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Zulassung als Arzneimittel
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Wann kommen die Psychedelika?

Seit Jahren liest man immer wieder über positive Studienergebnisse mit psychedelischen Substanzen zur Therapie von psychischen Erkrankungen. Ein als Arzneimittel zugelassenes Psychedelikum gibt es aber noch nicht – obwohl Zulassungsbehörden die Weichen dafür gestellt haben.
AutorKontaktAnnette Rößler
Datum 02.03.2026  07:00 Uhr

Die Renaissance der Psychedelika in der Neuropsychiatrie währt schon eine Weile. In zahlreichen Studien der letzten Jahre konnte gezeigt werden, dass die Anwendung von bewusstseinserweiternden Substanzen unter kontrollierten Bedingungen positive Effekte etwa bei Patienten mit Depressionen oder auch posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) haben kann. Einen Zulassungsantrag für MDMA (Methylendioxy-N-methylamphetamin) in der Indikation PTBS lehnte die US-Behörde FDA vor anderthalb Jahren jedoch ab.

MDMA, das auch als »Ecstasy« bekannt ist, zählt als Amphetaminderivat zwar nicht zu den klassischen Psychedelika, doch scheiterte seine Zulassung letztlich an Problemen, die auch die Psychedelika haben – und die gelöst werden müssen, bevor entsprechende Wirkstoffe als Arzneimittel zugelassen werden können. Auch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) benennt mittlerweile in ihren Guidelines Besonderheiten der Psychedelika, umreißt ihre Vorstellungen davon, wie diese Besonderheiten in Studien adressiert werden sollten, und bietet Firmen, die entsprechende Präparate entwickeln, wissenschaftliche Beratung an.

Diese Sonderrolle verdanken die Psychedelika ihrer besonderen Wirkung, die sich grundlegend von denen anderer zugelassenen Psychopharmaka – mit Ausnahme vielleicht des Esketamins – unterscheidet. Klassische Psychedelika wie Lysergsäurediethylamid (LSD), Mescalin, Psilocybin und Dimethyltryptamin (DMT) sind Agonisten am 5HT2A-Serotoninrezeptor. Ihre Einnahme führt zu einem Bewusstseinszustand, der von Veränderungen der Emotion, des Selbst-Erlebens, der Sinneswahrnehmung und der Aufmerksamkeit gekennzeichnet ist. Oft geht die psychedelische Erfahrung mit einem Gefühl einher, das als »ozeanische Entgrenzung« beschrieben und positiv erlebt wird.

Eine Erfahrung, die nachwirkt

Vieles deutet darauf hin, dass es diese vorübergehende Bewusstseinserweiterung ist, die etwa bei Depressionen zu einer anhaltenden Besserung führt. Die psychedelische Erfahrung ermöglicht es nach dieser Hypothese betroffenen Patienten, aus ihrer düsteren Gedankenwelt auszubrechen und dauerhaft eine andere, positivere Sicht auf sich selbst und ihre Umwelt zu erlangen. Begleitet und bestärkt wird der Patient dabei von einem Psychotherapeuten, unter dessen Aufsicht die Anwendung des Psychedelikums stattfindet und der diese mit dem Patienten in mehreren Sitzungen vor- und nachbereitet.

Wie eine Gruppe um Simon Halm von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich 2022 in der Fachzeitschrift »Psychopharmakotherapie« ausführte, beruht dieser Effekt vermutlich auf einer vorübergehenden Hemmung der Filterfunktion des Thalamus. In dieser Hirnregion werden äußere und innere Reize moduliert, bevor sie an die Großhirnrinde weitergeleitet werden.

Ebenfalls wichtig für die anhaltenden Wirkungen der Psychedelika scheint eine durch die Akutwirkung induzierte Erhöhung der Neuroplastizität zu sein. Diese wird laut Halm und Kollegen aber nicht von Serotonin, sondern von Glutamat vermittelt – wodurch sich eine Brücke zum Ketamin schlagen lässt, das als glutamaterge Substanz nicht zu den klassischen Psychedelika zählt, aber wie diese antidepressiv wirkt: Das Eutomer Esketamin (Spravato®) ist seit 2021 zur Behandlung von Patienten mit therapieresistenter Major Depression als Nasenspray auf dem Markt.

Geht man davon aus, dass für die therapeutischen Effekte der Psychedelika vor allem die Erhöhung der Neuroplastizität verantwortlich ist, stellt sich die Frage, ob dafür die psychedelische Erfahrung überhaupt notwendig ist. Tatsächlich werde genau das in der Fachwelt zurzeit noch kontrovers diskutiert, schreiben Professor Dr. Philip D. Harvey von der University of Miami und Professor Dr. Charles B. Nemeroff von der University of Texas at Austin in einem kürzlich erschienenen Übersichtsartikel im Fachjournal »Neuropsychopharmacology«.

Harvey und Nemeroff verweisen auf Überlegungen, wonach es möglich wäre, Substanzen zu entwickeln, die eine Erhöhung der Neuroplastizität herbeiführen, ohne psychedelisch zu wirken. Solche »Plastogene« wären viel einfacher klinisch zu testen, weil mit ihnen – im Gegensatz zu den Psychedelika – eine Verblindung in Studien leicht möglich wäre. Da Plastogene jedoch derzeit nicht in Sicht sind, lässt sich diese Theorie nicht überprüfen.

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