| Theo Dingermann |
| 01.10.2026 13:30 Uhr |
Vor allem zugesetzter Zucker wirkte sich in einer Studie ungünstig auf das Darmmikrobiom bei Patienten aus, die mit einem Antibiotika-Cocktail behandelt wurden. / © Shutterstock/Narsil
Zur Vorbereitung einer Stammzelltransplantation müssen sich die Patienten im Rahmen einer notwendigen Myeloablation einer aggressiven Chemotherapie und Bestrahlung unterziehen, um im Knochenmark Platz für die zu transplantierenden Stammzellen zu machen. Zudem erhalten die durch diese Behandlung stark immunsupprimierten Patienten komplexe Antibiotika-Cocktails, die vor allem auch das Darmmikrobiom massiv angreifen. In der Folge sinkt typischerweise die bakterielle Diversität des Mikrobioms, wobei fakultativ anaerobe Keime wie Enterococcus expandieren.
Solche Veränderungen wurden bei Stammzelltransplantierten bereits früher mit ungünstigeren klinischen Verläufen in Verbindung gebracht. Andererseits bietet diese Situation ideale Voraussetzungen, um Einflüsse zu untersuchen, die die Schädigung des Mikrobioms verstärken. Dies nutzen Forschende um Anqi Dai und Dr. Annamaria Ballweg vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York für eine Arbeit, deren Ergebnisse sie im Fachjournal im Fachjournal »Nature« publiziert haben.
Das Team untersuchte 173 Patienten mit hämatologischen malignen Erkrankungen und erfasste 9419 Mahlzeiten detailliert, verknüpft mit seriellen Stuhlproben. Für 158 Patienten standen insgesamt 1009 auswertbare Mikrobiomproben zur Verfügung. Der Fokus der Untersuchung lag auf der Wechselwirkung zwischen Ernährung und Antibiotika und dabei vor allem auf dem Einfluss von Zucker.
Die Forschenden stellten fest, dass eine hohe Aufnahme von Süßigkeiten und zuckerhaltigen Lebensmitteln für sich genommen nicht mit einer niedrigeren mikrobiellen Diversität verbunden war. Anders sah es unter einer Behandlung mit Breitspektrum-Antibiotika aus. Pro 100 g zusätzlicher Aufnahme von Lebensmitteln aus der Kategorie »Zucker, Süßigkeiten und gesüßte Getränke« sagte das statistische Modell eine zusätzliche Abnahme der mittleren α-Diversität als Maß für die Artenvielfalt eines Lebensraums um 24,1 Prozent voraus.
Eine unabhängige Analyse auf Ebene der Makronährstoffe bestätigte den Zusammenhang für Zucker mit einer zusätzlichen mittleren Diversitätsabnahme von 20,6 Prozent.
Dabei trugen offenbar vor allem zugesetzter Zucker und zuckerreiche Getränke beziehungsweise Nahrungssupplemente zu dem ungünstigen Effekt bei. Gerade solche hochkalorischen Trinknahrungen werden bei Transplantationspatienten wegen Appetitverlust, Mukositis und Gewichtsverlust häufig eingesetzt. Die Assoziation blieb auch in mehreren Sensitivitätsanalysen bestehen und ließ sich weder allein durch die gesamte Kalorienaufnahme noch durch enterale oder parenterale Ernährung oder das Vorliegen einer dokumentierten Infektion erklären.
Parallel zur abnehmenden Diversität nahm insbesondere Enterococcus faecium zu. Nach Antibiotika-Exposition war eine höhere Aufnahme zuckerreicher Lebensmittel mit einer stärkeren Expansion dieses potenziellen Pathobionten verbunden. Das ist klinisch relevant, weil Enterokokken bei immunsupprimierten Patienten schwere, teilweise antibiotikaresistente Blutinfektionen verursachen können und ihre Dominanz im Darm nach Stammzelltransplantation mit Graft-versus-Host-Erkrankung (GvHD) und erhöhter Mortalität assoziiert worden ist.
Auch bei Mäusen führte eine zusätzliche Saccharose-Gabe nach einer Behandlung mit dem Carbapenem-Antibiotikum Biapenem zu einer deutlich stärkeren und länger anhaltenden Enterokokken-Expansion: Am dritten Tag lag die Belastung 16,3-fach, am sechsten Tag 33,4-fach höher als bei alleiniger Antibiotika-Gabe. Saccharose ohne Antibiotikum zeigte dagegen keinen entsprechenden Effekt. Dies spricht für eine spezifische Wechselwirkung zwischen Antibiotika-Therapie, Zuckerangebot und dem gestörten mikrobiellen Ökosystem.
Auch ein Zusammenhang mit klinischen Endpunkten zeigte sich, sollte jedoch vorsichtig interpretiert werden, wie die Forschenden betonen. Bei Patienten mit überdurchschnittlich hohem Zuckeranteil der Ernährung war jeder zusätzliche Tag unter einem Breitspektrum-Antibiotikum mit einem höheren Mortalitätsrisiko assoziiert (HR 1,12). Bei Patienten mit niedrigerer Zuckeraufnahme war dieser Zusammenhang statistisch nicht nachweisbar. Die Daten belegen allerdings nicht, dass Zucker selbst die erhöhte Mortalität verursacht. Unter anderem könnten Erkrankungsschwere, reduzierte Gesamtenergieaufnahme und die klinischen Gründe für eine längere Antibiotika-Therapie eine Rolle spielen.
Die Forschenden bewerten ihre Daten dahingehend, dass einfache Zucker als potenziell modifizierbare Verstärker der antibiotikabedingten Mikrobiom-Schädigung einzustufen sind. Noch lässt sich daraus keine generelle Ernährungsempfehlung für alle Patienten unter Antibiotika-Therapie ableiten. Denn die klinischen Daten stammen aus einer hochselektierten Gruppe schwer erkrankter Stammzelltransplantierter und die Untersuchung war keine randomisierte Ernährungsinterventionsstudie.
Daher müssen prospektive Studien zeigen, ob eine vorübergehende Reduktion einfacher Zucker während einer Antibiotika-Therapie tatsächlich das Mikrobiom schützt und Infektionen, GvHD oder andere klinische Endpunkte verbessert.