| 09.08.2026 08:00 Uhr |
Proteolysis Targeting Chimeras (PROTAC) lassen durch die zelleigenen »Müllschredder« störende Proteine beseitigen. / © Shutterstock/mahoe
PROTAC gehören in die wachsende Gruppe der Nähe induzierenden Arzneistoffe (proximity inducing drugs). Es ist eine ganz neue Klasse von Wirkstoffen, die ihre Zielproteine nicht wie klassische Arzneimittel in ihrer Funktion blockieren, sondern mit Ubiquitin markieren und dadurch deren gezielten Abbau einleiten. Der erste, in den USA zugelassene Arzneistoff – Vepdegestrant – ist ein Meilenstein für ein Konzept, das vor 25 Jahren als akademisches Gedankenexperiment begann.
Der Begriff PROTAC steht für PROteolysis TArgeting Chimera. Die Bezeichnung »Chimera« entstammt der griechischen Mythologie: Die Chimäre war ein Mischwesen aus verschiedenen Tieren. Übertragen auf die Pharmakologie bezeichnet der Begriff ein kleines Molekül, das aus zwei verschiedenen Bindungsmodulen besteht – ähnlich wie ein molekularer Doppelkopf, der gleichzeitig zwei völlig unterschiedliche Proteine binden kann. Ein heterobifunktionales PROTAC besteht aus drei Teilen (Abbildung 1, oben):
Abbildung 1: Funktionsweise eines heterobifunktionalen PROTAC-Wirkstoffs (oben links). Mit einem Linker werden ein Ligand für ein Zielprotein und ein Ligand für eine E3-Ligase verknüpft. Die E3-Ligase ubiquitinyliert das Zielprotein, das daraufhin vom Proteasom abgebaut wird. Das PROTAC-Molekül wird freigesetzt und steht für weitere Abbaurunden zur Verfügung. / © PZ/Stephan Spitzer
PROTAC-Moleküle nutzen das zelleigene Entsorgungssystem für nicht mehr gebrauchte Proteine durch induzierte Nähe (induced proximity) zwischen dem abzubauenden Protein (POI: protein of interest) und der E3-Ligase, die durch Ubiquitinylierung den proteasomalen Abbau des POI in Gang setzt. Alle PROTAC bauen das Zielprotein also nicht selbst ab, sondern setzen den Degradationsprozess in Gang, weshalb ein einziges Molekül mehrere Zielproteine nacheinander abbauen kann.
Zellen müssen beschädigte, falsch gefaltete oder nicht mehr benötigte Proteine kontinuierlich beseitigen. Diese Aufgabe übernimmt das Ubiquitin-Proteasom-System (UPS), das etwa 80 bis 90 Prozent des gesamten intrazellulären Proteinumsatzes bewältigt. Das Proteasom ist quasi ein intrazellulärer »Schredder«. Das Prinzip: Proteine werden durch Anhängen mehrerer Ubiquitin-Moleküle wie mit einem Entsorgungsetikett markiert, damit der »Schredder« sie erkennt.
Ubiquitin ist ein Peptid mit 76 Aminosäuren, das eine Affinität zu den Proteasomen in den Zellen hat, die ihrerseits mit Ubiquitin-Einheiten markierte Proteine abbauen. Die Markierung durch Ubiquitin erfolgt durch eine Enzymkaskade.
Sind genügend Ubiquitin-Moleküle angehängt (Polyubiquitinkette), erkennt das Proteasom das markierte Protein, zerlegt es in kleine Peptide und setzt Ubiquitin wieder frei.
Ein PROTAC nutzt dieses System, indem er eine E3-Ligase gezielt an ein Protein heranführt, das abgebaut werden soll (Abbildung 1).
Das Grundprinzip der bisherigen Pharmakologie – ein Arzneistoff bindet an sein Zielprotein und hemmt dessen Funktion – hat die Therapie des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt (occupancy driven pharmacology). Von Betablockern über ACE-Hemmer bis hin zu Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) bei Krebs verdanken wir diesem Ansatz zahlreiche wirksame Arzneimittel. Dennoch zeigt das Konzept fundamentale Schwächen.
Erstens ist der Zugang zum menschlichen Proteom begrenzt. Für eine klassische Hemmung benötigt ein kleines Molekül eine gut definierte Bindungstasche im Zielprotein, zum Beispiel das aktive Zentrum eines Enzyms. Schätzungsweise 80 bis 93 Prozent aller menschlichen Proteine erfüllen diese Voraussetzung nicht und galten bisher als »undruggable« – also pharmakologisch nicht angreifbar. Dazu zählen wichtige Krebstreiber wie Transkriptionsfaktoren oder Signalproteine, die in mutierter Form als Onkoproteine wirken.
Gerade für Krebspatienten gab und gibt es große therapeutische Fortschritte – aber leider auch viel Therapieversagen. Vielleicht schließen PROTAC-Wirkstoffe einige Lücken. / © Shutterstock/Elnur
Zweitens eignen sich klassische Inhibitoren nicht für Zielproteine, die ihre Wirkung über direkte Protein-Protein-Wechselwirkungen ausüben. Protein-Protein-Interaktionen sind durch niedermolekulare Arzneistoffe oftmals nur unzureichend gezielt beeinflussbar. Denn die großen Kontaktflächen zwischen zwei Proteinen lassen sich durch kleine Wirkstoffe kaum stören. Ein prominentes Beispiel war lange das RAS-Onkogen-Produkt, das genau aus diesem Grund als »undruggable« galt – ein Problem, da es bei vielen Tumoren eine herausragende Rolle spielt.
Drittens die Resistenzproblematik: Eine einzige Punktmutation im aktiven Zentrum eines Enzyms oder in einem Rezeptor kann die Bindungsaffinität eines Inhibitors drastisch senken und die Medikation wirkungslos machen. Dieses Phänomen ist bekannt bei Krebsmedikamenten, beispielsweise den TKI oder den CDK-4/6-Inhibitoren.
Viertens erfordert die dauerhafte Hemmung eines Zielproteins hohe Wirkstoffkonzentrationen. Das stöchiometrische 1:1-Verhältnis (ein Molekül Inhibitor pro Molekül Zielprotein) begrenzt oftmals die therapeutische Breite eines Arzneistoffs und erhöht dessen Nebenwirkungsrisiko.
PROTAC lösen alle vier Probleme auf eine grundlegend neue Weise.
Die Wirksamkeit eines PROTAC-Moleküls hängt von der optimierten Struktur und räumlichen Anordnung seiner drei Teilstrukturen ab.
Der Warhead als Zielprotein-Bindungsdomäne: Dieser Teil des PROTAC-Moleküls bindet das Zielprotein (POI). Als Ausgangspunkt dienen meist bekannte Liganden. Wichtig: Der Warhead muss das Protein nicht hemmen. Es genügt, wenn er mit ausreichend hoher Affinität daran bindet. Selbst Proteine ohne aktives Zentrum können so adressiert werden, sofern irgendeine Bindungsstelle auf der Proteinoberfläche vorhanden ist.
Der Linker ist mehr als ein Verbindungsstück. Er verbindet Warhead und E3-Ligase-Liganden. Länge, molekulare Zusammensetzung, zum Beispiel Polyethylenglykol- oder Piperazinring-Strukturen, sowie Flexibilität des Linkers bestimmen, wie gut Zielprotein und E3-Ligase durch induzierte Nähe in einem ternären Komplex zusammenfinden. Dieser Komplex aus Zielprotein, PROTAC und E3-Ligase muss geometrisch passen, damit die Ubiquitin-Übertragung auf das Zielprotein effizient ablaufen kann. Die Linker-Optimierung ist medizinchemisch eines der anspruchsvollsten Kapitel in der PROTAC-Entwicklung.
Der E3-Ligase-Ligand als Rekrutierungsdomäne: Dieser Teil des Moleküls bindet eine spezifische E3-Ubiquitin-Ligase. Die Wahl der E3-Ligase beeinflusst Wirksamkeit, Gewebe- und Zellspezifizität sowie das Resistenzprofil des ganzen PROTAC-Moleküls. Aktuell werden vor allem zellgängige Liganden für zwei Untereinheiten der E3-Ligasen erprobt: für die Unter-einheiten Cereblon (CRBN) und von Hippel-Lindau (VHL).
Die Untereinheit CRBN wird von Derivaten der Immunmodulatoren Thalidomid, Lenalidomid und Pomalidomid angesprochen (Abbildung 2). Dass diese Moleküle überhaupt als CRBN-Liganden bekannt wurden, war ein glücklicher Zufall. Erst im Jahr 2010 entdeckten japanische Forschende, dass Cereblon das primäre Zielprotein von Thalidomid ist. Diese Entdeckung öffnete den Weg zu einer neuen Generation kleinerer zellgängiger PROTAC.
Ein entscheidender Vorteil der proximity-inducing drugs ist zweifelsfrei der Zugang zum »undruggable« Proteom.
Die PROTAC-Forschung fokussierte von Beginn an auf onkologische Indikationen. Vepdegestrant ist für Frauen mit einer bestimmten Form von Brustkrebs zugelassen. / © Shutterstock/Jo Panuwat D
Auch die Überwindung von Resistenzen gegenüber etablierten Arzneistoffen kann sich als klinischer Vorteil erweisen. Die Wirksamkeit wird durch Mutationen im Zielprotein weniger stark beeinflusst als bei klassischen Arzneistoffen. Solange der PROTAC-Warhead mit ausreichender Affinität an das Zielprotein bindet, kann die ¬Degradation induziert werden.
Nicht zuletzt bildet sich durch die Bindung des PROTAC mit seinem Warhead an das Zielprotein eine modifizierte dreidimensionale Struktur des ternären Komplexes aus Zielprotein, PROTAC und E3-Ligase. Dadurch bilden sich neue Kontaktflächen aus, die eine Selektivität ermöglichen, die weit über die Affinität der Einzelliganden hinausgeht.
Die Onkologie stand von Beginn an im Mittelpunkt der PROTAC-Forschung – und das aus gutem Grund: Viele molekulare Krebstreiber entziehen sich klassischen Ansätzen, und Resistenzen gegen zielgerichtete Therapien sind häufig. Der Bedarf, Proteine nicht nur zu hemmen, sondern zu eliminieren, ist in der Tumorbiologie besonders drängend.
Vepdegestrant (Veppanu®, Entwicklungsname ARV-471) ist der erste PROTAC, der im Mai 2026 in den USA zugelassen wurde (Abbildung 2). Der Wirkstoff wurde vom US-Unternehmen Arvinas in Kooperation mit Pfizer entwickelt. Das Molekül besteht aus einem Estradiol-Derivat als Warhead, der an den mutierten Estrogenrezeptor alpha (ERα) bindet, einem Linker und einem Lenalidomid-Derivat als CRBN-Liganden.
Abbildung 2: Vepdegestrant besteht aus einem Estradiol-Derivat (grün unterlegt) als Warhead, einem Linker (rosa) und einem Lenalidomid-Derivat (blau) als Cereblon-Liganden. / © PZ/Wurglics
Zugelassen ist Vepdegestrant für das ESR1-mutierte, Estrogenrezeptor-positive, HER2-negative fortgeschrittene Mammakarzinom nach vorheriger endokriner Therapie. Bei dieser Erkrankung trägt das Gen ESR1, das den ERα kodiert, eine oder mehrere Mutationen, die den Rezeptor auch ohne Bindung von Estrogenen dauerhaft aktiv halten. Klassische antihormonelle Therapien wie Aromatase-Inhibitoren und selektive Estrogenrezeptor-Modulatoren (SERM, zum Beispiel Tamoxifen), verlieren deshalb ihre Wirksamkeit.
Vepdegestrant überwindet diese Resistenz, weil es den ERα ungeachtet seiner konstitutiv aktiven Konformation markiert und abbauen lässt.
Die Zulassung stützt sich auf die randomisierte Phase-III-Studie VERITAC-2, in der Vepdegestrant gegen den selektiven Estrogenrezeptor-Degrader (SERD) Fulvestrant verglichen wurde. Die Studie zeigte eine signifikante Verlängerung des progressionsfreien Überlebens zugunsten von Vepdegestrant bei Patientinnen mit ESR1-Mutationen.
Vepdegestrant wird oral eingenommen, was gegenüber dem intramuskulär applizierten Fulvestrant einen relevanten praktischen Vorteil für die Frauen darstellt.
Verträglichkeit und Nebenwirkungen: In klinischen Studien zeigte Vepdegestrant ein handhabbares Nebenwirkungsprofil. Die häufigsten unerwünschten Wirkungen waren Übelkeit, Fatigue, Gelenkschmerzen (Arthralgie) und Hitzewallungen – ein Profil, das typisch für antihormonelle Therapien beim Mammakarzinom ist. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten deutlich seltener auf als unter Chemotherapie. Auf Basis der verfügbaren Daten ist das Sicherheitsprofil im Vergleich zu anderen endokrinen Therapieoptionen günstig.
Ebenfalls von Arvinas stammt ARV-110 (Bavdegalutamid), ein oraler PROTAC gegen den Androgenrezeptor (AR). Er wird erprobt beim metastasierten kastrationsresistenten Prostatakarzinom (mCRPC), bei dem klassische AR-Antagonisten wie Enzalutamid häufig durch AR-Mutationen, AR-Amplifikation oder sogenannte Splicevarianten ihre Wirksamkeit verlieren.
Prostatakrebs betrifft viele ältere Männer. Oft wird er erst im metastasierten Stadium entdeckt. / © Shutterstock/Lucigerma
ARV-110 degradiert den Rezeptor statt ihn zu blockieren. Mutationen in der Ligandenbindedomäne, zum Beispiel T878A und H875Y, die typische Enzalutamid-Resistenz-mechanismen darstellen, beeinträchtigen den Degrader nicht, solange die PROTAC-Bindungsstelle unberührt bleibt. In Phase-I/II-Studien zeigten sich bei einem Teil der Patienten signifikante Rückgänge des prostataspezifischen Antigens (PSA), besonders bei Patienten mit Mutationen in den AR-Ligandenbindedomänen. Die Verträglichkeit war insgesamt akzeptabel.
Jenseits von Androgen- und Estrogenrezeptoren wird an einem breiten Spektrum onkologischer PROTAC-Zielproteine geforscht. Die Tabelle gibt einen Überblick über ausgewählte Targets und Moleküle in klinischer Entwicklung.
| Zielprotein | Molekül | Indikation | E3-Ligase | Vorteil gegenüber Inhibitor |
|---|---|---|---|---|
| Zulassung (USA) | ||||
| ERα | Vepdegestrant | Mammakarzinom | CRBN | Überwindung von ESR1-Mutationen |
| Phase II | ||||
| AR | ARV-110 (Bavdegalutamid), ARV-766 | Prostatakarzinom | CRBN | Überwindung von AR-Mutationen |
| Phase I | ||||
| BRD4/BET | ZEN003694 | hämatologische und solide Tumoren | VHL, CRBN | vollständige Proteineliminierung |
| BTK | NX-2127, NX-5948 | chronische lymphatische Leukämie (CLL), B-Zell-Lymphome | CRBN | Überwindung der C481S-Mutation |
| Präklinische Phase | ||||
| KRAS-G12C | NSCLC, kolorektales CA | VHL | Zugang zu bisher undruggable Zielproteinen | |
| BCR-ABL | chronische myeloische Leukämie (CML) | CRBN | Kinase-unabhängige Funktionen eliminierbar (Abbau des Fusionsproteins) | |
| CDK4/6 | Mammakarzinom | CRBN | vollständiger Zellzyklus-Arrest | |
| STAT3 | hämatologische Tumoren | VHL/CRBN | Transkriptionsaktivität eliminierbar |
Besonders interessant sind BTK-PROTAC (BTK: Bruton-Tyrosinkinase) für die chronische lymphatische Leukämie (CLL) und B-Zell-Lymphome. BTK-Inhibitoren wie Ibrutinib haben die CLL-Therapie verändert, aber es entstehen regelmäßig Resistenzen durch die C481S-Mutation im Zielprotein. NX-2127 und NX-5948 von Nurix Therapeutics sollen diese Mutation umgehen. Klinische Belege stehen noch aus.
Ambitionierter sind Ansätze bei KRAS-mutierten Tumoren. KRAS gilt als eines der Onkogene, das sich einer Arzneimitteltherapie am hartnäckigsten widersetzt (»undruggable«). Erst 2021/2022 gelang mit Sotorasib und Adagrasib die direkte Hemmung der KRAS-G12C-Variante. KRAS-PROTAC könnten den Abbau des mutierten Proteins ermöglichen.

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PROTAC sind nicht die einzigen Vertreter des Proximity-Prinzips. Unter dem Begriff »Proxy-Drugs« werden alle Wirkstoffe zusammengefasst, die eine erzwungene Nähe zwischen Proteinen herbeiführen, um eine zelluläre Reaktion auszulösen. Gemeinsam ist allen Varianten: Sie wirken nicht durch direkte Hemmung, sondern durch Rekrutierung der körpereigenen Abbaumaschinerie. Hier noch einige Varianten der Proximity-induzierten Pharmakologie:
Molecular Glues (molekulare Klebstoffe) sind kleine Moleküle ohne Linker, die zwei Proteine direkt in räumliche Nähe bringen (»verkleben«) – ein krankheitsrelevantes Protein und eine E3-Ligase. Klassisches Beispiel ist Lenalidomid, das geeignete Zielproteine mit Cereblon verbindet.
SNIPER sind heterobifunktionale Moleküle ähnlich wie PROTAC, die jedoch andere E3-Ligasen, insbesondere IAP-Ligasen, rekrutieren.
LYTAC (Lysosome-Targeting Chimeras) richten sich gegen extrazelluläre oder membranständige Proteine, die vom Proteasom nicht erreicht werden können. LYTAC-Moleküle nutzen einen lysosomalen Abbaupfad.
AUTAC und ATTEC markieren Zellbestandteile, zum Beispiel beschädigte Mitochondrien oder toxische Proteinaggregate wie Huntingtin, für den Abbau über Autophagie.
Alle diese Varianten sind keine PROTAC im engeren Sinn, teilen aber das Grundprinzip der induzierten Nähe.
Die Zulassung von Vepdegestrant markiert einen Wendepunkt in der Entwicklung von PROTAC, die die Tür zur sogenannten »Event driven pharmacology« aufgestoßen haben. Bei ihnen ist das »Event« der gezielte Abbau von krank machenden Proteinen. Noch vor 25 Jahren war das PROTAC-Konzept ein akademisches Gedankenexperiment, das an mangelnder Bioverfügbarkeit der ersten Moleküle scheiterte.
Heute ist die klinische Pipeline umfangreich: Zahlreiche PROTAC sind in Phase-II- und Phase-III-Studien, weitere in präklinischer Entwicklung (Tabelle). Das verfügbare Repertoire geeigneter E3-Ligasen mit optimierten Liganden ist jedoch noch begrenzt.
PROTAC sind größere Moleküle als klassische Inhibitoren, was deren Resorption und Verteilung im Körper erschwert. Auch die klinischen Erfahrungen mit diesem Typ von Wirkstoffen sind noch unzureichend.
Dennoch ist die Entwicklung atemberaubend. Von Peptid-PROTAC (2001) zu oral verfügbaren Kleinmolekülen (ab 2015), über erste aufgeklärte Kristallstrukturen der ternären Komplexe (2017) zu ersten klinischen Ergebnissen (ab 2021) bis hin zur ersten Zulassung (2026) vergingen gerade einmal 25 Jahre. Diese Entwicklungsgeschwindigkeit ist für ein so ambitioniertes Therapiekonzept beachtenswert.
Ob das umfassende Versprechen der Proximity-induzierten Pharmakologie einlösbar ist – der Zugang zum »undruggable« Proteom, die Überwindung von Resistenzen im großen Maßstab und die Übertragung des Konzepts auf Infektionskrankheiten und Neurodegeneration –, wird die nächste Dekade zeigen. Die Grundlagen sind jedenfalls gelegt, nicht zuletzt aufgrund intensiver Vernetzung von akademischer Forschung und industrieller Entwicklung.
Theo Dingermann studierte Pharmazie in Erlangen. Nach Promotion und Habilitation war er bis 2013 Geschäftsführender Direktor des Instituts für Pharmazeutische Biologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Jetzt ist er Seniorprofessor der Universität. Die Apotheker kennen ihn als Referenten und Autor von wissenschaftlichen Fach- und Lehrbüchern. Der PZ ist er seit April 2010 als externes Mitglied der Chefredaktion, seit Frühjahr 2019 als einer von drei Chefredakteuren und aktuell als Senior Editor verbunden.
Manfred Schubert-Zsilavecz forscht und lehrt an der Goethe-Stiftungsuniversität in Frankfurt am Main. Er ist Sprecher des House of Pharma and Healthcare, beratendes Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Bundesapothekerkammer und Mitglied der Chefredaktion der Pharmazeutischen Zeitung. Sein wissenschaftliches Interesse gilt der medizinischen Chemie von Modulatoren nukleärer Rezeptoren und den Wirkstoffen in der späten Phase der klinischen Entwicklung.