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Pflanzliches Antidepressivum
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Steckbrief Johanniskraut

Bei Johanniskraut denken Apotheker sofort an mögliche Interaktionen. Nach einer sorgfältigen Beratung kann das pflanzliche Antidepressivum Kunden mit leichten depressiven Episoden als erster Therapieversuch angeboten werden.
AutorKontaktKerstin A. Gräfe
Datum 02.03.2026  18:00 Uhr

Wie wirkt Johanniskraut?

Die Wirkung von Johanniskraut (Hypericum perforatum L.) beruht auf dem Zusammenspiel der verschiedenen Inhaltsstoffe. Dazu zählen Hypericin, Hyperforin, Flavonoide, Catechingerbstoffe, ätherische Öle und Phenolcarbonsäuren. Lange Zeit vermutete man, dass die therapeutischen Effekte hauptsächlich auf Hypericin und Hyperforin zurückzuführen sind. Inzwischen hat sich gezeigt, dass auch hyperforinarme Extrakte wirksam sind. Als eigentlicher Wirkstoff ist daher der Gesamtextrakt anzusehen.

Der genaue Wirkmechanismus ist ungeklärt. Generell hemmen Johanniskraut-Extrakte die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin aus dem präsynaptischen Spalt. Zudem kommt es zu einer Downregulation der subsynaptischen β-adrenergen Rezeptoren. Weiterhin beeinflussen Hypericum-Extrakte positiv die sogenannte HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse), wodurch die Stressantwort gedämpft wird.

Wogegen wird Johanniskraut eingesetzt?

Standardisierte Trockenextrakte aus der Stammpflanze Hypericum perforatum werden zur Behandlung von leichten bis mittelgradigen depressiven Episoden beziehungsweise kurzzeitig zur Behandlung der Symptome leichter depressiver Störungen eingesetzt. Diese Anwendungen werden vom Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel HMPC als »Well-established Use« eingestuft.

In der Selbstmedikation sind hoch dosierte, standardisierte Präparate verfügbar, die zur Behandlung leichter depressiver Störungen indiziert sind (etwa Laif® 900 Balance, Jarsin® 450 mg, Neuroplant® Aktiv). Die bei mittelschwerer Depression indizierten Johanniskraut-Fertigpräparate sind verschreibungspflichtig (etwa Laif® 900, Jarsin® Rx 300 mg, Neuroplant®).

Wie wird Johanniskraut angewendet?

Erwachsene nehmen je nach Hersteller eine Gesamtdosis zwischen 600 und 900 mg täglich ein, verteilt auf ein bis drei Einzeldosen. Kunden sollten wissen, dass Johanniskraut nicht sofort wirkt. Die Wirklatenz beträgt mindestens zwei Wochen. Sollten sich die Beschwerden nach vier bis sechs Wochen nicht bessern, ist ein Arzt aufzusuchen.

Welche Nebenwirkungen kann Johanniskraut haben?

Als Nebenwirkungen können allergische Hautreaktionen, Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit oder Unruhe auftreten. Zudem kann es bei der Anwendung vor allem bei hellhäutigen Personen durch erhöhte Empfindlichkeit der Haut gegenüber Sonnenlicht (Photosensibilisierung) zu sonnenbrandähnlichen Reaktionen der Hautpartien kommen, die starker Bestrahlung durch Sonne oder Solarium ausgesetzt sind. Studien zufolge wird das Risiko dafür aber überschätzt. Die Anwendung bei Patienten mit Krankheiten oder Behandlungen, die eine Überempfindlichkeit der Haut gegenüber Licht zur Folge haben, ist kontraindiziert.

Welche Wechselwirkungen können auftreten?

Johanniskraut induziert die Aktivität von CYP3A4, CYP2C9, CYP2C19 und p-Glykoprotein. Die gleichzeitige Anwendung von bestimmten Immunsuppressiva, HIV-Medikamenten und Zytostatika ist kontraindiziert.

Vorsicht ist geboten bei der gleichzeitigen Anwendung mit Arzneistoffen, deren Metabolismus durch CYP3A4, CYP2C9, CYP2C19 oder p-Glykoprotein beeinflusst wird. Dazu zählen neben bestimmten Blutgerinnungshemmern unter anderem auch orale Kontrazeptiva, deren Sicherheit beeinträchtigt sein kann. Diese Aussage ist in Fachkreisen seit Längerem umstritten.

Die gleichzeitige Gabe mit Antidepressiva etwa vom SSRI-Typ sowie mit dem Anxiolytikum Buspiron und Triptanen kann serotonerge Effekte wie Übelkeit, Erbrechen, Angst, Ruhelosigkeit und Verwirrtheit verstärken.

Darf Johanniskraut in der Schwangerschaft und Stillzeit angewendet werden?

Aus Sicherheitsgründen sollte Johanniskraut in der Schwangerschaft nicht angewendet werden. Embryotox.de, das Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Berliner Charité, nennt als besser geeignete Alternativen Sertralin, Citalopram beziehungsweise Escitalopram. Stillen sei bei Monotherapie und guter Beobachtung des Kindes akzeptabel.

Weniger Wechselwirkungen mit hyperforinarmen Extrakten?

Verantwortlich für Wechselwirkungen, die auf einer Induktion von CYP3A4 und p-Glykoprotein beruhen, ist Hyperforin. Da liegt es nahe, hyperforinarme Extrakte herzustellen. Als solche gelten Extrakte, deren Tagesdosis maximal 1 mg Hyperforin enthält. Für hyperforinarme Extrakte hatte die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) 2018 verfügt, dass im sogenannten SPC (Summary of Product Characteristics) ein Warnhinweis über pharmakokinetische Interaktionen nicht mehr enthalten sein muss. Im OTC-Segment ist mit Remotiv®, das den Extrakt Ze 117 enthält, ist ein hyperforinarmes Präparat verfügbar.

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