| Laura Rudolph |
| 22.06.2026 18:00 Uhr |
An den Larven der Wachsmotte lässt sich zuverlässig die Virulenz bestimmter Keime testen. Sie könnten einige Säugetierversuche ersetzen. / © Getty Images/Murat Photo
Wie virulent ein Bakterium ist, lässt sich heute oft schon anhand seines Erbguts abschätzen. Bei dem Krankenhauskeim Klebsiella pneumoniae kommen dafür Software-Programme wie Kleborate zum Einsatz, die das Genom analysieren und Gene erkennen, die mit erhöhter Virulenz oder Antibiotikaresistenz verbunden sind.
Allerdings sind trotzdem noch Tierversuche nötig, um solche Vorhersagen im lebenden Organismus zu bestätigen. Bislang wird dies häufig an Mäusen getestet. Nun kommt eine Forschungsgruppe um Professor Dr. Katharina Schaufler vom Helmholtz-Institut für One Health (HIOH) in Greifswald zu dem Schluss, dass Larven der Wachsmotte (Galleria mellonella) eine verlässliche Alternative zu Versuchen an Mäusen bieten könnten, um die Virulenz von Bakterien zu bestimmen. Die Ergebnisse der Studie sind im Fachjournal »The Lancet Microbe« erschienen.
Die Larven besitzen ein angeborenes Immunsystem, das in einigen wichtigen Funktionen dem Immunsystem von Säugetieren funktionell ähnelt. Deshalb werden sie zunehmend zur Untersuchung bakterieller Virulenz eingesetzt. Ob das Modell jedoch zuverlässig zwischen verschiedenen Klebsiella-Pathotypen unterscheiden kann, war bislang umstritten.
Um diese Frage zu klären, untersuchte das Team um Schaufler 80 genetisch unterschiedliche Isolate von Klebsiella pneumoniae. Die Stämme wurden vier Gruppen zugeordnet: klassische Isolate mit niedriger Virulenz und niedriger Resistenz, klassische Isolate mit niedriger Virulenz und hoher Resistenz, hypervirulente Isolate sowie konvergente Isolate mit hoher Virulenz und hoher Resistenz. Die Forschenden infizierten die Mottenlarven und beobachteten für 72 Stunden das Überleben.
Das Ergebnis fiel deutlich aus: Klassische Klebsiella-Stämme verursachten nur geringe Sterblichkeit – unabhängig davon, ob sie antibiotikaresistent waren oder nicht. Hypervirulente und konvergente Isolate führten dagegen zu einer deutlich höheren Mortalität. Die Überlebenskurven unterschieden sich klar von denen der klassischen Stämme. Damit erwies sich das Wachsmottenlarven-Modell als verlässlich, um die wichtigsten genomisch definierten Klebsiella-Pathotypen biologisch zu bestätigen. Langfristig könnte dies dazu beitragen, die Zahl von Mausversuchen in der Virulenzforschung zu reduzieren, ohne auf biologisch aussagekräftige Daten verzichten zu müssen.
»Die Wachsmottenlarve bietet uns ein biologisches System, das wir sehr gut im großen Maßstab einsetzen können«, ergänzt Dr. Elias Eger, Seniorautor der Studie und Wissenschaftler am HIOH, in einer Pressemitteilung seines Instituts. »Sie ist zwar kein vollständiger Eins-zu-eins-Ersatz für Säugetiermodelle, funktioniert aber hervorragend als Werkzeug für eine fundierte Vorauswahl. So müssen im Nachgang nur noch die wirklich aussagekräftigsten Isolate in komplexeren Säugetiermodellen validiert werden.«