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Wahrnehmungspsychologie
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Schönheit entsteht im Kopf – nicht im Auge

Wie Erinnerungen, Muster und kulturelle Prägungen unsere Wahrnehmung beeinflussen, berichtet der Psychologe Professor Dr. Claus-Christian Carbon. Versteht man die automatischen Programme, kann man sein eigenes Sehen besser einordnen.
AutorKontaktJennifer Evans
Datum 30.03.2026  07:00 Uhr
Schönheit entsteht im Kopf – nicht im Auge

Für unsere Wahrnehmung der Welt spielen das, was wir tatsächlich mit den Augen sehen, eine weit kleinere Rolle als das Gehirn und der Kontext. Darauf wies Professor Claus-Christian Carbon, Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an der Universität Bamberg, bei einer Veranstaltung in der Berliner Urania hin.

Unser Gehirn arbeitet stark mit Assoziationen. Wir sehen eine Person oder ein Gebäude, verbinden damit eine positive Erinnerung – Italien, Sonne, gutes Essen – und schon schüttet der Körper Endorphine aus. Erkennt das Gehirn gleichzeitig ein Muster wie »Immer wenn ich in Italien bin, sehe ich attraktive Menschen«, springt das Belohnungszentrum an. Die Wahrnehmung von Schönheit entsteht also durch einen holistischen Effekt.

Auch schöne Augen nehmen wir nicht isoliert wahr, erklärte Carbon. »Ändert sich der Kontext, ändert sich auch die Wahrnehmung.« Studien zeigten sogar, dass Menschen nicht einmal ihre eigenen Augen wiedererkennen, wenn sie in einem ungewohnten Umfeld auftauchten.

Schön kann nicht gefährlich sein

Carbon zufolge orientieren wir uns an bestimmten Markern für Schönheit – bei Dingen genauso wie bei Menschen. Diese Muster haben evolutionäre Wurzeln. »Was gesund aussieht, kann nicht gefährlich sein«, fasst er vereinfacht zusammen. Gesunde Lebewesen wirkten oft symmetrischer, weil Krankheiten, Parasiten oder Verletzungen ihre Körper weniger gezeichnet hätten.

Stereotype möchte Carbon dennoch nicht verteufeln. Denn unser Gehirn nutzt die Muster auch, um uns zu schützen. Beim Überqueren einer Straße etwa hilft ein automatisch ablaufendes Programm. Denn wir müssen nicht jedes Mal Geschwindigkeit, Abstand und Beschleunigung der Autos neu berechnen, bevor wir losgehen. Das würde zu viel Energie kosten, betonte er. Und schließlich wäre der Mensch ohne solche mentalen Abkürzungen nicht so weit gekommen.

Gleichzeitig sieht Carbon nichts Falsches darin, Schönheit oder sogar Kitsch zu genießen. Inbesondere als Wohlfühlfaktor unterschätzen wir Kitsch seiner Ansicht nach oft. »Genuss sollte man Menschen nicht verderben«, ist er überzeugt. Kultur und Zeitgeist spielen jedoch auch eine Rolle. Schon ab dem Fin de Siècle begannen Künstler bewusst, Hässliches zu kreiieren, um neue Denkanstöße zu geben.

Doch Menschen wollen sich nicht nur mit Extremen auseinandersetzen – darin liegt für Carbon auch Hoffnung. Trends wie die makellosen Gesichter in sozialen Medien verlieren irgendwann an Reiz. »So war es immer: Irgendwann braucht es etwas Neues.«

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