche eine abwartende Beobachtung. (db)

 

Bericht der Bertelsmann-Stiftung (externer Link)

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16.02.2012 l PZ

Foto: Fotolia/Subatli